Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1873)
- Date
- 1873-10-14
- Page
- Seite 690 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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690 zeigte die Aufschrift „Herrn Lei..mehr nicht; aber auf der Rückseite war das Siegel unverletzt und zeigte, wenn auch etwas undeutlich, die Buchstaben A. F. Der Assessor konnte bei dieser Entdeckung ein lautes „Ah" nicht unterdrücken. Vor feiner lebhaften Einbildungskraft gestaltete sich bereits der Vorgang so: Ter arme Jude war durch diesen Brief hierher bestellt, wo man ihn tödten und auörauben wollte; der Mörder wollte das blutige Messer reinigen, riß den Brief, der ihn verrathen konnte entzwei, und wischte das Messer an diesem Stück deS Couverts ab. In seinem eigenen Grausen vor dem Blute seines Opfers, hatte er das Papier weggeworsen. Das Siegel mußte auf die Spur helfen. Sorgfältig verwahrte der Assessor auch dieses corpus delicti. Alles Suchen aber nach anderen Papierstücken war fruchtlos. Jetzt blieb nichts übrig, als die Spuren im Walde noch einmal zu verfolgen. Der Assessor machte sich mit einem Polizisten hieran, während er den andern und den Schreiber bei der Leiche ließ, um den Wagen zu erwarten/" den er zur Abholung derselben bestellt hatte. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Eine ergötzliche Geschichte berichtet man der „Reform" aus Budweis, wie folgt: Se. Hochwürden der Herr. Bischof Jirecsek von Budweis ist ein höchst ehrenwerthcr Herr, dem nur Eines zu wünschen übrig bleibt, daß nämlich die Juden, so viele ihrer sind, alle miteinander nur einen einzigen — Hals hätten, und dieser gottlose Hals in seine Hand gegeben wäre; er wüßte wohl, was er mit dem Halse thäte. So viel glaubte ich, als nicht bloß Original- und Specialreporler, sondern vor Allem gewissenhafter Berichterstatter, vorausschicken zu sollen, um rem Leser das Folgende verständlicher zu machen. Die gute Stadt Budweis hat von alten Zeiten her eine berühmte Kirche,' rmd am Kirchenplatze einen sogenannten Kalvarienberg mit den zwölf Stationen; die Stationen sind zwölf kleine Capellen, mit Kreuzen, religiösen Bildern und dergleichen geschmückt; das Ganze ist recht hübsch, nur nehmen die zwölf Capellen mitten in der Stadt eine sehr bedeutende Bodenfläche weg, und daS ist keine Kleinigkeit in einer Zeit, wo sich die Hausse der Baugründe auch auf Budweis erstreckt. So kam es denn vor etwa einem , halben Jahre, daß ein liberaler jüdischer Stadtrepräsentant in der Versammlung der Stadtvertretung den Antrag stellte, die Stadt möge den Herrn Bischof um die Genehmigung angehen, die zwölf Stationen von dem werthvollen Grund und Boden zu entfernen, man wolle ihm dafür zwölf schöne Stationen auf Communalkosten durch einen tüchtigen Maler an die'Wände der Kirche malen lassen. Der Antrag ging durch, obgleich nur wenig Hoffnung war, daß der Herr Bischof auf den vernünftigen Vorschlag eingehen werde. Allein wider alles Erwarten nahm der Bischof sofort daS Anerbieten an und knüpfte feine Zustimmung an die einzige Bedingung , daß er selbst den Künstler namhaft zu machen habe, von welchem er die heiligen Bilder gemalt wünsche. Selbstverständlich ging die Repräsentanz diese Bedingung auf das Bereitwilligste ein; die Bilder wurden sonach alsbald in Angriff genommen und vorige Woche enthüllt/ Und nunmehr wurde die erstaunte Welt erst inne, daß die Peiniger des Heilands durchweg — jüdische Bürger von Budweis sind. Da paradirt der Redacteur des liberalen budweiser Localblattes, der Rabbi, der schon erwähnte Stadtrepräsentaut, von dem der Antrag ausgegangen war, und noch etwa zwanzig allbekannte jüdische Persönlichkeiten, in Lebensgröße und sprechender Porträtähnlichkeit, sammt und sonders als — „Christuslästerer". Was sägt nun aber die budweiser Judenschast zu der Geschichte? Anfangs wollten die „Getroffenen" die Sache vor Gericht bringen, allein die Klügeren wußten sie zu besänftigen; sie .thun nichts weiter, als daß sie sich vor die Kirche hinstellen und jedem Passanten, der vor den heiligen Bildern den Hut abzieht, ihren verbindlichsten Dank übstatten dafür, „daß er einen armen Juden so freundlich grüße." Das Beste an der Sache ist, daß heute der Herr Bischof selbst die Bilder für sein Leben gern entfernen ließe, allein die Repräsentanz — die jüdischen Mitglieder voran — protestiren dagegen, uno erklären: Wenn Sr. Hochwürden' die von ihr selbst bestellten Bilder nicht mehr gefallen, so möge er sich andere malen lassen — aber auf eigene Kosten. Das aber möchte der Bischof denn doch am allerwenigsten, denn in Geldsachen sind Se. Hochwürden — „selber Einer", und somit ist die beste Hoffnung, daß man in Budweis noch lange Zeit vor den armen Juden den Hut abziehen werde. Anzeigen. 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