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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-14 · Heft 42 (14.10.1873) · p. Seite 684

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 42 (14.10.1873)
Date
1873-10-14
Page
Seite 684 (sequence 4)
Language
German
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684 Beweisen, die wir vor jenem durchaus zurückstellen, wie Frohschammer geneigt ist. Was wir aber dennoch betonen wollen, ist Folgendes: Zn der Entwickelung der Zeiten giebt es Perioden, deren geistige Strömung von der Gefühlswelt erfüllt und beherrscht wird, nnd andere, in welchen die Eultur des Verstandes vorwiegt. Die Religion aber, haben wir stets behauptet, wird wahrhaft nur vom ganzen Menschen getragen und erreicht ihre Höhe nur dann, wenn Herz und Verstand sich in ihr einigen und von ihr übereinstimmend durchdrungen sind. Waltet das Herz in der religiösen Ueberzeuguug allgewaltig, so läßt es der Einbildungskraft die Zügel schießen und sie ein Reich des Aberglaubens aufbauen, in welchem jedes einzelne Bedürfnis; des Herzens seine Befriedigung sucht und mit der Anerkennung auch des Vernunftwidrigsten belehnt. Baut sich aber die religiöse Ueberzeuguug nur ans dem Verstände auf, sucht sie ihre Grundlage, ihre Befriedigung nnd Dauerhaftigkeit allein in den Begriffen, Folgerungen und Schlüssen, welche ihr die Vernunft darbietet, so bleibt sie nicht allein kalt und für Thaten wenig erwärmt, sondern sic ist auch den Schwankungen des NaifonementS und der Philosophie ausgesetzt, die schließlich mehr zur Verneinung als zur Bejahung führen. Was thut daher vorzugsweise unserer Zeit noth? Unserer Zeit, welche in der Wissenschaft so Großes nnd Dauerhaftes geleistet, den wissenschaftlichen Geist vorzugsweise entfaltet und die wissenschaftliche Methode festgeftellt und auf allen Gebieten zur Anwendung gebracht hat, zugleich aber auch die Philosophie in neuer ausgedehnter und vertiefter Weise wie nie zuvor ihren Kreislauf abermals vollenden ließ? In der That, durch Ausführung irgend welcher methaphysischer Begriffe und Beweise vermag sie die Religion nicht mehr zu bereichern und aus dem Kampfe mit dem Skepticismus zu retten. Man wird dadurch einzelne Individuen stärken und befestigen, mehr aber nicht. Was unserer Zeit noth thut, ist, ohne den Weg vernunftgemäßer Bildung zu verlasien. das Herz .wieder für die re- , ligiösen Gefühle zu erschließen und zu erwärmen; für das religiöse Empfinden neue Quellen zu eröffnen, die ihm reichliche Nahrung Zuströmen. Mit einer kühlen Verstandesbelrachtung allein, wird man den jetzigen Menschen nicht mehr ergreifen und von der Verneinung abbringcn. Aber in ihm die religiöse Gefühlswelt wieder zu beleben, und ihn dahin zu bringen, zu wisien, daß er in religiösen Dingen ebenso sein Herz, wie seinen Verstand zu befragen habe, daß er seine Vcrstandesbegrisfe ebenso unter den warmen Hauch des Herzens, wie seine Gefühle, unter das Licht des Verstandes bringen muffe, daß er den religiösen Frieden und die religiöse Wahrheit nur in der Uebereinstimmung beider finden könne, — dies ist die wahre Aufgabe und ohne ihre Lösung können wir wahrhaft nicht vorwärts kommen. (Schluß folgt.) eii. Deutschland. Gräh, 30. September. (Privatm.) Durch die königliche Regierung sind den Reetoren sowohl an der katholischen als jüdischen Schule in Gr ätz, sowie den älteren Lehrern an den drei Eoufcssionsschulen persönliche Gehaltszulagen zu 20 Thlr. resp. 4t» Thlr. auf mehrere Jahre bewilligt worden. Dem Rector an der evangelischen Schule ist bereits früher eine ähnliche Gehaltszulage zu Theil geworden. Breölan, 24. Septbr. Am verflossenen Freitage wurde beim Beginn der großen jüdischen Festtage, die hiesige zweitgrößte Synagoge zum Storch eingcweiht, welche im Lause des Sommers sammt ihrer Umgebung einer gründlichen Renovation, die gegen 2t»,ooo Thlr. gekostet hat, unterworfen worden ist. Die Synagoge wird von demjenigen Theile der jüdischen Gemeinde benutzt, welche den Reformen abgeneigt ist, während der freisinnigere Theil in dein neuerbanten Tenipel am schweiduitzer Stadtgraben seine Andacht abhält. ParchlM «Mecklenburg), 17. September. (Privatmitth.) Am verflossenen Sabbath feierte die hiesige Gemeinde in sinniger Weise den Tag, an welchem ihre Synagoge vor fünfzig Jahren zu ihrer heiligen Best'unmnng eingcweiht wurde. Man hatte das Gotteshaus prächtig ausgcschmückt, und der Religionslehrer, Herr Schlesinger, hielt eine ergreifende Predigt, welcher er denselben Text zu Grunde legte, den der bekannte sel. I)r. Kley zu seiner Einweihnngspredigt vor einem halben Jahrhundert gewählt hatte, nämlich 2 Mos. 25, 8. Der Redner konnte der Gemeinde nachsagen, daß sie diese lange Zeit in Frieden nnd Eintracht verlebt nnd ihr Gotteshaus hierdurch wahrhaft geheiligt hat. Königsberg, 17. September. Der „Jüdische Grenzbote" meldet: Gestern ist das a»n 28. Juli in'S Leben gerufene jüdische Eholeracomitö aufgelöst worden. Dasselbe hat während der herrschenden Epidemie SO an der Cholera erkrankten Personen, worunter 25, christlichen Glaubens, freie ärztliche Hülse verschafft mib Medicamente verabreicht. Bon der angeführten Zahl sind 03 genesen und 23 gestorben. Durch die Beiträge unserer Glaubensgenossen, ist es dein Vorstande ermöglicht worden, die zu diesem Zwecke verausgabten Gelder, die sich auf circa 5,00 Thaler belaufen, herbeizuschasfen. Berlin, im Septbr. Zu dem jüngsten Erlaß des Justizministers über mögliche Berücksichtigung der jüdischen Feiertage giebt die „B. u. G. Z." folgende Illustration: Während die Gerichte fast ausnahmslos die an den jüdischen

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