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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-14 · Heft 42 (14.10.1873) · p. Seite 683

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 42 (14.10.1873)
Date
1873-10-14
Page
Seite 683 (sequence 3)
Language
German
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683 dunkel. Was eine abermalige Revolution bringen würde, wer kann es sagen? ... Ich liebe durchaus nicht die Schwarzseherei. Wer aber die hiesigen Zustände mit klarem Auge betrachtet, wer die pariser Journale aller Farben täglich liest, wer die unfern Glaubensgenossen feindliche Haltung der ultramontanen wie der radikalen Presse beachtet, der kann sich auch in keiner Vertrauensseligkeit wiegen. Genug, nachdem Frankreich eben erst die äußere Niederlage von 1870 verwunden, geht eS einer noch größeren inneren Niederlage entgegen! Was ist das Ziel? Zu den jüngsten und bedeutenderen Gegenschriften, welche das bekannte Werk von Strauß heroorgerufen hat, gehört die von Prof. Frohschammer «Leipzig, Brockhaus). Obschon wir in diesem Blatte den Streit gegen Strauß weiter fortzuführen nicht beabsichtigen, so geht Prof. Frohschammer doch viel mehr auf das Positive ein, als auf die bloße Widerlegung der Straußscheu Ansichten, und giebt uns hierbei Veranlassung einige Bemerkungen zu machen. Nur beiläufig wollen wir voranschicken, daß, wenn Frohschammer „das Leben Jesu von Strauß" für eine „That, die mehr intellectuelle Kraft und moralischen Math erforderte, als die Mehrzahl seiner Gegner zusammen genommen aufbringen mochte," erklärt, dies hinsichtlich seiner neuesten Schrift gewiß nicht behauptet werden kann. Der Mnth, der gegenwärtig zu irgend einer Auslastung auf religiösem Gebiete gehört, welcher Art sie auch sei, kann nicht mehr als groß angesehen werden, da sich selbst das Absurdeste nicht scheut, sich offen an's Licht zu dränget«. Ja, wenn einmal Mnth dazu gehören sollte, so bedarf es dessen in unserer Zeit in größerem Maße, um zur Bertheitignng der echten religiösen Ideen aufzntreten als sie zu bekämpfen. Denn von der einen Seite neigt ein großer Theil der gebildeten und der wissenschaftlichen Welt zur Negation der religiösen Ideen, und noch heftiger ist das Geschrei der orthodoxen Parteien, die in der wahren religiösen Idee den Feind ihrer abergläubischen Systeme erkennen. Dieser chaotische Zustand in der Gegenwart hat aber wenigstens das Gute, daß au kein Martyrium für irgend welche Kundgebung einer religiösen Meinung zu denken ist. Frohschammer erkennt der Schrift von Strauß nur das mittelbare Verdienst neuer Anregungen zu, indem sie zur Prüfung, Bekämpfung, und so zur Klärung der Begriffe und Ansichten diente. Sonst aber bedeute sie einen Rückschritt ihres Verfassers, mit welchem er llns geistig und sittlich nicht vorwärts bringe. Strauß stehe nicht auf der Höhe der Wissenschaft, und sein Standpunkt sei im wesentlichen der alte StoieiSmus mit einigem Epikuräismus versetzt. Der Materialismus, zu dem sich jetzt Strauß bekennt, stütze sich in den letzten Grundfragen nur auf bloße Behauptungen, und habe die tiefere Forschung ausgegebcn. Dies in der Kürze die Entgegnung Frohschammers, die in ihrer tieferen Ausführung von großem Werlhe ist. Dennoch liegt für uns das eigentliche Gewicht auf der positiven Seite dieser Schrift. j Wir wollen hier die Grundanschaunng Frohschammers mit den Worten seines Recensenten in der „Beilage zur A. A. Zeitung" anführen. „Der Streit unter den Eonfessionen (den christlichen) dreht sich ja durchaus nicht um das Wesen des Christenthums, sondern um Nebendinge, welche die kirchlichen Machthaber im eigenen Interesse zu Funramentalartikelu erhoben haben. Der erste und wichtigste Fundamentalsatz der christlichen Religion ist unstreitig das Bekenntnis; zu dem Einen, persönlichen Gott. Der einzig überzeugende Beweis für das Dasein Gottes liegt aber in dem religiösen Bewußtsein des Menschen selbst. Die dem Menschengeiste als Anlage und Aetnalität immanente Gottesidee ist zugleich als die wahre göttliche Offenbarung aufzufassen. „Wie daS Auge nur existirt durch und für das Licht, ja gerade nach der Deseendenzlehre nur durch das Licht geworden ist, so setzt das schauende Auge der Vernunft oder das Gottesbewußlseiu das reale Dasein Gottes voraus. Wie es ohne Licht kein Auge gebe, obwohl das Auge im gewissen Sinne dem Licht gegenüber sich auch als schassend verhält, so ohne Gottes Dasein keine Anlage, ein Bewußtsein, Gefühl und Erkennen davon zu erlangen, obwohl hinwiederum das Göttliche sich alls dieser Anlage heraus zur Offenbarung bringt." Diese Beweisführung ist ein Beweis mit realen Faetoren, der nicht durch einen Sprung vom Endlichen aus das Unendliche, vom Relativen zum Absoluten an's Ziel gelangen will, noch auch aus bloß dialeetischer Bewegung ces Gottesbegrisstsein Dasein heranszntlauben sucht. Vom Dasein des Menschengeschlechts mit seinen höchsten Fähigkeiten und von der Existenz der höchsten Erscheimlngen in der Menschheit wird ein Schluß ans ein höchstes Urwesen gemacht." — Frohschammer sieht darin, daß Menschen, die ganz von Gotlesbewußlsein erfüllt waren, ausgetreten sind, reu vollen Beweis für das Dasein Gottes selbst. Bon diesem monotheistischen Standpunkte aus wie ihn Frohschaiumer selbst bezeichnet, muß die Reform rer Kirche nuternommeii werden, wenn sie gelingen soll. Die Aushebung alles Dogmenzwanges, namentlich die des Dogmas von der Gottheit Christi und teö daraus ciitftaudenen kirchlichen Ehristenlhuins macht den Resornworschlag Frohschammers aus. Tie Frage ob dieser 'so,,nymschlag ausführbar sei, und für die nächsten Jahrhunderte irgend eine Aussicht habe, gebt uns hier Nichts an. Wir wollen nur unsere Bemerkungen nach zwiefacher Richtung hin anssprechen. Der Beweis für das Dasein Gottes, den Frohschammer in sehr klarer und sehr lies gefühlter Weise aussühn, ist nicht neu; er gehört zu den übrigen 12*

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