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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-14 · Heft 42 (14.10.1873) · p. Seite 682

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 42 (14.10.1873)
Date
1873-10-14
Page
Seite 682 (sequence 2)
Language
German
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682 nothwentig. Da derselbe zugleich der liberalen Partei angehören wird, da cs hier nicht im entferntesten gilt, die dem Staate und seiner gegenwärtigen Richtung feindselige Partei zu verstärken, so wird Jedermann einen Ausdruck dieses Bedürfnisses als gerechtfertigt erkennen, ja, den Juten wird man den Borwurf der schwäche nicht ersparen können, wenn sie demselben keine Rechnung tragen. Allerdings wissen wir, daß in Deutschland, wie auch in Preußen die Inden in so geringer Anzahl zusammen wohnen, daß sie nicht im Stande sind, selbst wenn sie einstimmig, irgend welchen beherrschenden Einfluß auf die Wahlen zu üben. Sie bilden selbst an Orlen, wo sie zahlreicher wohnen, doch nur einen Bruchtheil der, zu der übrigen Bevölkerung gesellt, immerhin influirt, aber keinen bestimmten Kandidaten aufstellen und durchführen kann. Das Berhällniß ist hier ganz anders wie in Galizien, wo die Juden .an mehreren 'Orten die Hauptbevölkcrung ausmachen. Dennoch giebt es auch im deutscheit Reiche einige Wahlkreise, in welchen unsere Glaubensgenossen einen Candidaten anfzustellen vermöchten, der, bei obiger Tendenz, Eigenschaften besitzt, welche ihn der übrigen liberalen Bevölkerung annehmbar erscheinen lassen. Wir sind nicht im Stande, hierüber Detailsangabeu zu machen. Wir begnügen uns, in Obigem daS Bedürfniß ausgesprochen zu haben. Äns Frankreich. Paris, 2$. September. Ich halte mich für verpflichtet meine begonnene Corresponden; über die Situation in Frankreich fortzusetzen. Die Sache der Gewissensfreiheit und der Gleichberechtigung wird von Tag zu Tag immer bedrohter. Die Ueberzeugung, daß Heinrich V. den Thron besteigen werde, stärkt sich täglich mehr, da der Glaube daran sich immer weiter verbreitet. Die Republikaner wissen cs und haben keine Waffen dagegen. Sie haben nicht einmal Führer. Der gestürzte Thiers ist keine Macht mehr; hat er doch dem Gegner die Bahn selbst geebnet, wie er sie Napoleon dem dritten ebnen geholfen. Gambetta ist seines RadiealismuS und seiner Leidenschaft wegen ohne allgemeines Vertrauen, die Bonrgeosie hat solches zur Republik überhaupt nicht, da sie fürchtet, jene führe zur Commune. Seit dem Abfalle der Orleans hat die liberale eonstitutionelle Monarchie keinen eigentlichen Träger mehr. Da trägt man denn das Gerücht umher, Heinrich V. werde die Charte von 1 M l, die sein Großonkel oetreyirt hat, geben oder zugestehen. Hiermit will man die noch allenfalls liberale Neigungen hegenden Mittelelassen beschwichtigen. Was enthält aber diese Charte von 1811? Sehen wir ab von den Adelsvorrechten, von der durch den König gewählten Pairskammer, von dem hohen Ccnsus u. s. w., so lautet Art. K. „Die katholische, apostolische und röniische Religion ist die Staatsreligion", und Art. 7, „die Geistlichen der katholischen, apostolischen und römischen Religion und die der anderen christlichen Culte erhalten allein Besoldung aus dem königlichen Schatze." Mit dem Art. 0 sind die Staatsämter den nichtkatholischen Bürgern verschlossen, und auf Grund desselben könnte sogar das Wahlrecht ihnen entzogen werden. Mit dem Art. 7 fällt die Besoldung der Rabbiner, Borbeter iministres officiaiitsi, und Lehrer hinweg; denn „der königliche Schatz" bedeutet den Staatsschatz, das Budget des Staates. Es wäre noch etwas ganz Anderes für die jüdischen Gemeinden diese Besoldung ihrer Beamten ans Staatsmitteln, wie sie seit mehr als vierzig Jahren gewährt wird, wegfallen zu sehen, als die in Preußen drohende Auflösung des Gemeindeverbandes, denn hier sind die Juden gewöhnt, die Kosten ihres Cultns selbst zu tragen, und bedeutende Cultnssteuern zu zahlen. In Frankreich würden die Individuen zu einer Last herangezogcn werden müssen, von der sie bis jetzt frei waren und der sie sich nach Belieben entziehen können.. Sagte man, daß die Eonsistorialversassnng, die so wenig genutzt, recht gut entbehrt werden könne: so änderte dies in der Haupsache Nichts, denn die Gemeinden können koch nicht ohne Rabbiner, Vorsänger und Lehrer bestehen. Allerdings wäre cs fraglich, ob für die gegenwärtig angestelllen Beamten nicht der Rechtsweg beschritten werden könnte. Sie sind auf Grund der staatlichen Gesetze und wie vom Staate selbst mit bestimmten Gehalte definitiv und lebenslänglich angestellt. Aber wer steht für die Entscheidung? Und wie soll es im Weitern werden? Allerdings raunt man sich in's Ohr, so schlimm, wie es mit dieser Charte beschaffen ist, wird es nicht werden. Ich glaube aber, es wird noch schlimmer werden. Selbst abgesehen von der persönlichen Ueberzeugung Heinrichs V.. wer fiihrt ihn in seine Herrschaft ein? wer verschafft ihm die Krone? Nickst diese schwammige Mittelclasse, sondern die hitzige, leidenschaftliche, eptreme Partei der Royalisten und Ultramontanen. Sie haben Thiers gestürzt, die antirepublikanische Majorität in der Nationalversammlung vereinigt, die Orleanisten entwaffnet, in einem großen Theile des Belkes den religiösen Fanatismus geweckt und den Staat auf die Spitze gebracht, wo er biegen oder brechen muß, sie wird daher, und Niemand anders, die Herrschaft haben, den König in ihrer Gewalt, die Verwaltung in ihrem Besitz, die Comödie der parlamentarischen Kammern in ihren Händen. Nun spricht diese Partei sich jetzt schon, wo die Entscheidung erst naht, unumwunden und offen ans und proclamirt den Syllabus als ihren Code;,— warum sollte sie anders handeln, wenn sie in een vollen Besitz der Macht gelangt ist? Da wird nicht einmal die Charte beachtet bleiben, und etwaige Zugeständnisse, die über diese hinanSgingen. würden bloße Seifenblasen bleiben. Man hört nun häufig, ein solches Regime kennte sich nicht lange hatten. Indes; wir stehen in der Gegenwart, und die Zukunft ist völlig

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