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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-07 · Heft 41 (7.10.1873) · p. Seite 675

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 41 (7.10.1873)
Date
1873-10-07
Page
Seite 675 (sequence 12)
Language
German
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675 Ausfluge zu machen, von welchen nur eine Klasse ausgeschlossen wurde, wenn in ihr einmal ein schlimmer Geist sich unangenehm kundgethan hatte. Es waren noch keine Reisen-, wie man sie gegenwärtig mit den Schülern zu machen vorgeschlagen und hier und da angesangen hat; aber sie nahmen doch immer fast einen ganzen Tag in Anspruch und machten uns so mit der Umgegend meiner Vaterstadt in einem weilen Kreise genau bekannt. Freudentage waren es, deren Erinnerung noch daö Herz des Greifes bewegt, dem cs doch doch vergönnt gewesen, weite Reisen in die schönsten Gegenden unseres Erdballs zu machen. Wenn wir in geordnetem Zuge bei glänzender Sonne am blauen Himmel und frischem Morgenwinde aus einem der Stadtthore pilgerten, draußen zunächst einen Psalm anstimmten, uns dann in Gruppen auflösten, wie sie sich freiwillig zusammenfanden, lustige Lieder sangen, hinein in die Wälder zogen, aus einer Wiese lagerten zum Frühstück, das die sorgsame Mutter uiitgegeben, Mittags an einem vorausbestimmtcn Dörfchen Halt machten, und mit einer» mageren Kost von Eiern und Milch, wie das Gesetz sie gestattete — der Jugend schmeckt Alles köstlich, besonders wenn es außergewöhnlich ist — Nachmittags viele Spiele spielten, und Abends ermüdet, aber immer noch singend, neckend, plaudernd zurückkehrten: welche Lust! Doch ich will dies nicht näher schildern. Meine Vaterstadt tag am linken Ufer — wie dies so häufig an den deutschen Strömen der Fall ist — eines Flusses, der an Größe und Breite des Laufes zu den mittleren gerechnet werden kann. Wie verschieden aber waren -die beiden Ufer! Am linken breitete sich weithin eine fruchtbare Gegend, mit den üppigsten Feldern und Gärten bedeckt, von Dbstbaumpflauzungen Laubholzforsten unterbrochen; hatte man aber den Fluß nach rechts überschritten, so gerieth man bald in eine sandige Landschaft, die meist von Nadelholz in dichten ausgedehnten Waldungen bestanden war, von Zeit zu Zeit mühsam bearbeitete und nur spärlichen Ertrag gewährende Accker erblicken ließ, und zu armseligen Dörfern führte, deren verfallene Hütten mit Stroh gedeckt waren. Der Knabenlust gehörte daö linke Ufer an, und fröhlich waren die Wanderungen durch das reiche schöne Land. Und dennoch — cs liegt so in der Menschennatur — hatten die Fahren in das Gebiet des rechten UserS einen eigenen Reiz für uns. Schon daß sie seltener und mit größerer Mühe und mancher Entbehrung verbunden waren, dann die Melancholie der Landschaft, das Schweigen in der Natur, da die Vögel und Waldthiere hier lange nicht so zahlreich nisteten, und im Verkehre der Menschen; der Eintritt in den stillen Föhrcnwald, wo die Stänune glatt und gerade himmelan stiegen und nur ein wundersames Rasseln mit dem Winde durch die Zweige ging; endlich die abwechselnde Bodengestaltung, denn bald ging es einen Hügel hinaus, bald hinunter in eine einsame mit Haidekraut bewachsene Lichtung, bald wieder hinan durch dichtes Brombergesträuch, das uns im Herbste eine willkommene Labung an den röthlichen Träubchen bot — alles dies weckte eine gewisse Schwermuth in der Knabenscele, die diese reizte und ihr in der Ueberwindung die Befriedigung des MutheS und männlichen Trotzes gewährte. Da erinnere ich mich, daß uns unser Weg zwei- oder dreimal an einen schauerlichen Platz führte, der sich tief meinem Gedächniß cingepflanzt hat. Gestehe ich es nur: einzeln oder zu zwei oder drei hätten wir uns niemals dahin gewagt — unter der Führung zweier Lehrer und zu ungefähr hundert Köpfen war eS nur die schreckhafte Eigenthümlichkeit des Platzes, die wir mit einem gewissen Behagen auf unser kindliches Genrüth wirken ließen. Ich sagte, unser Weg führte unS dahin; genau genommen war es nicht so; eS führte kein Weg dahin, unsere Führer lenkten absichtlich vom betretenen Wege abseits, um dahin zu gelangen. Nicht ohne Beschwerde; eS ging abschüssig einen Höhenzug hinunter, der von einer dicken Lage abgefallener 'Nadeln bedeckt, sehr glatt war, so, daß wir mehr rrrtschten und stolperten, als hinunterstiegeu; dann kam Gestrüpp und Gesträuch, durch das wir uns nicht ohne Risse und .'Ritzen hindurcharbeiten mußten. Endlich standen wir am Rande eines ausgedehnten TeicheS oder Sumpfes. Sein schwarzes unbewegliches Gewässer war von einem breiten Rande von Schilf umgeben, durch welches der Wind zischelnd und klappernd zog, und hier und da mit giftgrünen Wasserlinsen bedeckt. Da regte sich kein Fischlein, kein Vogel nistete, kein Waldthier nahm seinen Weg dahin, um seinen Durst zu löschen; nur jenseits über dem Walde hob sich eine Krähe oder ein Rabe in die Luft »uw ließ sein heiseres Gekrächz hören. Der kleine See lag in einer Thalinulde, rings von Sandbergen umschlossen, ans deren Höhe der dichte schwarze Wald stand und feine Schatten über die enge Schlucht warf. Es war eine trostlose Oede. Wenn die Sonne hoch stand hob sich ein weißer Snalm auö dein Sumpswasser leicht herauf, der das Licht des Tages grau machte, mit rem Sinken des Tagcö sich zu Nebelgestalte n ballte, welche vor der kindlichen Einbildungskraft riesenhafte menschliche Formen annahmen und an Geister und Elfen erinnerten. Der Eindruck war tief, und schweigend standen wir am Rande des uuheimlicheu Wassers, Keiner von uns wagte dessen Ruhe durch einen Steinwurf zu stören, wie es doch anderswo niemals unterblieb, nur leise slüsterteu die sonst so munteren Gesellen sich Etwas zu, und wie erleichtert kehrten wir um, wenn der Lehrer zum Abmarsch rief. Was jedoch diese schaurige Szenerie noch schreckhafter machte, waren die Sagen, die sich an diesen Sri knüpften. Sie gingen weit in die Vorzeit zurück. Hier sollte aus einer steilen Höhe eine Burg gestanden haben, ressen Bewohner die gräulichsten Thateu, wie der Volksmund erzählte, vollbrachten, und da sie einst einen Mönch, der ihnen Buße predigte, erschlugen, sei die Höhe und das Schloß mit allen feinen Bewohnern und den Schätzen, die es beherbergte, in die Tiefe gesunken, in eine unergründliche Tiefe, die sich mit dem giftigen schwarzen Wasser 41*

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