Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-07 · Heft 41 (7.10.1873) · p. Seite 676

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 41 (7.10.1873)
Date
1873-10-07
Page
Seite 676 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226948--32027-3254977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

676 bedeckte. Denn jetzt hätte noch Niemand vermocht, die Tiefe des Sumpfes zu finden. In den Nächten erhoben sich die Verdammten ans der Tiefe, streiften in Nebelgestalten durch die Gipfel der Wälder und klagten und jauunerten im Sturme, der die Kronen der Föhren aneinderschlagt und bald in schrillen Tönen, bald wie Kettengerassel, bald in heulendem Aufschrei bis weit in die Ebene schallt. — Aber das war aus der Vorzeit, über deren Kunde schon der Knabe zweifelnd zu lächeln beginnt. Ein Anderes lag näher. An diesem Platze war — ein Mord geschehen, an einem schuldlosen Juden, der des Weges gekommen, welcher früher au dem Sumpfe vorüberführtc, seitdem aber — es waren schon zwei Jahrzehnte voriibergeflossen — verlassen und verschwunden war, da die seltenen Wanderer lieber einen Umweg machten. Man hatte den Juden überfallen, getörtet, in das Wasier geworfen. Die Unthat, die noch mit mancherlei erschwerenden Umständen verbunden gewesen sein sollte, war meiner Knabenzcit noch nicht aufgehellt. Aber geschehen war sie, denn der Leichnam des Ermordeten lag auf dem Gottesacker unserer Genu'inde, und Jeder von uns hatte wohl an dem Grabhügel gestanden und die Inschrift gelesen, welche den Frevel mit kurzen Worten berichtete. Der Grabstein sing au mit grünlichen Flechten sich zu überziehen, aber noch war die Missethat ungesühnt. Seit dem nannte das Volk den Sumpf den „Judenteich". Ein Mord war in unserer friedlichen Gegend ein höchst selienes Ereignis;, so daß ein solches sich dem Gedächtnisie des Volkes tief cinprägte und den Ort der Thal zu einem verrufenen machte. Wir Knaben standen um so erregter am Rande des Sumpfes, da hier Schreckliches an einem Glaubensgenossen verübt war, und wir uns die Stellen zeigten, wo nach der Sage alles Einzelne geschehen. ES ist eigen um die Seele des Kindes, die Eindrücke sind tief, nnverlöschlich; aber die Stimmung ist voll Wechsels, und wenige Augenblicke nach schwerer Traun'gkeit kehrt Heiterkeit zurück, und Lachen und fröhlicher Gesang nimmt schnell wieder die Stelle deS Ernstes ein. Bei jener Veranlassung aber tritt das Gedächtniß dessen, was man geschaut und erfahren, wieder hervor. So erinnerte auch ich mich häusig des Judenteiches und des dort ermordeten Inden. Ich fragte und forschte nach Allem, waS man davon wußte. Es stellte sich ein ziemlich vollständiges Bild davon zusammen, aber ich ahnte damals nicht, daß ich noch persönlich damit zu schassen haben würde. Ich halte Jura studirt, in der Meinung, das; bis zur Vollendung meiner Stirdien jene Ausschließung aushören werde, welche dem Juden die Richtercarrure verschloß. Diese Hoffnung war in meinem Valerlande noch nicht in Erfüllung gegangen, aber man ließ nus doch bereits zum Advocatcnstandc zu, und ich war daher als Praklikant bei einem RechtSanwalte eingetreten. Da war es, wo ich den diesen Mord betreffenden Proceß, der durch eine eigene Verkettung der Umstände wieder ausgenommen werden mußte, mit durchmachte. Nach dem Abschluß lagen mir alle Acten vor, und ihnen gemäß will ich diese sonderbare Geschichte erzählen. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Wie man es bisweilen angefangen hat, Judenverfolgungen hervorznrufen, lehrt uns folgende erbauliche Geschichte. Unter dem Könige Ferrante von Neapel hatte die Geistlichkeit die Gewohnheit angenommen, Wunder geschehen zu lasten, uitb durch sie das Volk und die Fürsten nach ihrem Willen zu leiten. Es fehlte aber auch nicht an Beispielen, wo solche Jntriguen aufgedeckt wurden. Jetzt hatte man die Absicht, den König zu einer Judenverfolgung, ähnlich der spanischen, zu zwingen. Man vergrub bei Tarent eine Bleitafel und ließ sie auffinden, deren Inschrift dem Könige befahl, zu der Zeit, die jetzt'eingetreten, die Juden zu vertreiben, ihnen ihre bewegliche und unbewegliche Habe zuvor abzunehmen, und wo das Volk über dieselben herfallen wollte, dies geschehen zu lassen. Der König durchschaute die Jittrigue, ließ die Tafel als gefälscht erweisen und die Sache unterdrücken, was ihm nicht leicht wurde, da die Geistlichen an das Volt appellirten. (S. Poutau de Sermone L.!!. Vandello, Parte I, Nov. 32.) Wir Inden haben gegenwärtig den Jesuiten einigen Dank zu wissen. Bekanntlich konnte man eine geraume Zeit hindurch kein Buch, keinen Ataman, oder irgend welche Novelle ausschlageu, ohne daß darin ein Jude charrikirt oder wenigstens einige Schmähungen auf die Inden losgelassen wurden. Seitdem aber der Kampf gegen-den Ultrainontauismus losgebrochen, hat sich das Blättchen gewandt, und die Jesuiten und Klerikalen sind es, welche überall als nun einntal nicht zu entbehrende Prügelknaben dienen müssen. (B e r h i n d e r t e Wallfahrt.) In der Stadt Neu-Sandec in Galizien lebt nnd wirkt in der dortigen Jsraelitengemeinde ein Rabbi, Namens Halberstamm, ein Großmeister der „Chassidim"- Sekte, der unter seinen Getreuen den Ruf eines Heiligen und Wunderthäters genießt, und zu dem in dem jetzt eben von den Israeliten gefeierten „Tagen der Buße und Sühne" i22. September bis 1. October) auch nicht wenige seiner Glaubensgenossen aus Ungarn zu pilgern pflegen, um sich seinen Segen und seine Vermittlung beim lieben Gott zu erbitten. Wie wir nun aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.