Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1873)
- Date
- 1873-10-07
- Page
- Seite 674 (sequence 11)
- Language
- German
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674 schaue, die Triller und „Dreher", mit denen er an besonders hohen Festtagen seine Stimme verziert, und eS thut meinem Herzen wohl, zu denken, daß er ein guter Freund gewesen von „Muschlein, dem Iud aus Brünn" und „Wolf, dem Iud von Neustadt", denn alle Drei konnten einander wechselweise in die Fenster schauen. Es sind wunderliche Warnen, mit denen der liebe Herrgott selber, wenn er sie einst zur Auferstehung ruft, seine Noth haben wird; aber ich gebe sie, wie ich sie gefunden: „Müschen der Zud" und „Mordlein der Iud" und „Eschlein der Zud" und „Adam von Lemlls der Iud". Zuweilen wird auch, zum Unterschiede, ein Prädicat gebraucht, wie „der reiche Steusfen der Zud" oder „Sundlin RachmelS, des Zurcn Bruder"; aber niemals fehlte der Titel „der Zud" — ach, wie Zener gesagt — wenn die Ehre nicht gewesen wäre, das Verguügen war nicht so groß! Vielleicht war es auch zur „mehreren Bequemlichkeit" für Alle, die es anging, eine Art von Signalement für den Tag des Gebrauches. Und dieser Tag kam im Zahre des Herrn 1121 , und mit ihm kam der Pöbel, der bei solchen Gelegenheiten aus dem Boden wächst, und brach in die stille Zudenstadt und plünderte — ich befürchte, vor allen Dingen „des reichen Steusfen, des Zuden" Haus, dcmolirte die übrigen und baute aus der „Zudenschnl", dem „Judeuspital", dem „Jndensleischhof" und der „Canlorey" (in welcher „Smcrlem's, des Sanckmeisters" Stimme nicht mehr gehört werden sollte) ein neues UniversitätSgebäude, gar nicht zu reden von den „120 hebräischen Hunden", welche sie zum Ueberfluß verbrannten, um die gute Stadt von den ,,0i'imiun 8uovu" derselben zu reinigen, wie die Tafel an dem Hause des Zndenplatzes in schönen lateinischen Hexametern noch heute besagt. Diese „wilden Verbrechen" bestanden natürlich in Brunnenvergistung, .Hostienraub und anderen unschuldigen Ergötzlichkeiten, denen die Zuden damaliger Zeit — wenn man den mittelalterlichen Ehronisten Glauben schenken darf (und warum sollte man nicht?) - - mit Leidenschaft huldigten, obwohl Feuertod für die Missethäter und Verbannung für den Ziest die unausbleiblichen Folgen waren, wenn sie gefaßt wurden. Und gefaßt wurden sic, nicht nur, wenn sie solche Frevel begangen, sondern vielmehr noch, wenn sie dieselben nicht begangen hatten, so daß, mochten sie's nun anfangen, wie sie wollten, die Moral lautete: „Hilft nichts, der Zude wird verbrannt" — und verbrannt ward er. Die Zuden sind später wieder zurückgekehrt, und obwohl noch mehrfach, zuletzt unter Leopold 1. „abgeschassi", wie der classische Ausdruck lautete, habe» sie doch allmälig festen Boden in Wien gewonnen, und cö geht ihnen daselbst, Gott sei gedankt, recht wohl. Aber von dem Platz, der ihren Namen fuhrt, haben sie seitdem nichts mehr wissen wollen; haben ihn vielmehr im 17. Zahrhundert den Zesuiten, im 10. Jahrhundert den Omnibuskutschern überlassen, und sich, nachdem sie mit dem Feuer so trübe Erfahrungen gemacht, den. mehr congenialen Gegenden „am Wasser" und „über dem Wasser" zngcwendet. Da kann man sie noch in all ihrer Glorie sehen, mit langen, seidenen Röcken, wie Shylock einen trug, mit spitzen Bändern, Hängelocken und hebräischen Schildern vor der Thür. Solche Schilder, mit allerlei sinnreichen Gemälden von geräucherten Würsten garnirt, begegnen Einem überall in den gesegneten Gegenden des Salzgries und der Taborstraße. Frauen mit weißen Hauben, tief über die Stirne gezogen, damit man um Gottcswitten das Haar darunter nicht sehe; Versammlungen von Männern, die über einen alten Rock mit einander debattiren, in einer Sprache, die weder „natürlich syrisch", noch „gut crabatisch" ist, sondern wohl ein Gemisch von beiden sein mag; fahrende Schüler aus Polen mit einem Gurt mit den Leib und einem runden Hütlcin hinten im Nacken — daö Alles handelt und wandelt hier vor jüdischen Garküchen und jüdischen Kasfeehäusern herum; nirgends aber mit. einem Zuge größerer Familiarität, als wenn man die Judengasse vom Hohen Markte her betritt. Da sind sie ganz unter sich, wie weiland im Lande Kanaan. Da gehen sie unter den, einander mit den. Giebeln fast berührenden .Häusern mit der halblangen Pfeife spazieren, wie Männer, die sich das wohl anthun dürfen. Da sind polnische Inden und deutsche Inden, mit Hüten auf dem Kopfe und mit Hüten unter dem Arme, mit Röcken und Hosen über der Schulter, und mit Stöcken und Regenschirmen in der Hand. Außerdem hängen und baumeln ans allen Fenstern der ersten Stockwerke Haus bei Hans dicke Zengbündel herab, eines dicht am anderen, so das; man in der Zntengasse zu Wien, wenn nicht unter Palmen, doch buchstäblich unter getragenen Kleidungsstücken wandelt, wie unter einem Baldachin, welcher Schutz.gegen die Sonne gewähren würde, wenn die S?tme überhaupt in die Gasse hereinscheinen könnte. Aber das kann sie nicht, ste mag sich stellen wie sie will. Und so, von der Hitze nicht belästigt und von keinem Wagen jemals in ihren wichtigen Geschäften unterbrochen (denn kein Wagen hat Platz in der Judengasse), stehen diese Auscrwählten immer mitten aus dem Fahrwege, behaupten denselben (und alles Terrain ringsum) in gedrängten Masten, durch welche ein gelegentlicher Besucher nur schwer durchkommt, und promcniren unaufhörlich von dem Lazzenhof bis zur Kirche des heiligen Ruprecht, der zwar nicht ihr Heiliger ist, mit welchem sie jedoch in Anbetracht der langjährigen Nachbarschaft auf ganz gutem Fuße stehen. Der Indenteich. Eine Criminalgeschichte erzählt von L. Schr. l. Tie Schule, die ich als Knabe besuchte, hatte den guten Gebrauch angenommen, mit den Schülern von Zeit zu Zeit