Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-07 · Heft 41 (7.10.1873) · p. Seite 673

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 41 (7.10.1873)
Date
1873-10-07
Page
Seite 673 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226948--32024-3254974
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

673 Wuth der Menge ausgetobt hatte, forderte diese die Befreiung der fünf arretirten Personen. Die Gendarmerie mußte der Menge nachgeben, weil eine Entwaffnung derselben beschloffen wurde. Hierauf ging der Pöbel auseinander. Damit schloß der Tumult am Abende des 25». März 1871. AuS der Largestellten Sachlage ergiebt sich nun. daß zwei Facta in Erwägung gezogen werden muffen: das eine vom 21., das andere vom 25. März 1871. Nach, gepflogener Boruntersuchung beschloß nun das k. k. krakaucr Lanresgericht in Strafsachen, daß gemäß den 190 und 2<>0 des Strafgesetzbuches SO Personen in Len Anklagestand versetzt werden, da daö Verbrechen der öffentlichen Gewaltthätigkeil nach $. Sl, des Diebstahls nach den 171, 173 und 175, der Uebertretung der Ruhestörung nach den 279, 283 und 28 1 vorliegt. Von diesen 80 Beschuldigten sind 5 in Untersuchungshaft, die anderen 81 auf freiem Fuße, durch Verlesung dieses AuklageaeteS begann das Verhör mit den Angeklagten und Zeugen, das bereits zwei Tage das genannte Richlercollegium in Anspruch nimmt. Viele der Beschuldigten sind ihrer Thal geständig, mehrere überführt. Die In-en in Wien. - Der bekannte Schriftsteller Julius Rodenberg giebt jetzt im Feuilleton der „N. fr-. Pr." „Wanderungen in Wien", welche in ihrem fünften Artikel eine Skizze über einen Theil der Juden in Wien enthalten, der gewöhnlich rer Aufmerksamkeit entgeht dessen Dasein daselbst rer Auswärlige deshalb gar nicht erwartet. Dieser Theil ist selbstverständlich ans anderen Kronläncern mu portirt. Wir geben daher diese Skizze hier wieder. - Noch immer ist die Wipplingerstraße eine rer Haupladern des internen commerzietlen Verkehrs von Wien, wie vor 'Alters, da der große Handclsweg, von Baiern und Oberösterreich, von den Städten und Stiften am rechten Denanufer durch das Schottenthor hereinsiihrend, in dieselbe mündete. Daß aber, wo Hantel ist, die Juden nicht fehlen, versteht sich. Wir brauchen nur von der Wipplingerstraße rechts abzubiegen, so sind wir ans dem Juoenplatz — heul' ein stilles, geräumiges Viereck, mit schönen alten Häusern ringsum und mehr T Nimbussen idie nach Dernbach fahren, als Juden, waS ihnen auch in Anbetracht einer gewissen Tafel, die sich an einem derselben Häuser befindet, kein Mensch verdenken kann. — Mamüchfache Schicksale haben die Juden in Wien gehabt, und es ist sonderbar zu constatiren, daß es ihnen hier (und überall) in dem Maße besser erging, als man sich von rer Linie moderner Eivilisation rückwärts bewegt. Nirgends aber muß man einen so weiten Weg machen, um die Tage ihrer Prosperität zu entdecken, als in Oesterreich, wo sie nämlich, nicht früher und nicht später als gleich nach der Sündsluth, im Lande unter rer Enns ein Judenreich gegründet haben sollen mit jüdischen Königen, jüdischen Herzogen und jüdischen Markgrafen, zweiundsiebzig an der Zahl, die, nachdem sie bald zu Tulln, bald zu Stockerau und Kronenburg Hof gehalten, an ton entsprechenden Orten begraben wurden, zusammen mit einem Niesen, Namens Mordechai. Es ist freilich eine große Beruhigung, das 'Alles zu wissen, und nur ein großes Malheur, daß 'cs schon so grausam lang her ist; denn was helfen einem jüdische Könige und jüdische Niesen, wenn sie begraben, und sich noch obendrein herausstellt, daß ihre Grabsteine, oder was die Chronisten dafür gehalten, gar keine Grabsteine sind, sondern Trümmer von zerstörten Synagogen, Bruchstücke von nierergerisienen Judenhänsern und klägliche Neste von aufgewühlten jüdischen Friedhöfen! Mit allen Judenverfolgungen ging ein derartiger Sport Hand in Hand, der in jener banlustigen und ökonomischen Zeit außerdem ein sehr geschätztes Baumaterial lieferte, Mauersteine für Gnmpendorf und Fundamente für die Kirche des heiligen Leopold. Die Methode war einfach, vortheithast und billig. Bald da, bald dort saßen die Juden.im alten Wien, und es wundert uns nicht, daß wir sie besonders im sogenannten „Elend" finden, in der Nähe der ehemaligen Elendbastei; denn eigentlich war ja das Elend überall, wo sie waren. Das Privileg des Hohenstausenkaisers aber, welches 'Wien zur freien Reichsstadt erhob, schied die bisher verhältnißmäßig noch gut fituivtcn „herzoglichen Kanunerknechte" aus der Gemeinschast der übrigen Einwohner aus, gab ihnen ein eigenes „Indenrecht" und zwei „Fndenrichtcr", bis sic zuletzt, seit Ende des vierzehnten Jahrhunderts und vor ihrer gänzlichen Vertreibung in der Gegeno res heule noch sogenannten Judenplatzcs auf eine Art von Ghetto beschränkt wurden. Ein sehr interessanter Plan (nach Grundbuchsstudien des Herrn v. Eamesinaj, een ich in der „historischen 'Ansstellung der Stadt 'Wien" gesehen, hat mich darüber unterrichtet, wie nett sie hier beisammen saßen, wie sie hießen und was sie trieben. In die Grenzen dieses Indenreiches, welches vor dem anderen „unter der Enns" den Vorzug der historischen Beglaubigung voraus hat, schaute das RaihhauS herein, zur Rechten war die „Hochepruck", dem Thor bei derselben gegenüber das Jndenlhor, und rer „Freithof von Unserer lieben Frau" schloß die Barri'-re, während rings umher wie gute Wächter die wackeren „Knersner" der Wipplingerstraße saßen. Innerhalb dieses Winkels nun, dessen Geruch und Fiiisterniß durch vier Jahrhunderte bis hierher zu mir dringen, lebte „Meidlin der Ino", rer, wenn er wellte, in Schlasrock und Panteff'eln „Rechlinn, der Jüdinne" idre ich mir als eine interessante Wittib, 'Anfangs rer Fünfziger denkeseinen Besuch abstatten konnte; renn sie waren Nachbarn und wohnten Haus an Haus. „Smerlem der Jud, genannt Sanckmeister", wird wohl der „Ehasan" rer damaligen wiener Gemeinde gewesen sein — ich höre ordentlich, wenn ick) ans den Grundriß seines Häusleins U

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.