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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-07 · Heft 41 (7.10.1873) · p. Seite 672

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 41 (7.10.1873)
Date
1873-10-07
Page
Seite 672 (sequence 9)
Language
German
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672 I e u i l l e t 0 n. (Ein proceß in Galyien. <S ch l u ß.) Nachdem die Gendarmen eingesehen, daß ihre gütlichen Vorstellungen keinen Erfolg hatten, wendeten sic andere Mittel an, um die Menschenmasse auseinanderzusagen. Während die Gendarmen mit dem Pöbel beschäftigt waren, begaben sich zwei Individuen, — Ignaz Miedenski, Schuster, und Joseph Bujarski, Schneider, — auf den Kirchthum und läuteten Sturm, damit sich noch mehr Volk vor der Fabrik versammle. Diese zwei Epcedenten wurden sestgenommen; einem jedoch gelang es, zu entfliehen. Die durch das Gteckengeläute vergrößerte Menschenmenge ging zwar spät in der stacht auseinander, koch mit der lauten Ankündigung, daß eine zweite Versammlung stattsinden werde. Als die Gendarmerie von diesen Vorfällen den Bezirkshauptmann in Kenntniß setzte, ertheilte er dem Gcmeinrevorsiande eine strenge Rüge wegen Nachlässigkeit '.in der Erfüllung seiner Pflichten und ermahnte denselben, hierin vorkommendenfalls pslichtgetreuer und wachsamer zu Werke zu gehen, da-man im Falle einer wiederholten Ruhestörung gezwungen sein würde, auf Kosten der Stadt militärische Hülfe herbeizuziehen. Als der Bezirkshauptmann vernommen, daß trotz seiner Ermahnungen der Gemeindevorstand den Dingen ihren Lauf zu lassen gesonnen sei und daß man mit einem Ueberfalle der Wohnung des Heren Lion drohte, wendete er sich am 25. März auf telegraphischem Wege an die Bezirkshauptmannschaft in Krakau um Herbeisendung einer niilitärischen Assistenz und ermächtigte gleichzeitig die städtische Gendarmerie zum sofortigen Einschreiten für den Fall, daß der drohende Ueberfat! vor der Ankunft der militärischen Hülse stattsände. Der Saybuscher Bürgermeister Wojciech Obtulowiez behauptete, daß er von den Ereignissen am 2-1. März 1 ST 1 nichts wußte und daß er von denselben erst am 25. durch seinen Polizeirevisor Johann Maulitz erfahren hätte, dem er auch die Ausführung deö vom Bezirkshauptmann erhaltenen Auftrages bezüglich der Aufrechterhaltung der Ordnung ganz überließ und sich weiter um nichts kümmerte. In Folge dieser Vorfälle am 2-1. März 1871 schickte am darauffolgenden Tage der Wachtmeister Treimer ans Vorsicht eine auS zwei Gendarmen bestehende Patrouille zur gedachten Fabrik. Es war 5 Uhr AbendS, als sie hinkam, und viel Volk hatte sich bereits vor der Fabrik angesammelt. Rach einer in Ruhe verstrichenen Stunde begann der Tumult, Kinder schrieen: „Hurrah! Aus die Juden!" Die Erwachsenen stimmten bald in diesen Ruf ein. Die Gendarmen sendeten um Verstärkung. Hierauf erschienen der Wachtmeister Treimer mit zwei Gendarmen, die Finanzwachmänner Theophil Ladzinski und Johann EiesiclSki und hinter ihnen der Bezirkshauptmaun von Sahbusch in Person. Die inzwischen bedeutend angewachsene Menschenmenge wollte auf das besänftigende Zureden des Bezirkshauptmaunes zum Auseinandergehcn nicht hören. Ein Gendarm suchte durch angedrohten Gebrauch der Schußwaffe das Volk zum Räumen des Platzes zu zwingen. Statt Folge zu leisten, brach die Menge in leidenschaftlichen Lärm aus und schrie: „Der Bezirkshauptmaun sei ein Gorale und halte mit den Juden! Tie Gendarmerie dürfe nicht schießen und der Gendarm sei kein Prediger!" Gleich darauf siel ein dichter Steinregen von allen Seiten. Daö war der Gendarmerie zu viel. Der Wachtmeister commandirte zur Attaque, die Finanzwachmänner traten mit aufgepflanzten Bajonnetten vor die herauströmeude Menschenmasse, um sie auf diese Art zum Auseinantergehen zu zwingen. Doch vergebens! Tie Ruse: „Hurrah! Auf die Juden!" wollten nicht enden. Ter Tumult vergrößerte sich. Da ergriffen die Gendarmen fünf Individuen aus der Mitte der Menfchenmasie und sperrten sie in der Fabrik ein. Zu dieser Zeit erschien auch der Saybuscher Polizeirevisor I. Maulitz mit zwei Pölizeiwachmännern. Auch er versuchte durch friedliche Worte die Menge zum Räumen des Platzes zu bewegen und versicherte, daß die Frau des Lion gar nicht in der Fabrik anwesend sei. Ta schrie die Menge: „Wir glauben Niemandem!" Der Pelizeirevisor ging mit einigen Excendenten in die Wohnung des Lion, um sie zu überzeugen, daß dessen Frau abwesend war. Während dies geschah, drängte sich das Volk auf die Gendarmen und Finanzwachmänner. Ein entsetzlicher Lärm entstand, hierauf ein neuer Steinregen; es hieß, der Polizeirevisor sei in der Fabrik angegriffen und mißhandelt worden. Wiederholt versuchte die Gendarmerie die Menge zum Auseinandergehen zu bewegen. Als aber der Aufruhr größere, gefährliche Dimensionen anzunehmen begann, gab der Wachtmeister Treimer zum ersten Male Feuer; die Schüsse wiederholten sich seitens der anderen Gendarmen. Ein furchtbarer Moment trat ein. Da hieß es, eine Frau wäre erschossen worden, und wirklich lag eine Saybuscher Bürgerin, Marianna Staszkiewiez, vor der Fabrik im Todeskampfe. Die Menge unterbrach auf einen Augenblick das Hurrahrufen. Gleich darauf aber begann das wilde Toben mit verdoppelter Heftigkeit, die Gendarmerie wurde verdrängt, ein Steinhagel zertrümmerte die Fenster der Fabrik. Die zurttckgedrängten Finanzwachmänner eilten in die Fabrik, aus der das Jammergeschrei res nach Hülfe rufenden Lion vernommen wurde. Durch das -anhaltende Steinwcrfcn geriethcn die Finanzwachmänner in Todesgefahr. Plötzlich stürzte sich die tobende Rotte durch die ausgeschlagenen Fenster in die Wohnung des Lion, sprengte das Thor deö Hausflurs, zertrümmerte die Möbelstücke,- warf sie auf die Gasse und plünderte und raubte nach Kräften. Nachdem die

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