Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1873)
- Date
- 1873-10-07
- Page
- Seite 668 (sequence 5)
- Language
- German
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668 de« Volkes nicht entarten ließen. Es sind keine Zeugnisse vorhanden, das; selbst in den rohesten Zeiten deS Mittelalters irgend eine sittliche Verwilderung der jüdischen Masse eingelrcten sei. Ihr Fanatismus für ihre Religion äußerte sich niemals in barbarischen Handlungen, oder in Vekehrungssncht gegen Andersgläubige, sondern nur im Märtyrerthum snr ihr Bekenntnis;. Wir wollen unfern Vätern hieraus kein besonderes Verdienst machen und zugestehen, das; die Verhältniffe sie dazu nöthigten, — aber die Thatsache bleibt doch dieselbe und hat ihre Beweiskraft snr unsere Auffassung. Die Verfolgungen, welche über sie hercinbrachcn, weckten und nährten umsomehr die Aufopferungsfähigkeit, die Theilnahme an dem Schicksale ihrer verfolgten Brüder, ihren Wohlthätigkeitssinn; und wie diese Tugenden veredelnd auf das Gemüth wirken, brauchen wir nicht hervorzuheben. Der Hohn und die Mißhandlung, die draußen ihrer warteten, machten ihnen die Familie nur um so theurer, und stärkten diese Bande zur Unauflöslichkeit. Um so nachdrücklicher mußte die Wirkung sein, als nun doch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine Renaissance für das Iudenthum sich einstellte, nach der Gesammtentwickelnng der Menschheit und den Lebensgcsctzen im jüdischen Stamme selbst sich einstellen mußte. Die Aufgabe hatte ihr leichtes aber auch ihr schwieriges Moment. Leichter war cs den Juden gemacht, weil sie weder das Geschäft des AuSgrabens der Antike aus ihren Trümmern zu betreiben noch die Arbeit der Entwickelung aus allen Geistesgebieten und in allen Lebenssphären zu leisten hatten, sondern an ein gewissermaßen fertiges zu treten, es kennen zn lernen, zn begreifen, in sich äufzunehmen und zu verarbeiten hatten. Dahingegen war das, was ihnen so ans ihren: Wege begegnete, von so unermeßlicher Fülle, so mannichfaltig, so ausgedehnt und vertieft zugleich, daß es unleugbar einer großen Begabung und einer mühevollen Arbeit bedurfte, um es zu überwinden. Man werfe nur den Blick auf Nationen, die niit einem Male anß langer Ausschließung herauStraten, und ihre Erfolge, um dies zu begreifen. Andererseits mußte eben jenes consequent und systematisch durchgeführte Lebenselement, das bis jetzt das ganze geistige Dasein der Juden ausgesüllt batte, vermöge seiner immer behaupteten Eontinnität einen großen und zähen Widerstand leisten. Hierin aber lag wiederum auch eine Erleichterung. Denn durch die Consequenz und die atlmälig eingetretene Erschöpfung des Geistes war dieses System ausgelebt, zur Erstarrung nnv Verknöcherung gekommen, wodurch es zwar in der Gesammtheit von Wuchtigkeit war, in den Individuen aber allzuleicht zersplitterte. Es ist nun nicht unsere Absicht, diese Renaissance im Judenthume näher zu schildern. Im Detail aber giebt sie mancherlei den Wirkungen jener früheren allgemeinen Renaissance ähnliche Erscheinungen zu beobachten. Tenn selbst eine politische Aufgabe hatte sic den Juden zu stellen, indem sie die Verhältnisse ans den: Feudalstaale, in den.cn sie noch lebten, zu beseitigen Hütten. Hingegen ging der Wechsel der. Strömungen in der jüdischen Renaissance viel schneller vor sich. Bekanntlich brachte die Renaissance eine starke Religionslosigkeit hervor; dann trat die Reformation auf den vorbereiteten Boden ein, und beide bewirkten die Gegenreformation in der katholischen Kirche, an welche sich wiederum die starre theologisirende Richtung im Protestantismus lehnte. Eine solche Periode der Religionslosigkeit, die Wiederbelebung des religiösen Geistes durch Reformen und diesen gegenüber wieder ein Erstarken der stabilen Partei zeigt uns auch die Renaissance des Judenthnms. Hier aber tritt mildernd und wohlthätig die vorherrschende Wissenschaftlichkeit und Gesittung unserer Zeit auf. Die Lebensentwickelnng, sobald sie sich mit der Wissenschaftlichkeit vereinigt hat, läßt die Extreme nicht zur Geltung kommen, sondern schleift die Gegensätze ab, um die Entfaltung von innen heraus auch zu einer allmäligen äußern Gestaltung zu bringen. Deutschland. (Sollt, 23. September. Aus den gestrigen Verhandlungen der Deutzer Stadtverordnetenversannnlnng theilen wir Folgendes mit: Die Cölner Synagogengemeinde. welche bekanntlich nüt den Deutzer Israeliten gemeinschaftlich einen in: Deutzer Gebiete belcgenen Begräbnißplatz besitzt, halte vor einiger Zeit an die dortige Verwaltung den Antrag gestellt, den Kirchhof, der ihren jetzigen Bedürfnissen nicht mehr entspricht, um ein Terrain von sieben Morgen vergrößern zu dürfen. Nachdem derselbe abgewiesen worden, hatten Verhandlungen mit der königlichen Regierung statlgesunden, welche einen für die Antragstellerin günstigen Erfolg hatten. Daraus hatte die Gemeindevertretung der Stadt Deutz RecurS an den Oberpräsidenten ergriffen und in demselben hervorgehoben, daß eine Gemeinde nicht verpflichtet werden könne, die Unannehmlichkeiten einer andern zu tragen, daß Deutz kaum so viel Hunderte Israeliten als Eöln Tausende zähle und das; bei herrschenden Epidemien die anS letzterer Stadt über die Brücke kommenden und durch Deutz gehenden Leichcnzüge für die Einwohner dieser Stadt gefährlich werden müßten. Der Oberpräsivent überwies diesen Recnrs der königl. Regierung zur Entscheidung, welche zn Gunsten der Synagogengemeinde anssiel. In seiner gestrigen Sitzung beschloß nun das Stadtverordnctencolleginm wiederum Reenrs an den Oberpräsidentcn zu ergreifen, damit dieser selbst in' der Sache entscheide, und, falls von dieser Seite auch für Vergrößerung des Friedhofes entschieden werde, sich an den Eultnsminister und an den Minister des Innern zu wenden. — So berichtet die „Eöln. Ztg." Die