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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-10-07 · Heft 41 (7.10.1873) · p. Seite 667

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 41 (7.10.1873)
Date
1873-10-07
Page
Seite 667 (sequence 4)
Language
German
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667 von Frankreich her einen andern Einfluß haben, als sich selbst immer mächtigere Feinde zn schaffen. Für die Gleichberechtigung in den anderen Staaten besorgen wir daher nichts, auch wenn sie in Frankreich zeitweise wieder gefährdet sein sollte. Ein geschichtliches Charakteristikum. II. Bei einer Vergleichung der jüdischen Cnltur- und Literaturgeschichte mit der allgemeinen, hat man niemals zn vergessen, daß die ersterc sich nur ans einem beschränkten Boden bewegte und nach der Zerstreuung des Volkes selbst die politische Aufgabe verlor.- Dieses abgegrenzte Gebiet war daS religiöse, von dem jedoch in dem jüdischen Stanune das ganze Leben des Vvl- 'kes und der Sitte mehr als bei irgend einer andern Nation getragen und beherrscht wurde. WaS einzelne Männer im Laufe der Geschichte für die Wissenschaft oder einen besonder» Zweig der Kunst geleistet haben, steht zwar in Verbindung mit dem Vollsgeiste, ist aber ohne Bedeutung für denselben und kann ans dessen Nechnnng nicht gestellt werden. Es ist hieraus für den jüdischen Stamm kein Vorwurf zu ziehen, keine Beschuldigung eines Mangels an Begabung. Großen Theils wurde diese Erscheinung von den Schicksalen dieses Volkes bedingt, wie cs während seines staatlichen Bestandes in eine enge Landschaft gebannt war und mit anderen Völkern in geringer Verbindung stand, in seiner später» Zeit vom allgemeinen Dasein ausgeschlossen war. Andererseits liegt es im Wesen der Religion, wenn sie ein Volk oder eine Zeitperiode gänzlich erfüllt, den Geist dermaßen in Anspruch zu nehmen, daß er nach anderen Richtungen hin sich nicht zerstreut und die Neigung für solche verliert. Wir beobachten dies bei den jiidischen Männern, die sich in einer Wissenschaft z. B. der Medici» ausgezeichnet haben; eine außergewöhnliche Zahl derselben hat zugleich bedeutende Leistungen in der jüdischen Theologie geliefert und unsere Literatur glänzt zu einem nicht geringen Theile durch Autoren, welche eine hohe Stellung als Aerzte in ihrer Zeit einnahmen. In ihrem Kops und ihrem Herzen lebte das Iudenthum so kräftig, daß sie in demselben uno für dasselbe geistig zu arbeiten sich gedrungen fühlten. Es fand dieö bis zur neuesten Zeit statt, wo bei den Männern der Wisienschafl und Kunst eine Schwächung des religiösen Geistes eingetreten, bei der man schon zufrieden sein kann, wenn sie cs nicht bis zum Mangel aller Ncberzengungstreue komnien läßt. Diese Eigenthümlichkert des jüdischen Lebens, daß es sich einseitig auf die Religion beschränkt, diese aber so intensiv in sich wirken läßt, daß cs von ihr völlig erfüllt und in nationalen, sittlichen und conventionellen Atomenten gestaltet wird, dürfen wir nicht außer Augen lassen, ebensowenig wie. daß die politische und sociale Stellung der Juden von außen her zwar die persönlichen Schicksale der Individuen berührt, aber auf das innere Leben nicht insluirt. Innerhalb dieser Grenzen wird es nun klar sein, daß die ununterbrochene continnirlicke Entwickelung des JndenthnmS aus sich heraus, ohne Mittelalter und Renaissance, auch eine ungestörte Eonsegnenz, eine Sicherheit und Festigkeit mit sich bringen mußte, die in allen anderen Regionen der civilisirten Menschheit nicht gesunden wird. Das Iudenthum stellt daher einen conseguent weiter geführten Bau dar, an welchem immerfort gebaut ward, und zwar nach einem einheitlichen Plane, weil eben das Nachfolgende stets aus dem Vorhergegangenen entfaltet ward. Daraus erklärt sich, daß, trotz vielfacher inneren Bewegungen und Kämpfe, dennoch Seelen und Parteien in ihm nicht entstanden, oder sich doch immer wieder bald verloren. Der Geistesrichtimgen gewahren wir nicht wenige, die sich zn Zeiten sehr scharf markirten. Aber sie gingen immer wieder in einander über und gestalteten sich weiterhin zn einer vorherrschenden. Die philosophische und die halachische, die kabbalistische und die rationelle Richtung stießen oft hart auseinander; aber der Fortgang mäßigte immer wieder die Streitenden rrnd ließ die eine vor der andern in den Hintergrund treten. Eine Periode der Unwissenheit wie durch die Zertrümmerung der antiken Welt und Bildung, eine lange Zeit der Barbarei, wie durch die Völkerwanderung und ihre Folgen, konnten im Iudenthnme nicht eintreten. Lesen und Schreiben z. B. hörten niemals ans das Eigenthum des Volkes zu sein; schon die religiöse Hebung nöthigte eö dazu, und der Unterricht der Jugend erlitt niemals eine Unterbrechung. Die Fortsetzung des TalmndS, die Bearbeitung des Midrasch und, nach der« Abschlüsse des crstern, das eifrige Studium desselben nah"« während des Mittelalters nicht ab, sondern zn. Die Schriftsteller der Jahrhunderte, die wir Mittelalter nennen, gehören noch heute zn den Heroen unserer Literatur und zu den anerkannten Autoritäten unserer Theologie. Ebenso war darum auch eine Renaissance zum Uebergang in die moderne Welt nicht vorhanden und gar nicht möglich. Es blieb daher auch eine Erschütterung und Umwälzung aus, wie die Renaissance in der übrigen Welt hervorbrachte. Und ebenso wenig traten die blutigen Kämpfe ein, welche die Gegenreformation gegen die Einwirkung der Renaiffance hervorrics. Selbstverständlich konnte das Mittelalter auf die Sitten und conventionellen Gebräuche auch der Juden nicht ohne Einfluß bleiben. Wie diese aber durch den Mangel an aller politischen Macht und darum allem politischen Streben von den Wirren und furchtbaren Kämpfen und deshalb von der schrecklichen Rohheit und Barbarei, welche in jenen großgezogen wurden, befreit blieben und nur äußerlich, freilich in furchtbarem Maße, von ihnen getroffen wurden, so war es der intensive religiöse Geist, die feste Anhänglichkeit an die väterlichen Sitten und das innige Familienleben, welche den sittlichen Eharakter 11*

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