Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1873)
- Date
- 1873-10-07
- Page
- Seite 666 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226948--32017-3254967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
666 / kleidete sich dies in den Gehorsam, den das ganze Land gegen Paris übte; da diesmal Versailles entscheidet, so zeigt cs sich, daß es nicht Paris war, sondern nur der Sitz der Macht. Ich glaube daher nicht an einen lebhaften Widerstand von Seilen der Republikaner, und diese glauben wohl selbst nicht daran. Was bedeutet nun diese Nestauration des letzten Bourbon? Ich lege kein Gewicht auf die Aeußerungcn des Grasen von Ehambord, auch nicht auf die jetzt so viel ventilirte Frage, ob er in diesem oder jenem Puncte, in der Fahnen- oder Berfassungsfrage, nachgcben werde oder nicht? Es gilt dabei nur, einigen schwankenden Gewissen des rechten EentrumS ein Schlafträn kchen beizubringen, und den Gegnern die starken Handhaben etwas abzuschleifen. Frankreich hat bis jetzt niemals eine starke Garantie für die Ausführung dessen geboten, was geschriebenes Gesetz ist, und vermochte ste nicht;u verbürgen in dem beständigen Wechsel der herrschenden Parteien. Die eentralisirte Gewalt, die alles beherrschende Verwaltung entscheidet, und kann sich alles erlauben, denn das Wort ist dehnbar. Ich gebe also auf alle bevorstehenden Kundgebungen nichts. Diese Ncstauration bedeutet die Herrschaft der Priesterpartei; denn die wirklichen Royalisten sind mit den klerikalen identisch, ob nun eine Eharte oder der Syllabus als Gesetz verkündet wird, der letztere wird herrschen und regieren zugleich. Der große Grundsatz der Gleichberechtigung der Eulte und ihrer Bekenner wird ulugestoßen werden; der große Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetze wird zerstückelt und zertreten werden. Dies ist mit dem Einzuge des Bourbonen durchaus nicht zweifelhaft, welchen Firniß man auch um sich verbreiten werde. Wie lange diese Herrschaft dauern, wie groß die dadurch entzündeten Kämpfe sein, und ob äußere Kriege daraus entspringen werden, kann Niemand sagen. Sicher aber ist cs, daß für die französische Nation abermals eine schwere Prüfungszeit hereinbricht, eine Zeit der Leiden und großer Verluste an Kraft und Entwickelung. Wir Juden sehen daher dem Kommenden mit schwerer Sorge entgegen. Die Priesterpartei thut jetzt schon alles Mögliche, um die Juden und Protestanten verdächtig und verhaßt zu machen, drängt gewaltsam diese beiden Confessionen in die Partei die zum zcitweisen Unterliegen bestimmt ist und macht es dem Gros des Volkes plausibel, diese Leiden Confessionen, als höchstens zu duldende anzusehen. Die katholische Kirche wird wieder Staatskirche werden. Die Erhaltung der anderen Eulte aus Staatsmitteln wird aufhvren. Die Aufnahme und Anstellung der Mitglieder der beiden Confessionen im Staatsdienste wird nicht mehr geduldet werden. Dies ist mit der Herrschaft des Bourbons wie in natürlicher Weise verbunden. Da die Protestanten und Juden nur einen äußerst geringen Bruchtheil der Nation auölnachen, und man, wie gesagt, dieselben bei dem Volke in jeder Weise verdächtigt, wobei die radicalen Journale und Führer, — die sich bei den Franzosen niemals durch Ein- und Umsicht ausgezeichnet haben, wacker mithelfen, so wird alles dies keine große Schwierigkeit haben. Ich theile nicht die Meinung derer, welche glauben, der Graf von Chambord sei gleichbedeutend mit Krieg gegen Italien und Deutschland. Ein solcher Krieg wäre die Niederlage, und die erste Niederlage der Sturz des Thrones. Der Klerus beutet die Kriegsphantasie des Volkes jetzt zwar aus, wird sich aber wohl besinnen, wenn cS zur That kommen soll: denn der Sturz des Thrones würde auch den Sturz des Klerus und vielleicht eine Entfesselung der Wuth gegen ihn bedeuten, wie sie noch niemals so heftig gewesen. Desto mehr wird sich daS Herrschergelüste des Klerus im Innern zu befriedigen suchen und dazu Macht und Gelegenheit in Fülle haben. Beschränkung, Ausschließung, Unterdrückung, Verfolgung Aller, die sich ihm nicht willig unterwerfen, und dienstbar werden, sind unausbleiblich. Wir sehen deshalb triHe in die nächste Zukunft hinaus, und auch der Blick in die weitere Zukunft ist nicht tröstlich: denn was wird aus tiefem abermaligen unseligen Prcceß für das unglückliche Frankreich hcrvorgehen? Und dabei fragen wir uns, wird das Beispiel Frankreichs nicht auch auf die anderen Länder seinen Einfluß - üben, wie cs früher wohlthätige Impulse gegeben hat! Wird es nicht besonders auf die Stellung der Juden cinwirken?- Nachbemerkung der Redaktion. Wir geben obige Auslassungen eines bewährten Mannes, wie sic uns zugekommen. Nur die Schlußbemerkung können wir nicht ohne einen Zusatz lassen. Wenn unleugbar der französische Geist auf die übrigen europäischen Völker seit Jahrhunderten einen mächtigen Einfluß geübt hat, einen Einfluß, der sich von 1789 an verjüngte und 1S3<» und ISIS nochmals zum Durchbruch kam, so kann es doch nicht verkannt werden, daß die Emaneipirung von diesem Einflüsse bereits ein alles Streben der übrigen Völker ist. Zuerst machte sich dies geltend und gelang seit tcr Mitte des vorigen Iahrhunrerts auf dem literarischen Gebiete, auf welchem die französische Autor! lät immer schwächer wurde und jetzt bis zum Nullpunkt herabgesunken ist. Mit dem europäischen Kriege von 1S13 emancipirte sich Europa immer mehr von der politischen Macht Frankreichs, die selbst unter Napoleon III. nur kurze Zeit und mehr scheinbar als wirklich wieder prävalirte, und 1870 alles Kräftige verloren hat. Seit 1850 endlich hat auch der politische Geist in den europäischen Völkern sich Frankreich völlig abgewantt, und dieses in der Ohnmacht seiner inneren staatlichen Entwickelung erkannt. Die Gegenwart macht jedem Einstuffe von Frankreich her völlig den Garaus. Der europäische Lehrmeister ist altersschwach und kindisch geworden, und mau hat ihm eine Disciplin nach der andern abgenommen und ist jetzt für alle seine früheren Jünger in den Ruhestand gesetzt, — er selbst mag für sich wirbeln wie er will. So wenig wie man noch vor einem französischen Kriege sich zu fürchten hat, ebensowenig wird ein Feldzug dcS Klerus.