Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1873)
- Date
- 1873-09-30
- Page
- Seite 659 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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659 seinen Füßen in unablässigen Mühen sich drängen, und die im nächsten Augenblick sammt ihrem Bau und ihren Vorrälhen sein Fuß zertreten wird ... Die heilige Schrift giebt beiden Zügen der Menschenseele überall den Ausdruck. Als ein aufrichtiges Spiegelbild des wahrhaften Lebens verdeckt sie uns weder die eine noch die andere Physiognomie unserer geistigen Welt, sondern zeichnet sie uns mit sicherem Griffel. Sic thut dies, gewissermaßen, um uns vor Allem uns selbst zu offenbaren, gleich bei ihrem Beginne. Sie ruft uns das stolze erhebende Wort zu: „Tu bist im Ebenbilde Gottes, in seiner Aehnlichkeit geschaffen!" Aber alsbald fügt sic hinzu: „Staub bist Dü, und zum Staube wirst Du zurückkehren!" Derselbe Moses, der als das höchste Sittengesetz uns verkündet hat: „Du sollst Dich heiligen, wie der Ewige, Dein Gott, heilig ist", ruft in seinem Psalm (dem 90.) wie mit schmerzbewegter Lippe von den Menschen aus: „Du strömst sie hinweg; ein Schlummer sind sie, am Morgen wächst er wie Gras, am Morgen blühet und wächst er: zum Abend gemäht und verdorrt!" und weiter: „Unsere Lebensjahre, ihrer sind siebzig Jahre, und bei großer Kraft achtzig Jahre, und ihr Sturm ist Müh' und Unheil, denn schnell eilt's, und wir fliegen dahin." Wie anders klingt dies, als wenn David wie im frischen Morgenhauche des Lebens ausrnft: „Du Ließest ihn (den Menschen) der Gottbeit um wenig ermangeln, kröntest mit Ehre und Herrlichkeit ihn, setztest zum Herrn ihn über Deiner Hände Werke, Alles legtest Du unter seine Füße!" Und doch, wie oft klagt derselbe Sänger über tiefen Fall und das Schwinden seiner Kraft und die Ohnmacht seines Wesens. Welche Fülle von Energie, welche Entschiedenheit des höchsten Bewußtseins, welch' klarer Zusammenhang des Göttlichen und des Menschlichen spricht sich in jeder Rede der Propheten auS: selbst wo sie Zerstörung verkünden, bauen sie sofort aus den Trümmern neue und größere Pracht und Herrlichkeit auf, und auS jeder öden Wüste lasten sie een Quell frischen Lebens aufsprudeln. Und wiederum, wo ist jemals die ewige Klage des Lebens in tieferen Tönen angeschlagen, und ergreifender ausgesprochen worden aus einer Menschenbrust, als im Buche Hiob? Und jene Elegie des Menschenlebens, die unS aus den ersten Kapiteln Koheleth's entgegenklingt? Sieht sie doch nur die Sonne immer wieder aus- und niedcrgehen, immer wieder den Wind nach Mittag gehen und nach Mitternacht sich wenden und nach seinen Wendungen immer wiederkehren, und Alles wieder werden und vergehen, wie es geworden und vergangen, und ein Geschlecht nach dem anderen in dieselben Schatten der Bergangenheit sinken, und den Weisen wie den Thoren in der Nacht des Todes verschwinden und alles Mühen und Schassen vergebens: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, Alles ist nichtig!" Wir sagten, die heilige Schrift stelle uns ein Spiegelbild res wahrhaften Lebens auf. Ihr Zweck aber hierbei ist: uns zu erziehen. Nicht wie ein Schulmeister thut, der seinen Zöglingen die Lehren der Weisheit und Tugend in wohlgeformten Sätzen vorspricht und ihrem Gedächtniß überantwortet. Da werden sie doch nur meist zu dürren Blättern, die der scharfe Wind deö Lebens verweht oder zu Staub zerreibt. Die Schrift läßt uns lebendig mitlcben; wir leben mit ihren Propheten und Sängern, mit ihren Helden und Denkern, und waS sie da in Worte kleidet, zieht tief einwirkend durch unsere Seele, und findet da bleibende Stätte in Freud und Leid, in Gewaltthat und Recht. Sie ist daher voll von Impulsen zu Thal und Handlung, voll von Anstößen und Treibkraft zu schaffendem, arbeitsamem und mühevollem Leben; sie athmet Menschenwürde und Ernst deS Daseins —, und dennoch sollen wir deS Gedankens der Vergänglichkeit, deS Bewußtseins unserer Schwäche und Abhängigkeit nicht ledig sein; Stotz und Uebernmth sind ihr widerwärtig; welch' Menschenkind seinen Thron über den Höhen aufzuschlagen glaubt und sich anmaßt bis über die Sterne zu steigen, den läßt sie hinabfallen in die Tiefen der Unterwelt, und die Pforten der Nacht schließen sich hinter ihm lIes. M,!) bis 20) . . . Aber diese Gedanken und Empfindungen sollen uns nicht traurig und kummervoll machen, nicht unsere Nerven lähmen, unsere Sehnen durchschneiden, uns nicht austrocknen und welken lasten. Sie seien vielmehr die Würze unserer Speisen, das Salz unserer Nahrung. Sie sollen uns mäßigen im Genuß wie in der Thatkraft, renn das Uebcrmaß erstickt und bereitet den jähen Fall — wie uns ja Koheleth selbst nachdrücklich lehrt; sie seien der Regulator unserer Schritte und Thaten , Wegweiser in dem Irrgarten des menschlichen Daseins. Darum recht verstanden, lasten sie sich mit der Freude am Erfolg, mit dem Genuß des Ertrages wohl vereinigen. Nicht als schreckhafte Gespenster mögen sie durch unser Gemüth schreiten, sondern wie ernste Vater den Spielen der Jugend zuschancn, wohl wissend, wie flüchtig dieses Lächeln des Lebens ist, und dennoch selbsterfrent rmd selbstlächelnd bei den lieblichen Neigen ihrer Kinder. Dies lehrt uns die heilige Schrift in dem Gesetze über das Laub Hut lensest. Tie 'Israeliten sollten ihre Wohnungen verlassen, der Reiche seinen Palast, der Arme sein Lehmhaus, und in Hütten wohnen, aus Zweigen errichtet und mit Laub gereckt, sieben Tage lang. Da sollten sie sich erinnern, daß ihre Väter in Hütten gewohnt in der Wüste vierzig Jahre lang; in dieses Land, wo Milch und Honig floß, in dieses Land der Heerven und der Auen, der Weinberge und Waizenfelder, der Qelgärten und Eedernwälder sind sie gekommen aus der furchtbaren Wüste und nackten Sandsteppe; in diese Städte mit schönen Häusern und gemauerten Brunnen, mit hohen Mauern und gewölbten Thoren aus den Schluchten iuii> Thälern der FelSgebirge, wo sie auf nacktem Gestein gelagert, den ehernen Himmel und die glühende Sonne über sich. Darum sollten sie gedenken, woher sie gekommen, daß sic riese Häuser nicht gebaut und dieses Land nicht urbar gemacht — wie es allen Menschenkindern geschieht von der Zeit ihrer Kincheit und Jugend her. Dahinter lauerte der Gedanke, tvie ihnen dieses Alles wieder genommen, 40*