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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-30 · Heft 40 (30.9.1873) · p. Seite 654

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 40 (30.9.1873)
Date
1873-09-30
Page
Seite 654 (sequence 6)
Language
German
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654 Anordnungen fügt und daß die russischen Juden sich oft in ihren Erwartungen getäuscht haben, um anS solchen Versicherungen Trost und Hoffnung zu schöpfen. Wenn aber Herr Gin;bürg wirklich von wahrer Bruderliebe zu seinem Volke durchdrungen ist, so hat er ja Gelegenheit und Wege genug, diese Liebe nicht nur zu betheuern, sondern auch wirklich zu bethätigen, denn der Boden, auf dem die russischen Juden stehen, bedarf einer Ausbesserung, an der zu arbeiten Herr Ginzbnrg berufen und mit allen Mitteln ausgestattet ist, vorausgesetzt, daß der gute Wille nicht fehlt. L. O. L. Harah. Nachbemerkung der Redaction. Zu Obigem haben wir zu bemerken: Nach den in Nr. 38 d. Bl. (S. 62!) aus der „Gazcta Polska" mirgetheiltcn Eriminalstatistik des russischen Reiches crgiebt cs sich, daß der Vorwurf, die russischen Juden entzögen sich der Militärpflicht mehr als die Christen, völlig unwahr ist, da diese Art von Vergehen bei den Juden -nur 7, bei den Christen l l pCt. ausmachte. Ferner glauben wir, daß einflußreiche Juden wohl in Einzelfällen nützliche Einwirkung üben können, daß es aber reine Illusion ist, von ihnen die wesentliche Tireetion der Gesetzgebung zu erwarten; wo in den höchsten maßgebenden Kreisen entgegengesetzte Ansichten vorhanden sind, da gicbt kein einzelner Jude, und wenn er noch so viele Millionen commandirt, den Ausschlag! Das hat uns die Geschichte aller und unserer Zeiten gelehrt. Literarischer Wochenbericht. Vom Rheine,!!>. Sept. Heute habe ich Ihnen nur über zwei Schriften populär-philosophischen Inhaltes zu berichten, die nicht einmal von besonderer Wichtigkeit sind. Die erste ist von einem mehr fruchtbaren als originellen oder gründlich durchgebildeten philosophischen Schriftsteller, L. R. Landau: „Das Dasein GotteS und der Materialismus" (Wien, A. Holder, 1873». In Gesprächsform sollen hier die materialistischen und skeptischen Ansichten widerlegt, die spiritualistischen und theistischen begründet werden. Der Verfaffer mag feinen löblichen Vorsatz, die ohnehin Gottgläubigen zu bestärken und Schwankende zu gewinnen, wohl erreichen: aber Andersdenkende zu überzeugen, schwerlich! Seine Beweise für seine Ansichten sind nur die allergewöhnlichsten; und macht er sich die Sache nach Art der meisten in sokratischcr Manier Philosophirenden sehr leicht, indem der im Gespräche auftrctende Gegner an Verstand und philosophischer Bildung allzukläglich erscheint. In den Abhandlungen, die der Verfasser über einige Punkte den Gesprächen noch sanfügte, bietet die über „Kant und die religiösen Ideen" (S. 88 ff.) hier und da recht gute Winke und Ausführungen; aber sonst kindisch ist die Abhandlung - über „die Freiheit des menschlichen Willens" (S. 68 ff.» zu nennen, auf deren Entdeckungen der Versaster sich doch vieles zu Gute thut. — Das zweite Merkchen „Das sittliche Ideal nach Spinoza" von dem ordcmt. Lehrer Lust an der Friedrichsrealschule zu Berlin (erschienen in dem Osterprogramme dieser Anstalt vom Jahre 1.S73) enthält eine ganz gute Zusammenstellung der ethischen Anschauungen des Spinoza. Bon irgend einer Begründung oder Kritik oder Versuche, die bei Spinoza trotz seiner mathematischen Methode nicht selten austretenden Widersprüche zu erklären, ist aber nicht die Rede. Die Schrift kann also höchstens dazu dienen, den Laien auf leichte Weise mit den hauptsächlichsten Meinungen jenes großen Philosophen bekannt zu machen. Al. 11 cj .Mi occ & uc & l cu. Deutschland. Bonn, 21. September. (Privatmitrh.) Die berliner Blätter schreiben: „In den Ministerien der geistlichen Angelegenheiten und des Innern hat sich maffenhafteS Material für die Revision der die kirchlichen Berhältniffc der Juden in den acht allen Provinzen des preußischen Staates betreffenden Gesetzgebung angehäust, indem von den Bctheiligten vielerlei Deukschrifien und Anträge vorliegen. Die Be- und Verarbeitung dieses Materials ist schon seit längerer Zeit im Gange, und es läßt daher annehmen, daß schon in der nächsten Session den beiden Häusern des Landtages eine darauf bezügliche Vorlage zugehen wird." Tie obige Auslassung, welche anS essiciöser Quelle zu stammen scheint, zeigt wie eS hohe Zeit fei, daß alle Diejenigen, welche betreffs des zu erwartenden Gesetzes der Staarsregiernng ihre Wünsche und Ansichten vorzulegen beabsichtigen, hiermit Vorgehen, und nicht abwarten mögen, bis die betreffenden Ministerien bereits zum Beschluß über diesen schwierigen Gegenstand gekommen sind. Wir haben noch nicht gehört, daß daS verheißene Elaborat deS GemeindevorstanteS von Berlin an die Gemeinden, die sich ihm doch anfchlicßen sollen, gelangt sei, und fürchten, daß, wenn die Gemeinten noch lange darauf warten müssen, dasselbe zu spät konnne, und viele Gemeinden dadurch abgehalten werden, sich vor der StaatSregierung zu äußern. Bon gegnerischer Seite wird man gewiß nicht so lange gezögert haben. Noch eine Frage liegt uns am Herzen. Wird die Staatsregierung , bevor sie ihren Entwurf zu einer Vorlage für das Abgeordnetenhaus i'ijirt, Vertrauensmänner auö jüdischen Kreisen! berufen, um deren Meuumg über den Entwurf zu hören?

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