Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1873)
- Date
- 1873-09-30
- Page
- Seite 653 (sequence 5)
- Language
- German
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653 Vorstehern rer jütischen Gemeinden in Rußland, bei Feststellung der Volksregister und Dcsignirung der Militärpstichtigeu mit äußerster Strenge vorzugehen, mit schickt dieser Mahnung folgende, etwas mystisch klingende Worte voraus: „Wenn das jüdische Volk willig sei, der Regierung gehorchen und ihren Anordnungen sich fügen wird, dann wird nicht nur ihm rer Heeresdienst nicht schwerer als Anderen und derselbe Lohn zu Theil werden, sondern auch wir werden dadurch in der Lage sein, für unser Volk einzustehen, und noch andere uns vorenthalteuc Rechte zu erbitten; wenn cs sich aber unwillig und widerspenstig zeigen, und auch fernerhin i.-27'r -s'cviij aus schlechten Wegen wandeln wird, daun wird nicht nur ihm selbst kein Nutzen in Bezug ans den Heeresdienst daraus erwachsen, sondern auch unser ganzes Volk wird in ein großes Unglück gebracht werden, welches wir nicht werden verantworten können, und wir werden außer Stande sein, ein gutes Wort für das jüdische Volk einzulegen. re." Tem Briese schließt sich eine Anmerkung des Herrn Silbermann an, die mit den Worten beginnt, „es ist überflüssig, den Acnßernngen des verehrten Verfassers des Briefes noch etwas hinzuznfügen", und dennoch fast sogroß ist wie die Hälfte des Briefes. In riesen überflüssigen Worten ergeht sich Herr Silbermann in pathetischen Phrasen und predigt den russischen Juden Vaterlandsliebe, deren Nothwendigkeil er mit verschiedenen Bibelversen zu belegen weiß. Ich erlaube mir, noch weiter als Herr Silbermann zu gehen, indem ich behaupte, daß nicht allein die Anmerkung zum Briefe, sondern der ganze Brief überflüssig war. Wer die Geschichte der Juden in Rußland kennt, — und das darf man füglich von Herrn Ginzburg erwarten, — wer da weiß, daß der Soldatendienst in Rußland, der doch vor noch nicht gar zu langer Zeit vielfach als Strafmittel für gewisse Verbrechen angewendet wurde, nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Christen, Muhammedanern und Heiden abschreckend war, und zu Gesctzumgehnngen aller Art führte, wer ferner die SHalsache nicht verleugnen will, daß die russische Gesetzgebung bei den Inden jedes auskommenre Vaterlandsgefühl im Keime ersticken mußte, wer endlich die Mittel und'Wege noch nicht vergessen hat, mit welchen man früher, freilich in einer schon verflossenen und hoffentlich nie Wiederkehrenten Periode, bemüht war, die jüdischen Recruten der Religion ihrer Väter untreu zu machen, 10er dieses Alles einsieht und in Betracht zieht, der wird den Juden keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nicht, allen Gesetzen der gesellschaftlichen Entwickelung zum Trotz, mehr Liebe zum Seldatendienst nur mehr politische Tugenden an den Tag legten, als alle anderen, nichtjüdischen, russischen Unterthaneu. Vielweniger aber haben wir dieses von einem Manne, wie Herr Ginzburg, erwartet, oon dessen einflußreicher Stellung wir russischen Juten Trost und Erleichterung Hessen zu dürfen glaubten. Tenn wir bedürfen des Trostes zu einer Zeit, wo, während unsere westeuropäischen Brüder zu tüchtigen Staatsbürgern geworden sind, auf allen Gebieten der Wissenschasl und Industrie zahlreiche hervorragende Männer ausweifen können und Leit und Freud mit der Gesammtuatiou, zu der sie gehören, theilcu, wir aber in Folge von Jahrhunderte langer Abgeschlossenheit jedes politischen und nationalen Selbslbewußtseiris beraubt und in einen engen nur fast erdrückenden Rahmen eingepfercht sind, ans welchem hinaus uns jede Aussicht verboten ist. Unser Her; ist so zusammengedrückr. daß es nur noch Gefühle des Schmerzes und der Verzweiflung hat, und nur, wenn der Schmer; auf kurze Zeit nachläßt, da stiehlt sich in unser Herz ein leiser Strahl der Hoffnung — nicht aus selche Leute, die für uns etwas thun könnten, aber es aus verschiedenen Motiven unterlassen, sondern ans Gott, unsere Religion und, insofern cs sich um AbhiUfe für Einzelne und nicht um die Gesammtheit der russischen Juden handelt, auf unsere westeuropäischen Brüder, welche für uns, wenn auch" nicht immer Hülfe, so doch jederzeit aufrichtiges Mitleiden haben. Wohl leiden wir an moralischen, politischen und socialen Gebrechen. unser Geist und Körper ist siech, aber nicht, wie in obigem Briefe geschildert, in Folge eines versuchten Selbstmordes, sondern cs sind Wunden, die uns von fremder Hand seit einer Reihe von Jahrhunderten ununterbrochen beigebracht worden und Mitleid erregen müssen bei Allen, die ein menschliches Her; haben und menschlich fühlen können. Heldeumüthig ertragen wir die Qualen im Vertrauen aus Gott und unsere Religion, für welche allein wir ja verfolgt und bedrückt werden, aber wer will es uns verargen, wenn der Schmerz sich aus unseren Gesichtern, in unseren Handlungen, unserem ganzen Thun und Lassen ausdrückt? Und koch hält uns dieser Schmerz nicht ab, dem Kaiser treu ergeben, dem Volke brüderlich zugethan zu sein; ja, wir waren es selbst zu der Zeit, wo den Juden in Rußland noch weiter nichts als Schmach und Elend gebeten wurde nur noch kein „Hamagid" exisrirte, welcher uns Liebe zum Kaiser und Reiche predigte, als ob wir diese Liebe nicht überall und jederzeit an den Tag gelegt hätten. In russischen christl. Blättern werten Verbrechen erdichtet und >l»s zur Last gelegt, in jür. Blättern werten wir wegen Mangel an Baterlandsliebe bezichtigt, was soll nun der fremde Zuschauer von uns deuten, rer von den Verimheileu rer russischen Presse ebensowenig weiß, wie von der (Gewohnheit der russisch-jüdischen Großen, anstatt als Bermiult'v zwischen dem jüdischen Volte und der Regierung, lieber als öffentliche Ankläger des erster» aufzutreten! Wenn Herr Ginzburg uns mit den geheimnisvollen Worten iröstet, daß „wenn das jüdische Volt willig sein, rer Regierung gehorchen und ihren Anordnungen sich fügen wird, daun es ihm selbst möglich sein werde für unser Volt eiuzusieheu, und noch ancere uns voremhallene Rechte zu erbitten", so erlaube ich mir daraus zu erwiedern, daß das jüdische Volk nicht weniger als das christliche willig ist, der Regierung gehorcht und sich ihren