Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1873)
- Date
- 1873-09-30
- Page
- Seite 652 (sequence 4)
- Language
- German
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652 philosophische Entfaltung res israelitischen Volksgeistes. Mit dem Bestände des zweiten Tempels entsprang die Durcharbeitung des Gesetzes bis zur Entwickelung eines großen juridischen Systems, das nun wieder der Easuistik ein unbegrenztes Feld erössnete, die mivraschische und halachische Entfaltung, die Misckna. und Gemara. Auf diesen baute der Rabbinismns in legislativer, exegetischer, religionsphilosophischer und poetischer Richtung weiter bis zur neueren Zeit. Tiefe einheitliche und zusammenhängende Entwickelung, ist bekanntlich nicht ohne Einwirkung von außen geblieben. Der ChaldäiSmus, der Parsismus, daS Griechen- und Römerthnm influirtcn darauf nacheinander, was einzelne Literaturzweige, sowie die Sprache und manche, nicht unwesentliche Elemente des Talmuds erweisen. Ihnen felgte die arabische Eultur, welche in ihrer vielfachen Berührung mit den Byzantinern eine unmittelbare Einwirkung der griechischen Antike, wenigstens in wissenschaftlicher Beziehung erfuhr. So brachte es die innige Annäherung der arabischen und der jüdischen Gelehrtenwelt, die ja eine reiche jüdisch-arabische Literatur hervorrief, zu Wege, daß die Antike ans das Iudenthnm, besonders in religionöphilosophischer Beziehung, einen Einfluß übte, und zwar durch die arabische Bermittelung, zu einer Zeit, wo die Antike für die europäische Civilisation noch begraben lag. Es ist jüngst mehrfach nachgewiesen worden, daß sehr sichtliche Fäden von der jüdischen Religionsphilosophie znr Scholastik führen, jedoch so, daß die Meister der Scholastik aus jüdischen religionsphilosophischen Quellen schöpften, während dies umgekehrt nicht der Fall war. Ein wirkliches Mittelalter existirte daher für das Judenthum nicht, da dieses vielmehr in einer continnirlichen Entwickelung geblieben. Jetzt aber kam die Zeit, wo die Ausschließung, BeschränklNtg und Verfolgung die Inden immer enger abgrenzte, und sie, wie bürgerlich, so auch geistig ganz ans sich selbst verwies. Die Periode der Renaissance war daher für die Inden so gut wie gar nicht vorhanden. Sie arbeiteten ungestört in ihren bisherigen Geleisen weiter, und nur die. geheimen und offenen Kämpfe der Mystik mit der einfachen Kritik, der .Kabbala mit dein Rabbinismus regten die Geister von Zeit zu Zeit auf. Rach den einfachen Gesetzen der Entwickelung mußte jedoch dieser Zustand nach und nach zu einer völligen Stagnation führen, wo ebenso die Geisteskraft, wie der Stoff für die geistige Thätigleit <namentlich nach der vollendeten Eodisieation des Gesetzes im Schulchan-Arnch» erschöpft waren, und der Wellenschlag regsamer Entwiäelnng allmalig ganz zur Ruhe kam. Ties reichte bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts. Jetzt erst brach, wenn man so sagen darf, die Zeit der Renaissance für das Jrrdenlhnm an, aber unter ganz verschiedenen Verhältnissen nur Bedingungen. Es galt hier nicht einen barbarischen Geistes- und Enltnrznstanv nach und nach, im Wesentlichen druck ein einziges Element, die Antike, zu überwinden und in der Gestaltung des eigenen nationalen Geistes vermittelst jenes großartigen Impulses eine neue Eivilisation zu entfallen. Tie Juden traten vielmehr in das bereits vollständig entwickelte Eulturleben ein, eigneten sich dasselbe nach allen Richtungen an und von hier aus reflectiitc dieses neue Leben auch auf das Iudenthnm. Es geschah dies von zweien Seiten ans, vom Leben selbst und von der Wissenschaft. Dieses Leben drängte nämlich die Juden aus ihren bisherigen religiös gesetzlichen Schranken hinaus und brachte zwischen der bisherigen Gestalt ihres religiösen Gesetzes und der nunmehrigen Gestalt ihres praktischen Lebens schroffe Gegensätze hervor, die irgendwie ausgeglichen werden mußten. Andererseits machte es die wissenschaftliche Bildung, welche die jütischen Geister erlangten, zur Rothwendigkeit, auch das Iudenthnm einer wissenschaftlichen Bearbeitung zu unterziehen, es zum wissenschaftlichen Bewußtsein zu bringen und seiner Darstellung eine wissenschaftliche Gestaltung zu geben. Als ein wesentliches Moment zeigte sich von beiden Punkten her der Zusanunenbrnch des juridischen Systems vor der freien Bewegung des Geistes, und dessen Uinwandelung in das, auf dem Gewissen "und der Verstandeskritik beruhende religiöse System. Ties ist die Arbeit der Gegenwart im Judenthnme nach ihren Motiven, Triebfedern und Zielen. An diese bedeutsame Verschiedenheit in dem geschichtlichen Entwickelnngsgange knüpft sich die Frage, waS hatte und hat sie für Wirkung auf das Iudenthnm? Diese Frage wollen wir zu beantworten versuchen. ÄUS Rußland. Berlin, den 19. September. Fast gleichzeitig mit dem von mir in Nr. 97 Ihrer geschätzten Zeitung an den St. Petersburger Herrn Rabbiner gerichteten Briese, erschien in Nr. 95 res „Hamagid" ein Brief des Herrn I. Ginzburg anö Sr. Petersburg, nominell an den Herrn M. Straschnn in Wilna, eigentlich aber au die gcsammte russische Jndenheit gerichtet. Dieser Brief bat zum Gegenstände den Vorschlag rer in Petersburg tagenden Eömmission für die Qrdnung der allgemeinen Militärpslichtangelegenheiten, daß nämlich die Inden a) nichr bis zum 21. Lebensjahre, wie die Ehristen, sondern bis zu ihrem 9,,. Lebensjahre zum Eintritt in den activen Dienst verpflichtet werden, nnd b) von höheren Militärämtern ausgeschlossen bleiben. Herr Ginzburg erzähl!, es gäbe in maßgebenden Kreisen zwei Parteien, von denen die eine eben obige Vorschläge .empfehle, weil die russischen Inden sich ans verschiedene Weise dem Militärdienst zu entziehen wüßten, die andere aber für völlige Gleichstellung der Juten mit den übrigen Bürgern sei, weil nur diese Gleichstellung een Juden mehr Liebe zum Militärdienste beiznbringen im Stande sei. Herr Ginzburg spricht nun öffentlich die Befürchtung'ans .' die" erstere Ansicht könnte die vorwiegence sein, und empfiehlt den