Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1873)
- Date
- 1873-09-30
- Page
- Seite 651 (sequence 3)
- Language
- German
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651 verkündet, und die Propheten ausgesprochen hatten, im Geiste und in der That an. Keiner extremen Partei haben sie: sich anzuschließen, ohne, daß hiermit das entschiedene Eintreten für die freisinnige Entwickelung geschwächt oder gemindert werde. Wir wiffen sehr wohl, wie schwierig und mit welchen Gefahren eine solche Stellung in den Zeiten leidenschaftlicher Bewegung, namentlich in Ländern, wo es an einer großen und starken Mittelpartei fehlt, verbunden ist. Allein schwierig und gefährdet war die Stellung der Juden zu aller Zeit uuv dem Hasse der extremen Parteien von rechts und links die Stirn bieten zu müssen, war stets unser Loos, hat uns zwar unsägliche Leiden gebracht, aber auch vor dem Untergange bewahrt. Ein geschichtliches Charakteristikum. I. Wenn man die allgerneine Eultur- und Literaturgeschichte mit der des Judenthums und seiner Bekenner vergleicht, trifft man aus eine eigenthümlichc Verschiedenheit im Verlaufe ihrer Entwickelung, die von hoher Bedeutung ist, bis jetzt aber der Beachtung entging. Die Entwickelung der menschlichen Eultur hat keinen ununterbrochenen, continuirlichen Verlauf genommen. Jedermann weiß, daß sie durch die Völkerwanderung und den Untergang deS weströmischen Reiches unterbrochen ward. Während im geschichtlichen Alrerthume die Eontinuität der Bildung, der Zusammenhang und die Aufcinanderwirkung der verschiedenen nationalen Culturen leicht verfolgt werden kann, werden diese durch die erwähnten welterschütternden Ereignisse abgebrochen. Es ist jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, daß auch die griechische Eultur Anfänge und wesentliche Elemente von den orientalischen Völkern und den Aegyptern eiulehnte, und wie die Chaldäer, Assyrer, Meder und Perser einander eie Erfolge ihrer Bildung übertrugen, so ward die griechische Schöpfung zur Grundlage der römischen Eultur in noch überwiegenderem Maße. Es ist nicht bloS Phrase, sondern geschichtliche Thatsache, daß im dritten und vierten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung die antike Bildung, der Geist und die Kraft der antifeu Völker sich vollständig erschöpft hatten und zur Erttartung gelangt waren. Reue Völkerfamilien, kräftiger Natur aber roh und uneivilisirt, drangen in die Länder der antiken Eultur ein, zertrümmerten riese und bauten auf den Ruinen jener eine neue Welt aus. Die Rothwendigkeit dieser Erscheinung liegt klar; die menschliche Entwickelung bedurfte neuer, den alten ganz ungleichartiger Werkzeuge, neuen Materials, neuer Impulse, eines neuen schöpferischen Genius. Aber Jahrhunderte der Unkultur, rer Unwissenheit und Barbarei mußten folgen, bevor die neuen Völker und die aus den neuen und den Resten der alten Nationen gemischten, sich theils auf den alten, rheils auf neuen Schauplätzen zu civilisalorischem Streben, zur Eivilisatiou heraufarbeite» konnten. Hierzu kam, daß in diesen Völkerschaften eine neue politische Tendenz sich geltend machte; wie sic in einzelnen Strömungen hereingcfluthct und auseinander gestoßen waren, sich gegenseitig verdrängt und endlich in den verschiedenen Länderräumen ihres Laufes Endziel gefunden hatten, war ihr Streben, nicht wie bei den alten Völkern auf Weltherrschaft, sondern aus die Gründung nationaler Staaten gerichtet. Hat sich doch selbst das weite 'Reich Karl deö Großen nur bis zu dessen Tode erhalten und war die Suprematie des deutsche» Kaisers über Italien eine stets erkämpfte und wieder verloren. Hieraus entsprang ein beständiger Kampf dieser Staaten untereinander um ihre Territorien, welcher die Eivilisation lange verzögern, und die barbarischen Zustände erhalten mußte. Da war es fast nach einem Jahrtausend die Wiedererweckung der antiken Bildung, gleichsam die Ausgrabung derselben aus dem Staube und Schutt, der auf ihren Trümmern lag, welche den neuen Bölkerfamilien in ihrer Geistesarbeit zu Hülfe kam. Die neugewonnene Kenntniß ihrer Sprachen, ihrer Literaturen und Kunstschöpfungen gab die mächtigsten Impulse, wirkte auf den noch schlummernden schöpferischen und mit nationalen Eigcnthümlichkeiten begabten Geist, vereinigte sich mit diesem zu neuer Gestaltung, und so entstand eine neue Eivilisation, die moderne, die ihren ununterbrochenen Fortschritt bis zur Gegenwart weiter geführt hat. Man nennt dieses Wietererwachen und diese potenzirte Wirksamkeit der antiken Bildung die Renaissance. Zuerst trat sie in Italien auf, wo der Zusammenhang mit der antiken Welt niemals ganz verloren gewesen, nämlich schon im dreizehnten Jahrhundert, und beherrschte daselbst die Geister bis in das sechszehnte, wo die Gegenreformation eine andere Richtung hervorbrachlc. Später, erst in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts «nach dem Eenstanzer und Baseler Eoucil), begann sie in Deutschland, in Frankreich im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts iunter Franz 1.1 ihre Wirksamkeit. Die Entwickelung der Eivilisation halte ihre Eontinuität wieder ausgenommen, in-- dem sie die Fäden an die uutergegangeue antike Eultur anknüpste und sie mit neuer und mächtigerer Lebenskraft soUspann und zu einem gewaltigen, mannichfaltigen Gespiunste verwebte. Blicken wir nun von diesem Standpunkte her aus den Entwickelungsgang in der jüdischen Eultur- und Literaturgeschichte, so gewahren wir ein ganz Anderes: keine Unterbrechung, daher kein eigentliches Mittelalter, und eine sehr späte Renaissance, beginnend mit dem Ente des vorigen Jahrhunderts, und zwar Letztere nicht als eine „Wiedergeburt" auS der Antike, sondern aus dem. modernen Eulturleben heraus. Betrachten wir DieS etwas näher. Auf dem Grunde der mosaischen Lehre erhob sich der ProphetismuS, und an ihn schloß sich die poetische, historische und 40*