Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1873)
- Date
- 1873-09-30
- Page
- Seite 650 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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650 Er ist nichts Anderes, als die Entwickelung auf einer festen Grundlage. Jede Herrschaft eines Extrems, des Stillstandes, wie der Umwälzung ist nicht der Friede, ist verwüstender Kajnpf oder Tod. Es liegt in der Menschennatur weder der bleibende Stillstand, noch die überstürzende Umwälzung. Jenem wie dieser gegenüber erhebt sich sofort der Gegensatz, es entspringt ein Kampf aus Leben und Tod, und jene wie dieser können nicht an der Macht bleiben, als ohne ihr zahllose Opfer zu schlachten. Die Gewaltherrschaft der Neaction bringt die Verwesung, der Revolution die Auflösung. Wir sagen nicht, daß das Bestehen extremer Parteien an sich ein Unglück sei; wir halten vielmehr beide für die Entwickelung selbst für unentbehrlich, für nothweudig. Die kräftigsten Impulse für die Entwickelung gehen aus den extremen Parteien hervor, und die fortschreitende Entwickelung würde aufhören, wenn nicht die Extreme drängten, und sie sich gegen das eine wie gegen das andere zu vertheidigen hätte. Je krasser die Neaction auftritt, je durchsichtiger hierdurch ihre Ziele werden, desto mehr wird das wirkliche Bedürsniß geklärt, une der Fortschritt gewinnt die Geister und Herzen; je wüthender der extreme RadicaliSmnS gegen die bestehenden Grundlagen und Verhältnisse anstürmt und ihren Umsturz, verlangt, desto deutlicher und erkennbarer werden die Gefahren, in die nian, sei es die Gesellschaft, sei es die religiöse oder wissenschaftliche Ueberzeugung kopfüber stürzen will. Aber aus diesem Kampf und Widerstreit geht erst recht die Erkenntnis; des Heilsamen testen, was für die Menschheit ans der Stufe, die sie erreicht hat, erforderlich, wohlthätig, unentbehrlich ist, hervor. Beides ist also nothwendig: eine feste gegebene Basis und die fortschreitende Entwickelung auf ihr. Beides war im Jndenthume vorhanden. Die Grundlage, die mosaischen Institutionen in Lehre und Gesetz, gaben die geheiligte Basis ab, von der das Judenthum niemals wich, ans der alle Phasen desselben sich ansbauten. Aber ebenso wenig fehlte es an der fortschreitenden Entwickelung. Man nannte sie die Tradition. Sie war der stetige Fluß des Lebens, welches aus die Entfaltung aus jener Grundlage, und die erneuerte Gestattung derselben im Geltenden ciuwirkte, und eine immer fortgesetzte, die neuen Lebenselcmcnte immer wieder in sich ausnehmende Gesetzlichkeit hervorbrachte. So wenig wie der salomonische Tempel ein bloßes Abbild des mosaischen Stistzeltes war, ohne sich jedoch von dessen Grunkzügen zu entfernen: ebensowenig war die traditionelle Entfaltung schon in ihren ersten Stadien eine bloße Verästelung des mosaischen Gesetzes. Ein neuer schöpferischer lebendiger Geist erfüllte sie. Wie daö Prophetenthum eine hochgeistige Entwickelung der mosaischen Lehre war, so arbeitete die mischnische und gemaristische Tradition das mosaische Gesetz in großartigem Style um. Wir wir diese auch von unferm heutigen Standpunkte aus beurtheilen, erkennen wir in ihr immerhin eine principiclle wie materielle Verschiedenheit vom Geiste und Inhalt der mosaischen Institutionen: so müssen wir ihr doch den lebendigen Geist, die treibende Schöpferkraft, Hingebung und Gewistenhaftigkeit zugestehen, und thun dies freudigen Herzens. Sie war bei allem Festhalten der Basis doch eine freie Bewegung des Lebens und des Geistes, freier als man sic gewöhnlich ausfaßt; wer Dies bezweifelt, braucht sie nur in der Zeit zu beobachten, wo sie rascher und entschiedener zu pulsircn begann. Jl,r Gegner, der Satdueäismus, forderte das buchstäbliche Ausfassen und Festhalten der geschriebenen Thora: ihr Träger, der Pharisäismus, wollte die freie Behandlung des Textes nach dessen Geiste und den veränderten Bedingungen des Lebens. Der Erstcrc verschwand, der Letztere siegte. Ebenso siegte dessen Nachfolger, rer Nabbinismus über die Karäer. — Eine andere Zeit trat ein, als diese Tradition, diese flüssige Entwickelung sixirt und gefesselt ward. Im Talmud selbst ist sie noch in ihrer ganzen Beweglichkeit und Fülle vorhanden. Dieser selbst will ja nichts als das geschichtliche Bild der ganzen Entwickelung geben; es soll auch nicht das kleinste Product desselben verloren gehen. Gerade darum mangelte es ihm an geschichtlicher und systematischer Darstellung. Hieraus felgte aber Zwiefaches. Mit dem Abschluß des Talmuts nahm die freie lebendige Entfaltung ein Eure; es waren für diese Umfassungsmauern errichtet, die zu übersteigen nicht mehr gestaltet war. Aber zugleich und gerade deshalb mußte aus dem großen Konvolut der aufeinander geschichteten Provuete einer tausendjährigen Arbeit das herausgeholt und sixirt werken, was für die nunmehrige Zeit gelten sollte. Dies war die Aufgabe der nächsten Zeit. Auch hierin wurde rer Friere bewahrt, weil die gegebene Basis unerschütterlich sestgehalten wurde, der Streit um Einzelnes keinen allgemeinen Brand entzünden konnte; aber die Entwickelung war in enge Grenzen gebannt und nrußte mit der vollendeten Eedisication des rabbinischen Gesetzes in's Stocken gerathen: zuerst allmälig, alsdann völlig. Es war unausbleiblich, daß mit dem Eintritt neuer Lebensfactoren auch für das Judenrhum eine neue Entwickelungsperiode anheben mußte, welche die Umzäunung des codisicirten rabbinischen Gesetzes durchbrach, und, den inneren Geist seiner Fesseln entledigend, ihn neu zu entfallen und ihm gemäß die Formen umzugestalten suchte. Ties näher zu betrachten, und zu erwägen, wie auch hier der Friede, das ist die Entwickelung aus der gegebenen Basis, zu bewahren sei, ist heute nicht unsere Absicht. Unsere Ueberzeugnng ist es aber, daß dieser Friede im Jurenthume schließlich, bewahrt werden wird. Das Wesen desselben bürgt hierfür, ebenso wie daö Betürfniß. Diese durch Jahrtausende censequent eingenommene Stellung weift denn auch den Juden unserer Zeit mitten in den politischen und socialen Stürmen ihre Aufgabe an. Von innen heraus, aus ihrer religiösen Ueberzeugnng, sowie nach den geschichtlichen Bedingungen, die ihnen gestellt waren und sind, gehören sie der fortschreitenden Entwickelung auf der Basis jener hohen Principien der gesetzlichen Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetze, des Rechtes und der allgemeinen Menschenliebe, welche Moses