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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-23 · Heft 39 (23.9.1873) · p. Seite 642

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 39 (23.9.1873)
Date
1873-09-23
Page
Seite 642 (sequence 12)
Language
German
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642 alle Diejenigen unter denselben, die sich auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft hervorgethan, kennen Sie nicht oder wollen Sie nicht kennen. Oder vielleicht doch? vielleicht spricht sich in Ihren Predigten gerade der Grimm darüber aus, das; der Jude nicht mehr der Jude ist, wie Sie ihn construiren möchten, nicht mehr der Jude in Kaftan und Zobelmütze, nicht mehr Das ist, wozu ihn das finstere Mittelaller, in welchem Ihre Gesinnungen die allgemeinen waren, gemacht hat? Sie sehen ja, Herr Pastor, selbst solche Juden, die als Kaufleute wirklich meist mit „Rechnen und Zählen" (und, weun's angeht, auch mit dem „Iusammenscharren des Geldes") zu thun haben, müssen diese Beschäftigung zuweilen verlassen, um sich — mit Ihresgleichen herumzustreiten. — Oder ärgern Sie sich vielleicht darüber, das; die freisinnigen protestantischen Geistlichen sich den Grundanschauungen des Judenthnmes immer mehr nähern? Was wollen Sie dann von uns? Haben die Juden diese Herren bestellt? Sie wissen ja, daß wir keine Proselyten machen! Und zu einem Gotte beten die Juden, der ein „falsches Bild" Ihres wahren Gottes sein soll! — Merkwürdig! das Judenthum, das anderthalb tausend Jahre älter ist, als Das Christenthum, verehrt ein „Bild Ihres wahren Gotteö"! Wie ein Wesen ein Bild sein kann von einem anderen Wesen, welches 1 f> Jahrhunderte später soll erkannt worden sein, das, — wir bekennen es offen, — verstehen wir nicht: Ihrer hohen Weisheit, Herr- Pastor, wird Dieses unter dem Cinslusse der „Gnade", die uns ja abgeht, viel leichter werden. Aber was wir zu verstehen glauben, ist, daß Predigten, wie die erwähnte, die eine vom Staate anerkannte und beschützte Religionsgesellschaft in solch' provocirender Weise schmäht, sehr wohl geeignet sind, Sie mit dem Strafgesetzbuch in Conflict zu bringen. Doch stehen wir einstweilen von einer Anzeige in dieser Hinsicht ab, weil uns daS Bewußtsein genügt, daß Tie unter den Gebildeten der hiesigen evangelischen Gemeinde allein stehen. Uns ist eine ausreichende Genugthuung die allgemeine Entrüstung, die Ihre Predigt unter unseren evangelischen Mitbürgern hervorgerufen hat, mit denen wir uns eins wissen in dem Streben nach Humanität, nach Eintracht und gegenseitiger Duldung, mit denen wir uns eins wissen in dem Widerwillen gegen Fanatismus und Friedensstörung. Doch vergessen wir nicht, — Sie haben für uns Juden ja gebetet.— Wir wollen hinter Ihrem Edelmuthe nicht zurückbleiben, auch wir beten für Sie um recht baldige — Erlen ch 1 u n g. Krotoschin, den 21. August 1873. Der Vorstand der Shnagogengemeinde. Julius Slufzewer. Wie man unö schreibt, hat dieses Sendschreiben in der evangelischen Gemeinde allgemein befriedigt, eine Erwiderung erfolgte nicht. Vermischtes. In 2ir. 3G ist der statistischen Roliz über Heirathsgcsucke in öffentlichen Blättern gedacht, aus welcher hervorgeht, das; diese Art der Heirathsvermittelung bei den Juden häufiger vorkomme, als bei den Christen. Die „Reue Frankfurter Presse" bemerkte dazu: Es werfe Dies kein günstiges Licht auf die Juden, „denn eine Frau, die sich anbietet, wirft sich weg." Der Ztabbiner Dr. Levi antwortete in demselben Blatte darauf Folgendes: Gestatten Sie mir hier die Gegenbemerkung, das; jene statistische Thatsache, wenn sie überhaupt gegründet ist, eher ein gutes, als ein schlimmes Licht aus die Juden wirft. Die jüdischen Mädcken betreten nämlich nicht selbst den Weg „des öffentlichen Angebotes", es thun Das ihre Eltern, weil diese in höchstem Maße daraus bedacht sind, und auch gern die größten Opfer bringen, ihre Töchter zu verheiralhen. Tabor man denn bei den Juden verhällnißmäßig nicht den zehnten Theil so viel unverheirathete Frauenzimmer findet, wie bei den Christen. Biele christliche Mädchen würden es gewiß ihren Eltern danken, wenn diese sich ebenso für deren Berheirathnng bemühten, wie cs bei den Inden der Fall ist. Sodann wolle man bedenken, das; bei der großen Zerstreuung dieser letzteren, die oft nur in wenigen Familien beisammen wohnen, sich das Herz nicht so leicht zum Herzeit juicei, wie da, wo Tausende zusammen leben, die Eltern daher öfter veranlaßt sind, in Absicht der Berheirathnng ihrer Kinder die Blicke nach außen zn richten. Endlich wolle man sich fragen, ob nicht trotz alle und alledem die Ehen der den Inten nicht mindestens ebenso glücklich sind, wie die bei den Christen. Wir hatten in diesen Tagen Gelegenheit, die ausgezeichnete Tondichtung Robert Schumanns „das Paradies und die Peri" in einer fast rollenderen Ausführung zu hören. Der Tert zu diesem Kunstwerke ist aus Lalla Rook von Th. Moore genommen. Eine Peri, labgefallener Genius!, wünscht, den Eintritt in das Paradies für sich zu gewinnen. Die Pforten des Himmels sollen sich ihr öffnen, wenn sie die dem Himmel angenehmsie Gabe von der Erde als Opfer darbringt. Wiederholt bringt sie solche Gaben hinauf, wird aber abgcwiesen, bis sie zuletzt die richtige aussintel. Hier bemerken wir folgende;utresfende Wahl des Dichters. Aus Indien, dem reichen üppigen Lande, bringt sie den letzten Blutstropfen eines für die Freiheit seines Volkes im Kantpfe gegen den Tyrannen gefallenen Helden. Ties genügt nicht. Ans Aegypten, dem Lande rer Paläste, Tempel und des Landbaues, trägt sie den letzteit Seufzer eines Brautpaars hinauf. Iru Rilthale herrschte die Pest. Der Bräutigam, von ihr ergriffen, flüchtete sich in die Einsamkeit, um die in den Fürstenhallen ihres Vaters weilende Bram nicht

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