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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-23 · Heft 39 (23.9.1873) · p. Seite 640

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 39 (23.9.1873)
Date
1873-09-23
Page
Seite 640 (sequence 10)
Language
German
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640 Versöhnung, den Frieden empfangen. Deine Seele ist gebeugt, aber sie soll aufgerichtet werden. Du seufzest, aber preisen wirst du den Herrn, denn Er schasst dir das Heil! Es ist Dies keine kalte Berechnung, keine Stufenleiter von Dogmen, an deren tünsilischcr Spitze die Erlösung steht, keine schematisircnde Theologie, die bestimmt, heute geschieht Dies, morgen Jenes. Es ist nichts Anderes, als das Bewußtsein der menschlichen Schwäche, Mangelhaftigkeit und Schulrbarkeit hier, und des lebendigen Gottes, des SchmcrzenSheilers und barmherzigen Versöhners da, und beide in ihrem innigen Zusammenhänge, in ihrer unmittelbaren Verbindung, Das ist dieser Festtag „der Versöhnung", der Jom hakippurim! Die Religion hat hiermit ihm, ihrem Bekenner, die höchste Gabe dargeboten, das erhabenste Weihgeschenk. Darum, — denn der Mensch will durch die äußere Erscheinung geweckt, durch stärkere Eindrücke gehoben werden -, — hat die Religion diesen Tag von Beginn an in besonderer Weise ausgezeichnet. Als sie ihn einsetzte, — es sind Jahrtausende seitdem verflossen, — nannte sie ihn „den Sabbath der Sabbaihe". Er sollte also an sich kein Trauer- und Fasttag sein, kein Tag der Klage nnd Verzweiflung, sondern daö Gegentheil, der höchsten Weihe, der erhabensten Feier, ein Tag,, an welchem hinter dem Schmerze die lauterste Freude, hinter dem Seufzen der laute Lobpreis, hinter dem Sturme der süße Frieden kommen sollte. Denn , sie hat es ja längst verkündet: nicht int Sturme, nicht im Erdbeben nnd Feuer, sondern im sanften Säuseln des Friedens ist der Ewige (1 Kön. 19, 11. 12). Wie er, als noch der Tempel auf dem Gipfel des Morijah statid, gefeiert, und an ihm besondere Opfer dargebracht wurden, an ihm allein der Hohepriester in das Allerheiligste eintrat mit dem Blute der Sprengung und dem Weihrauch, und herauslretend nur dies eine Mal im Jahre den Namen deS Ewigen vor dem Volke aussprach in jenen Lauten, die wir jetzt nicht mehr vernehmen, — Ihr wisset es. Aber auch damals kaut eS nicht sowohl aus die Opfer, daö Blut und den 'Weihrauch an, vielmehr darauf, daß Jedweder sich niederwarf, Priester wie Volk, und aus gebeugter Seele, aus zerknirschtem Gemülhe bekannte: ich habe gefehlt, ntich verschuldet, gesündigt . . . und dieses Bekenntniß nicht als Worte der Lippen, sondern d^s Herzens, nicht als Formel in den Mund gelegt, sondern einbegreifend das Bekenntniß wirklicher Schuld, vollbrachter Unthat, unterlassener Pflicht, gebrochener Treue, des Unrechtes, daö an seinen Händen haftet, unbilligen Wandels, den sein Fuß beschritten! . . . Dann erst ward das Wort zur Wahrheit: „Verziehen ist der ganzen Gemeinde und dem Fremdling, der weilt in ihrer Mitte!" Dann zur Wirklichkeit die tröstliche Verkündigung: „Denn an diesem Tage wird Er euch versöhnen, euch zu reinigen, von all' euren Sünden sollt ihr rein werden vor dem Ewigen." Aber auch nachdem Tempel, Priester und Opfer verschwunden, hat die Religion diesen Tag auszurüsten verstanden für seinen reichen Inhalt, für seinen großen Zweck. Sie will, daß der Israelit an diesem Tage ganz aus dem gewöhnlichen Leben, aus seiner bürgerlichen und weltlichen Sphäre heraustrete, und nur dem Gedanken des Festes lebe; es soll „aufsteigen sein Flehen vom Abcnv, sein Gebet kommen vom Morgen und laut werde» bis zum Abend"; es soll in dieser Zeit keine Speise, kein Trank seine Lippen berühren. Wie sollte auch Anderes mit jenem Inhalte und Zwecke dieses Sabbaths der Sabbathe vereinbar sein? Kehrst du stundenlang zu deinem Heerde zurück, wo dich zahlreiche Gegenstände, Anregungen und Forderungen des gewöhnlichen Lebens umgeben, setzest tu dich nieder zum Mahle, das deine Seele abzieht, wie sollten die Bewegungen deines Geistes in dem .Kreise bleiben, in welchem du heute verweilen, den du heute durchschreiten sollst? Fürwahr, wenn du wirklich diese erhabene Gottesseier feierst, wird dir die kurze Entbehrung nicht schwer, sondern willkommen erscheinen. Ueberwunden wird sie leicht, aber ihre Wirkung ist mehr oder weniger stark in der Seele. Siehst du nicht, mit welcher Kraft, mit welcher Weihe und Hingebung die erregten und gehobenen Herzen im letzten Augenblicke des Festes ihr: „Höre Israel!" ihr: „Gepriesen sei sein Name!" ihr: „Ter. Ewige ist Gott!" ausrufen? Ja, an diesem Tage sollen wir das Gefühl der Abhängigkeit von imserem Gotte, der das Weltall füllt, der menschlichen Schwäche und Hinfälligkeit, und des Harrens auf Gott wahrhaft und ganz empfinden, — und dazu trägt ras Schwächegesiihl unseres Leibes merklich bei. Allerdings auf das Gebet und das Fasten allein koumn es nicht au, Dies allein thut es nicht; Das rufen uns auch unsere Weisen oft. genug zu; sondern ans die Demüthigung unseres GemütheS, auf wirkliches Bewußtsein unserer Schuldhaftigkeit, auf das aufrichtige Bekenntniß ttnseres mangelhaften Wandels und unserer Vergehungen, ans das wahrhafte Harren auf Gott und den Aufblick zu seiner Baruiherzigkeit! Aber gerade darum sind die Mittel der Religion nothwendig, unentbehrlich. Darum entziehst du dich dein Zwecke, wenn du von den Mitteln keinen Gebrauch machst. Ein dttrch den Geist streifender Gedanke, ein durch die Seele fliegendes Gefühl, sie gleichen nur Deut Blitze, der die dunkle Landschaft einen Augenblick erhellt, um desto finsterere Rächt zurückzulassen, der nicht zündet, sondern schnell verschwunden ist. Auch er ist nützlich; er befreit von der elektrischen Spannung, aber nur für Augenblicke. Hast du aber den Altar im Heiligthume deiner Seele errichtet, und zündest ans ihm die Opferslamme an, und utuerhältst sie Stunde nach Stunde, — dann verbreitet sie Licht und Wärme durch den ganzen Raum, und diese verbleiben dir lange Zeit, wohl bis zur Wiederkehr des TageS. Eine Antwort an einen evangelischen Pastor. Tie „Posener Zeitung" enthielt jüngst unter der Aufschrift: „Offenes Send schrei den an den Herrn Pastor prim. Füllkrug zu Kr otoschin" eine so treffliche, in allen Punkten

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