Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1873)
- Date
- 1873-09-23
- Page
- Seite 635 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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635 daß diese Vergeßlichkeit immer nur die Juden betrisst, besonders wenn es eine ihnen znkommendc Ehrenbezeugung gilt, während man z. B. an den schlesischen Malteserritterverein nicht vergast. Ebensowenig hat man gehört, daß man die Juten vergast, wenn es eine Sammlung zu gemeinnützigen und wohlthätigen Zwecken, z. B. zur Unterstützung der Verwundeten und Invaliden gilt. Glücklicherweise machen wir uns nicht viel daraus, und werden uns darum in unserer Opserwilligkeit für vaterländische Zwecke und humanitäre Bestrebungen nicht stören lassen! Berlin, 13. Sept. (Nach der Kreuzzcit.l Tie Gesellschaft zur Beförderung des Christen thums unter den Juden hat ihren Jahresbericht erscheinen lassen. Derselbe ist nicht sehr ermuthigend für die fromme Sache. In der Sr. Gertraudenkirche findet allabendlich ein Gottesdienst mit Predig! über altlestameniliche Texte statt. Doch ist nach dem Berichte die Becheiligung der christlichen Gemeinte größer, als die der Inden, „die nur einzeln und selten erscheinen". Auch sind „leider" die Erfahrungen an den >taiechnmenen „recht ungünstig". Von zwölf, die sich im 'vergangenen Jahre gemeldet Hallen, ist schließlich nur einer getauft worden. Erliche wurden wegen unwürdigen Wandels zurückgewiesen, die übrigen traten freiwillig zurück. Posen, l l. Sept. «Pos. Zlg., In der gestrigen Startverorenelensitzung wurden zu Mitgliedern des Euralorirnns der Realschule zwei evangelische und ein jüdischer Stadtverordneter gewählt, während früher zu den Mitgliedern auch stets ein Stadtverordneter katholischer Eensession und polnischer N'ationalität gehörte. Potsdam, Seplbr. iPrivann.) Am J. d. M. beging das Isaak Hirschbnrg'sche Ehepaar .das Fest der goldenen Hochzeit. Bei der allgemeinen Achtung, ^welche die braven Menschen sowohl in der jüdischen Gemeinde, wie in den Kreisen der Stadt geniesten, war die warme und reiche Theilnalnue vorauszusehen, welche sich dem Feste zu Ehren kund gab. Deputationen rer Gemeinde und des Frauenvereins überreichten den Jubilaren Adressen und werthvolle Geschenke; aus sernerliegenden Kreisen kamen (Glückwünsche und Beweise von Hochachtung. In der Synagoge fand vor einem dichtgedrängten Publikum Nachurittags die feierliche Einsegnung des Jubelpaares durch Herrn Rabbiner!>r. Tobias Eohu statt, der unter Zugrundelegung des Verses.- „Wie schön ist es, aus den Höhen die Schritte des Bolen zu vernehmen, der Friede kündet, Tugend vermeldet, Heil ansrust" aus der Haphtorah des jüngst verflossenen Sabbaths, von inniger Begeisterung getragen, die Weiherede hielt, und den Jubilaren ein Gnadenanrenken Ihrer Majestät der ttöiiigin-Willwe Elisabeth überreickne, bestehend in einem hebräischen Exemplar des alten Testaments, und versehen mit Allerhöchstreren Namenönnterschrist und dem Bilde der Geberin, wie des Hochseligen (Gemahls derselben. Ein heiteres Mahl versammelte darauf die Festgesellschaft. Straßburq, r». Septbr. Nach den osfieiellen „statistischen Mitthcilnngen über Elsaß-Lothringen" enthielten diese Rinder bei der Zählung vom I. December 1 s 71 unter einer Gefammtbevölkerung von l,.V|!i,73S Seelen, Krsr> Israeliten, und zwar l!>,S7f> männliche und 2<>,t»:i7 weibliche. Hiernach ist in dem Reichs lande der :i^. Mensch jüdischer Religion. während im übrigen Deutschland und in Preußen noch nicht der 70. ein Jute ist. Bor der Trennung von Frankreich wohnten nach den französischen Angaben im Eonsistorialsprengel Straßbnrg 2o,S2s Juden, Colmar 17,nou und Metz S,r>üO, zusammen H‘>,:r2s. Da nun jetzt zu Metz noch einige Gemeinden von lothringischer Seite hinzugekonmten sind, mußte die jüdische Bevölkerung circa 17,00n gewesen sein, so daß ungefähr <;<>«»,, ans dein Reichs lande ausgewanrert sind. Diese Auswanderung muß mehr von Männern, als von Frauen geschehen sein, da gegenwärtig die Letzteren an Zahl die ersteren übersteigen, während sonst bei den Juden das Gegciicheil stattfindet. Oesterreichisch-unFarische Monarchie. Ans Galizien, 2S. -August, (PrivaUnitth.j Galizien bietet gegenwärtig für uns ein interessantes Schauspiel, da hier znm ersten Male die zahlreiche jüdische Bevölkerung berufen ist, in ton ersten unmittelbaren Reichsrathswahlen eine politische Rolle zu spielen. Die Polen haben ihrer aristokratischen Natur wegen, vermöge derer selbst die pelnischeit Demokraten stets Alles, was nicht polnisch, ausgeschlossen haben, niemals vermocht, irgend ein anderes nationales Element sich anzneignen, oder zu absorbiren. Sie kannten und -kennen nur eine Herrschaft der Polen. So stehen sie überall den anderen Bevölkernngstheilen feindlich gegenüber, und nähern sich ihnen nur, wenn sie sie benutzen wollen, um sie nach der Ausnutzung wieder von sich zu stoßen, und sie möglichst zu unterdrücken. So stehen sie den Deutschen, selbst den raeeverwandlen Ruthenen, und den sich so leicht in politischer Beziehung anschließenden Inden gegenüber. Den Inden ist bei den Wahlen ihr Standpunkt klar angewiesen. Die Verfassung ist für sic die einzige Bürgschaft, die bürgerliche Frei heit zu geniesten, die bürgerlichen Rechte nicht bles dem Namen nach, sondern auch in -Wirtlichkeit zu besitzen und aufrecht zu erhalten. Sie müssen daher verfassungstreue Abgeordnete wählen, ohne Berücksichtigung der Nationalität und Eensession. Haben Tics die galizischen Inden begriffen'? Diese Frage mnst man im großen Ganzen bejahen, und es ist in der Thal kein geringes Zengniß für die Intelligenz rer jüdischen Masse, daß sie so schnell ihre politische -Aufgabe und Pflicht erkannt hat. Sie hat dabei zwei Moineinc zn überwinden: die Furcht vor den Gewaltthätigkuten der Polen, die es an selchen bei Wahlacten und tgl. nichl sohlen lassen, . und die Verlockung Seitens rer Polen, da es für den bisher Verachteten keinen geringen Reiz