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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-16 · Heft 38 (16.9.1873) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 38 (16.9.1873)
Date
1873-09-16
Page
Seite 622 (sequence 8)
Language
German
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622 man in gewissen Gegenden allgenrein als ein bewährtes Präservativ gegen die Epidemie. Unlängst gelang cS mir, diesem Aberglauben aus den Grund zu kommen. Ein alter Mann gab mir den geschichtlichen Ursprung zum Besten. Der selige alte Rabbiner in Make hat DieS im Jahre 1830 eingcführt, intern die Wortzahl lGematria», von „Lulab" gleich ist mit der Wortzahl von Ehajim, „Leben" und diese kabbalistische Spielerei: 271? ---- OS, o^n -= CS, fand allgemein An klang, und hat sich bis aus den heutigen Tag erhalten. Doch so viel steht fest, das; die Epidemie unter den Juden, weil sie mäßiger leben und gleich im ersten Stadium Hülfe suchen, weniger grassirt, als unter der übrigen Bevölkerung. Tic. Liebe zum Leben ist ein merkwürdiger Lug im Charakter der Juden, und dieser kommt ihnen in solchen Momenten sehr zu Gute. Es ist zum Staunen, welchen Kamps die Aerzte selbst mit den deutschen Bauern zu bestehen haben, die aller Vorsichtsmaßregeln spotten, und dann erst den Ärzt holen, wenn die Gefahr am Höchsten ist. — Zu dem Rabbi in dem galizischcn Städtchen Husiathn, Marcus Friedmann, pstcgcn beim Herannahen' der großen jüdischen Festtage (Neujahrs- und Versöhnnngsfest) zahlreiche Gläubige zu wallfahrten, um unter feinen Augen Versöhnung zu erflehen. In diesem Jahre hat der Bürgermeister von Husiatyn ein Verbot dieser Zusaunuenkünfte auS Anlaß der im Lande herrschenden Epidcune erlaffen. Frankreich. Paris, 1. September. (Nach den Arch. isr.) Der Municipalrath von Sedan hat in seiner Sitzung vom 23. August die Gründung eines Rabbinates in dieser Stadt beschlossen. — Die Arch. isr. beginnen ihr heutiges Heft mit folgendem Satze: „Die politischen Begebenheiten, die sich in Frankreich vorzubereiten scheinen, flößen den Israeliten die Sorge ein, ob die Rechte, in deren Besitz sie seit der unsterblichen Revolution von 178!) sind, ihnen erhalten bleiben werden. Jndeffen gilt besonders auf dem Gebiete der Politik der Satz, daß eS von dem Becher bis zu den Lippen noch weit sei, und die Parteigänger des Thrones und der Kirche, die sich, Tank der in FrohSdorf geschehenen Fusion, eines nahen Triumphes schmeicheln, werden sehen, daß die öffentliche Meinung auch noch eine Stimme hat, — man wird über Frankreich nicht verfügen ohne Frankreich." — Auch wir wünschen das Letztere: denn daß mit Heinrich V. der Shllabus zum Gesetze Frankreichs werden wird, kann nach dem Geiste und den Auslaffungen seiner Parteigänger nicht bezweifelt werden, wenn auch die Herrschaft desselben eine langdauernde nicht werden kann. Paris, 2. September. (Privatmikth.) Die Nr. C des monatlichen Bulletins der Alliance bringt wieder .Nachrichten über die orientalischen Schulen, wie einzelne günstige Fortschritte, andere ungünstige Erfolge aufzuwciscn haben; dann über traurige Verhältnisse, in welchen unsere Glaubensgenossen in der asiatischen Türkei und in Marokko schmachten. Aus Damaskus werden mehrfache Mordthaten, an jüdischen Händlern in nahen Dörfern begangen, gemeldet, ohne daß die Locakbehörden davon Notiz nahmen, oder der Klage der Verwandten der Gemordeten irgend rvelche Folge gaben. — Salomen Obadia, welcher fürchterlich mißhandelt worden, weil er die fremden Gesandten gelobt hatte, durch deren Verwendung die Anordnung des Pascha von Ducalla, welcher den Markttag auf den Sabbath verlegt hatte, beseitigt worden, ist aus dem Gefängniß entlassen worden, aber in welchem Zustande! Dagegen sind ausdrückliche Befehle erflossen, welche den Israeliten von Safsi, Marokko und Mazagan, auch denen, welche unter fremdem Schutze stehen, verbieten, europäische Kleidung zu tragen, und in den muselmännischen Quartieren mit Pantoffeln an den Füßen zu erscheinen. Dieser Befehl wurde zu Fez auch zwei aus Algier geborenen Israeliten iusinuirt; sic haben bei der französischen Gesandtschaft Klage erhoben. Ein kranker Israelit, welchem der Arzt ein Dampfbad verordnet hatte, suchte, da solche Bäder im jüdischen Quartier zu errichten streng verboten ist,.mit zwei Begleitern Eingang in ein arabisches Bad zu erlangen. Sofort wurden sie von rer Menge umgeben und. auf's Fürchterlichste mißhandelt. Mit Wunden bedeckt, erhoben sie ihre Klagen vor dem Gouverneur. Dieser aber ließ ihnen 500 Stockschläge geben und sie in das Gefängniß werfen. Man erwartet den Befehl des Sultans, um ihnen den Kopf abzuschlagen, und alles Dies wegen vorgeblicher Entweihung des arabischen Bades! Die Vertreter der fremden Mächte wollen interveniren. Holland. Amsterdam, im August. Unter den 39 Mitgliedern des hiesigen Stadttaths befinden sich 7 Israeliten. Rumänien. Bukarest, im August. lPrivatmitth.) Die rumänische Postbchörde hat den Postanstalten, welche, wie wir jüngst berichteten, Correspondcilzkarten, die auf der Rückseite mit hebräischen Lettern beschrieben waren, nicht befördern wollten, die Anweisung ertheilt, daß sie solche Karten, wenn nur die Adressen in rumänischer Schrift geschrieben seien, nicht zurückweisen dürften. — In der letzten Zeit sind mehrere Juden, die nach Amerika ausgewandert waren, im elendesten Zustande zurückgekehrt. Händler mit einigem Gelte, Handwerker, die ihre Habe veräußert hatten, sahen, was sie besaßen, in den Reisekosten und während des Aufenthaltes in Amerika schwinden, fanden dort, selbst auf Empfehlungen hin, weder Beschäftigung noch Unterstützung, und traten den Rückweg im traurigsten Zustande an, wenn sie nicht eben, wie so mancher Genosse, in Amerika, untergehen wollten.

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