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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-16 · Heft 38 (16.9.1873) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 38 (16.9.1873)
Date
1873-09-16
Page
Seite 618 (sequence 4)
Language
German
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61$ daS ganze Opfern aufgegcben haben wollen. Ist eö aber selbst bis zu unserer Zeit mit dem Gebete nnd allen gottesdienstlichen Formen anders? Berechtigt uns DieS daher, den Gottesdienst und besonders das Gebet auS der Heuchelei und Formhciligkeit entstanden, nnd damit auf immer verbunden anzusehen? Wir haben daher die beiden Fragen zu beantworten: Ist eö richtig, daß das Opfern keine andere Bedeutung habe, als Renan angiebt? und zweitens, war, wie er behauptet, diese Anschauung vom Opfern auch die deS alten Israel? In der Beantwortung dieser beiden Fragen wollen wir einfach der Bibel selbst folgen, welche uns über die Entwickelung deS Opferdienstes Andeutungen genug giebt. Schon am Eingang der h. Schrift wird uns eine sehr beachtenswerthe Bemerkung gegeben. Kain war Landbebauer, Hebel Schaashirt geworden. Da heißt es <1 Mos. 4, 3): „Aber es war nach Verlauf von Jahren, brachte Kain von der Frucht des Bodens eine Opfergabe den» Ewigen dar. Und Hebel brachte auch von den Erstlingen seiner Heerde und von ihrem Fette dar; und der Ewige , schaute auf Hebel und auf seine Opfergabe, und auf Kain und auf seine Opfergabe schaute er nicht." Diese Worte geben unö nach allen Seiten hin zu denken. Wenn schon das zweite Geschlecht also Opfer darbringt, so geschah Ties doch erst „nach Verlauf von Jahren," woinit angedcutet wird, daß das Darbringen von Opfergaben in eine sehr frühe Zeit hinaufreicht, dennoch aber eine gewisse Entwickelung vorangegangen. ES wird ferner angedeutet, daß zwar die unblutigen Opfergaben zuerst dargebracht wurden, die'blutigen aber sehr bald nachfolgien. Bon beiden Opferarten wird das Wort nnra gebraucht, welches, vom ungebr. n:»-== „austheilen, abgeben, schenken", ein Geschenk, eine Gabe bezeichnet, und von solcher gebraucht wird, die einem Vornehmen, einem Könige, und besonders Gott dargebracht wird. Der Begriff des Opfers wird daher unstreitig hier als der der Dankbarkeit für den erhaltenen Ertrag,*) als ein.Act der Huldigung und Verehrung festgestcllt. So lesen wir Nichts von einem etwaigen Sühnopfer, welches Kain nach seiner schrecklichen That dargebracht hätte, ebensowenig von einem Bittopfer, zu welchen! sich Noah auS Furcht vor der drohenden Gefahr der Fluth, und zu deren Abwendung gedrungen gefühlt; vielmehr erfahren wir, daß Noah erst nach überstaudener Fluth, also aus Dank für die Rettung ein Opfer dargebracht habe (1 Mos. 8, 20). Der Ursprung des Opfers wird also von der h. Schrift'ganz bestimmt den Gefühlen der Dankbarkeit gegen das höchste Wesen zugeschrieben, und wir möchten glauben, daß in solchen Dingen eine so alte Urkunde auch selbst für den sonst Ungläubigen, also vom historischen Standpunkte ans, mehr Gewicht haben müsse, als die rückwärtSgehenden psychologischen Klügeleien der gegenwärtigen Menschen. Dafür spricht auch, daß Hebel „von den Ersttingen seiner Heerde" darbringt. Denn jedenfalls spricht sich hier doch die Anschauung von der Sache ans uralter Zeit ans. — Kehren wir noch einen Augenblick zu unserer ersten Stelle zurück. Auffällig ist der Zusatz: „Der Ewige schaute auf Hebel und auf seine Opsergabe, und auf Kain nnd auf seine Opfergabe su'.aute er nicht." Das Wort "Va r,?v bezeichnet „den Blick scharf auf Etwas richten, es berücksichtigen." Die mannichfaltigen Erklärungen, warum Gott die Opfergabe Kains nicht, die Hebels wohl beachtet habe, wollen wir, als auf bloßen Vermulhungen beruhend, übergehen, ebenso die Frage, wodurch Kain, und wohl auch Hebel, Dies bemerkten? Wir legen nur ein Gewicht darauf, daß eS nicht heißt: „auf die Opfergabe Hebels" und „auf die Opfergabe KainS", sondern, daß die Personen vorangestellt werden: „auf Hebel und seine Opsergabe, und auf Kain und seine Opsergabe." Erwägt man dabei, daß Kain der erste war, der das Opfer darbrachte, und Hebel ihm erst nachfolgte, so muß man sicher daraus schließen, daß die Person selbst die Ursache war, weshalb Gott dem Opfer des Einen Beachtung, dem des Anderen keine geschenkt habe. Dies anzunehmen , wird um so zuverlässiger, wenn wir sehen, was im Gemüthe Kains vorging, und wozu er sich, und zwar mit Bedacht; denn er blieb ja nicht ungewarnt, bestimmte. Es gehr also daraus hervor, daß die Persönlichkeit Kains eine solche war, daß deren Opfergabe nicht das göttliche Wohlgefallen zu erregen vermochte, während die Hebels hierzu angethan war; und Sinn und Wort der Schrift bezeugen also die Vorstellung, daß das Darbringen von Opfergaben an sich unwesentlich sei, daß es vielmehr auf die Reinheit und wahre Frömmigkeit der Person ankomme. Gerade daß Dies nicht klar ausgesprochen, doch aber bemerktich gemacht wird, zeigt, daß diese Vorstellung eine allgemeine war, die nicht hervorzubeben, sondern nur anzudeuten war. Auch hierdurch fällt jene Meinung hinweg, daß der „primitive" Mensch mit seinem Opfer Gott nur beschwichtigen oder bestechen wollte. . Schon mit dem dritten Geschlecht, zur Zeit des Enosch, des Sohnes Seth's, „sing man an, den Rainen des Ewigen anzurufen" (1 Mos. 4, 26i.*j In der ganzen Geschichte Abrahams, Isaaks und Jakobs läuft dieses „Anrufen des Namens Gottes", — „der Name" ist dem Hebräer überall die keusche Verhüllung des Wesens Gottes, — neben dem Erbauen eines AltarS, also der Darbringung von Opfern einher, und zwar so, daß beide in jedem Momente miteinander verbunden sind. Es geht hieraus hervor, das; in dieser ältesten Periode des JsraelitenthumS Opfer und Gebet durchaus vereinigt waren, daß also jene Ausschließlichkeit des Opfernd als einziger gottesdienstlicher Handlung, *) Die Auslegung des bnin „man entweihte" nach T. Onk. und -Ton. ist nicht zu berücksichtigen, da im Vorhergehenden vvn den Anfängen der Künste, der Dichtung ff. berichtet wird, und schon 12, 8. 13, 4. 21, 33. das '7? cm enp von Abraham gebraucht wird. Aben Eöra und Abarbanel haben schon das Richtige.

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