Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1873)
- Date
- 1873-09-16
- Page
- Seite 617 (sequence 3)
- Language
- German
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617 befriedigen. Nicht die Parteiwuth, sondern den Indisserentismus und die ganz persönliche Zanksucht haben wir zu fürchten, um die allgemeine Einheit im Judenthume, und besonders in der Gemeinde zu erhallen. Aber noch ein Zweites haben wir hervorzuheben. Dies ist nnserer Meinung nach, daß die Existenz von Parteien und verschiedenartigen Richtungen durchaus noch kein Zeugnis; für Verfall, Zerrissenheit, Zerfahrenheit n. dgl. giebt. Vielmehr sind sie ein Ausfluß und Beweis erwachten und frischen Lebens, neuer Geistesthätigkcit, neuen Ringens und Schaffens zum Fortbestände und zur Fortentwickelung. Uniformität, blindes Unterwerfen unter das Ueberlieferte, oder unter eine einzige Autorität, bringt Erstarrung und Verknöcherung hervor. Ist der Verfasser ein Freund der Letzteren, so haben wir mit ihm nicht weiter zu streiten. Das Indenthum unserer Zeit hat die Aufgabe, sich mit dem Enlturleben, in welches seine Bekenner eingetreten, zu vereinbaren. Diese Aufgabe haben ihm nicht die Reformer gestellt, und nicht die Orthodoxen vermögen sie ihm abzusprechen. Tie Vorsehung hat sic ihm durch den Gang der Ereignisse gestellt. Die Parteiung im gegenwärtigen Judenthume bezeugt also nur das Leben und die Kraft im -Judenthume, sich dieser Ausgabe bewußt zu werden, und sie allmälig zu lösen. Von diesem Gesichtspunkte sehen wir die Dinge an. Woraus nun der Verfasser eigentlich hinaus will, ist zuerst, daß er zu zeigen sich bemüht, die Zustände im Judenthume in den verschiedenen Ländern seien gerade dieselben, wie im Christenthume, und seinen Kirchen und Seelen. Wir halten cs für einen unnützen Streit, hierüber zu rechten. Der Beweis wird ihm oft sehr schwer, und beruht aus falschen Vorstellungen. So sagt er: „Stagnation, oder ein vergebliches Sichmühen, die alte Orthodoxie wieder aufzurichten; daneben der völlige religiöse Baukerutt, Das ist der Zustand des romanischen Judcnlhums; ähnlich das dortige römische Christemhum, welches neue lebenskräftige Bewegungen ans sich selbst zu gebären, bereits fast die Kraft verloren hat, und nach immer nenaufftackernden Versuchen, allem Glauben den Rücken zu kehren, dem schlimmsten Papismus verfällt." Wir möchten wissen, woher der Verfasser diese Schilderung des Judemhums in den romanischen Ländern hat? Aus Spanien und Portugal nicht, da cs doch nur sehr wenige und vereinzelte Juden giebt, ausgenommen in Lissabon. Tie Juden in Frankreich sind im Ganzen conscrvativer Natur aus dein religiösen Gebiete; aber von einem ..vergeblichen Sichmühen, die alte Orthodoxie wieder auszurichten", oder gar von einem „völligen religiösen Bankerutt" sprechen, dafür hat der Verfasser gar kein Motiv, und es ist reine Phantasie von demselben. In Italien ist die Zahl der Juden sehr gering, nicht viel über 30,0(K>, auf 22 Millionen. Hier und da hat allerdings daselbst die plötzliche Beseitigung der gesetzlichen Gemeindeverfassung Seitens deS Staates Verwirrung hervorgebracht; doch müssen wir erst die weitere Entwickelung abwarten. Geradezu kläglich ist das zweite und letzte Ziel deS Verfassers, der Hinweis auf die Indenmissionsgefellschaften als die einzige und wesentliche Abhülfe für Inden und Christen. <S. 535»). Das kleinliche Resultat in fünfzig Jahren, circa 1750 Juden getauft zu haben, — man weiß mit welchen Mitteln, und waö für Subjecte in den meisten Fällen, — ist doch wohl eher ci» vollgültiges Zeugnis; dafür, daß dieses Mittel ein völlig vergeblich ist, als für das Geg-'ntheil? Hier, wo die hohle Phrase zur Thalsache kommt, zeigt sie erst recht ihre In Haltlosigkeit. Der Verfasser sagt, daß die Kenntnis; der ueutestamentlichen Schriften unter den Juden jetzt sehr verbreitet sei; nun, welchen Erfolg hat Dies gehabt? Es ist eben ein ganz Anderes, Schriften mit anerzogener Ehrfurcht, und dem Glauben an den göttlichen Ursprung derselben, oder als ein von außen Kommendes mit kritischem Blicke in die Hand zu nehmen; darin liegt der Inckhmn der Missionäre. Deshalb wird eie von dem Vers, so sehr gerührnte neue hebräische Uebersetznug des neuen Tesiarnentes auch keinen anderen Erfolg haben , als die frühere. Jedenfalls muß doch' der Verfasser zugestehen, daß man von christlicher Seile mehr gegen die Synagoge „anstürmt", als umgekehrt. Zwei Irrthiimer. II. Renan will die psychologischen Momente festskellen, aus denen bei rem „primitiven" Menschen die Darbringung von Opfern entsprungen sei, und findet diese, sowie überhaupt den bleibenden Gedankeniuhalt des Opferus in der Furcht und dem Interesse, um nämlich das höchste Wesen, entweder zu beschwichtigen, oder zu bestechen. Im elfteren Sinne wurde ras Opfer als „stellvertretend" angesehen. Es versteht sich, daß diese Anschauung von den Opfern im Alterthnme durchaus nicht weggelcugnet werden kann. Sie hat ihr Wahres. Aber wer genauer nachsieht, kann nicht verkennen, daß ähnliche Anschaunngen auch vom Gebete bis in unsere Tage vorhanden sind, daß man dnrch Gebele das höchste Wesen „beschwichtigen oder bestechen" will, ja daß man glaubt, durch recht häufige und laute Gebete Gott! zu einem erwünschten Entschlüsse nicht blos bestimmen, sondern i sogar zwingen zu können. Wir nennen Dies Aberglaube, und j wissen, daß dem Gebete ein großer Inhalt und eine bedeutende Wirksamkeit verbleibt, wenn wir diesen Aberglauben davon trenl Neu. Dies schon beweist, daß auch Reuans Anschauung vom; Opfer ebenso nur den Aberglauben , der damit verbunden war, i betrisst, daß aber auch eine ganz andere Anschauung vom Opfer ' vorhanden sein kennte, welche mit diesem Aberglauben Nichts zu schassen hatte. Das Opfern hatte im Alterthnme auch die Folge, >daß sich Heuchelei und Formheiligkeit daran knüpfte, und Dies ist es, wogegen die Propheten donnern, und weshalb sie lieber 38*