Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1873)
- Date
- 1873-09-16
- Page
- Seite 616 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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616 Oit gleichem Sinne sagt er S. 535: „Tie Kirche, gegen welche oie Juden so lange angestürmt haben." Welche Uebertreibung! Wer war stets der Anstürmcnde? Die Kirche gegen das Judenthum, oder das Letztere gegen jene? Bon wem gingen die blutigsten Verfolgungen aus, und wer waren die Verfolgten? Sind es nicht Judenthum und Juden, gegen welche täglich mit Schnrähreden und Schmähschriften von allen kirchlichen Parteien und Consessivnen an ge stürmt wird? Und was thun die Juden anders, als sich ihrer Haut zu wehren, und die Pfeile deö Angreifers auf diesen selbst zurückzuschlcudern? Aber man war es anderthalb Jahrtausende gewohnt, daß die Juden stille halten mußten und hielten; und daß sie sich seit einigen Jahrzehnten gegen ihre Feinde und Schmäher auch vernehmbar machen, Das ist cs, was so sehr verdrießt. Im Handumdrehen macht man aus Abwehr Angriff, aus Bertheidignng „Anstürmen". Welche Kirche es auch sei, hier die evangelische, sobald sie aus Widersacher oder Gegner stößt, in Zustande gerärh, die ihr nicht behagen, sucht sie die Juden als Urheber, oder wenigstens als Schildknappen der Gegnerschaft anzuschuldigen. Sie weiß sehr wohl, warum sie Dies thut. Der Verfasser entwirft zuerst ein kurzes Bild von den Bestrebungen, um das innere Leben im Judenthume zu wecken. Welche Uebertreibnng aber schon hier vom Verfaffer, wenn er den bescheidenen, wenn auch warmen Antbeil, den die jüdische Presse au dem „nationalen Leben des deutschen Volkes" nimmt, so darstellt, als ob sie die „Hauptvertretung rer modernen Ideen in tiefem nationalen deutschen Leben" übernommen habe! Hieraus will er zeigen, daß trotzdem die Juden „national und religiös in die allgeiticine Umgebung nickt aufgehen" wollen. In religiöser Beziehung geben wir ihm vollständig Reckt. Wir wollen uns keiner der Kirchen anschließen, die uns umgeben, und ebensowenig dem Materialismus und Atheismus, die uns nicht weniger umgeben, und gegen uns „anslürmen". Hinsichtlich des nationalen Lebens aber verweisen wir ihn ans seinen Widerspruch, uns zuerst zu Hauptvertretern desselben zu machen, und uns dann wieder aus demselben hinauszuwerfen. Was versteht denn der Verfasser unter „national"? Tie Juden sprechen die deutsche Sprache, haben überall die deutschen Sitten und Gewohnheiten angenommen, allen bürgerlichen, wiffenschastlichen und künstlerischen Bcrufsarten und Bestrebungen des deutschen Volkes sich ergeben; in Freud' und Leid, in Pflicht und Recht, in allen Lasten und Opfern nehmen sie den vollen Antheil am Leben deö deutschen Volkes, und zwar in völlig nationalem Sinne. Was fordert denn der Verfasser mehr? Ist er, der orthodoxe Protestant, etwa ein so großer Freund eer gemischten Ehen, daß ihm die Zahl derselben noch zu klein erscheint? Ist es nicht gerade seine Partei, welche vor solchen am meisten zurückschreckt, und sie bis auf die neueste Zeit zu Hintertreiben, sie gesetzlich unmöglich zu machen suchte? Wit welchem Rechte spricht er daher jenen Satz ans und behauptet, daß die Juden die politischen und socialen Rechte nur fordern, „um mit demselben ihr eigenes besonderes Haus desto behaglicher einznrichten"? Sprechet doch lieber eure Gesinnung klar und einfach aus: die Juten suw euch ein Dorn im Auge, so lange sie nicht, — etwa nicht zum Christenthmne, sondern — zu eurer besonderen Kirche, hier der orthodox-evangelischen, sich bekehren. Mögen sonst die Juden thun, was sie wollen, ihr werdet sie stets tadelnswerth und verwerflich finden, und zum Prügelknaben für eure eigenen Sünden machen. Denn, mit es gleich hier zu sagen, auch bei dein Verfasser läuft schließlich Alles auf — die Jndcnmissionsgesellschaften hinaus. Doch vorher haben wir noch Einiges zu bemerken. Er findet die Bemühungen der westeuropäischen Inden, das Schicksal ihrer orientalischen Glanbenebrüder zu erleichtern, sehr erfreulich, — aber er findet sofort, daß hierbei „die Fragen der Moral der Geldfrage weichen," da jene auch ras Verbot des BranntweinsckankeS in Rumänien bekänlpft hätten. Wir wollen hier nicht in die Frage eingehen, ob dieses Verbot für die Juden, und das Uebcrlassen res Vranntwcinschankcs an christliche Verkäufer die Trunksucht des rumänischen Volkes irgend wie vermindern werde? Hat der Verfasser nicht gehört, daß man in Rumänien auch den Tabakvcrkauf zu einem .Monopol gemacht, und die Juden davon ausgeschlossen hat? daß man ihnen jeden Ankauf eines Grundstückes, den Aufenthalt in den Dörfern und auf dem Laude, jedes Staats- und städtisches Amt verschlossen, sogar jeden Antheil an öffentlichen Licitationen untersagt hat? Sieht da der Verfasser nicht, daß es fich hierbei gar nicht um moralische Frageil, sondern mit die ganze Existenzfrage unserer Glaubensbrüdcr handelt? Wie kann er es wagen, ein einziges Partikel aus einem ganzen Systerne der Verfolgung utib Ausrottung herauszuheben, und daraus für Bestrebung um Recht und Humanität eine so häßliche Beschuldigung zu schulicten? erscheint Dies moralisch, oder nicht als eine innerliche geheime Uebereinstimmnng mit dem rumänischen Systeme? Ter Verfasser wendet sich nunmehr zu de» inneren Spaltungen in der Judenheit zwischen den Reformer» und Orthodoxen. Daß er hier sehr grau in grau malt, versteht sich von selbst, und paßt zu seinem Zwecke. Wir wollen hier nicht näher darauf eingehen. Nur zwei Bemerkungen wollen wir machen. Er stützt sich auch hier auf Eitate aus jüdischen Zeitschriften, und zwar der extremen Richtungen. Aber solche Zeitschriften geben durchaus kein wahres Bild der wirklichen Zustände. Sie sind die Auslassungen der Wortführer, Derer, welche nach der Beherrschung der Masie streben, die daher Alles auf die Spitze treiben, und sich von Leidenschaft und GeiMsigkeit nicht frei erhalten. In der Wirklichkeit liegt es anders. Die Extreme macken nur geringe Bruchtheile aus. Die große Masse der Ju- I den will sich nicht spalten, nimmt von dem Geschrei der Partei- I führer kaum Notiz; ein Jeder will »ur nach seiner Ueberzeugung leben, und wo möglich dieser gemäß fein religiöses Bedürsniß