Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1873)
- Date
- 1873-09-09
- Page
- Seite 604 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226944--31949-3254895- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Lünen 1× ep/1045106
OCR text
604 wrfangcn, daß gerichtliche Termine auf jüdische Sabbathe mir 'Festtage, nicht anberaumt würden; daß jede.'-, hierdurch nicht ausgeschlossen werte, daß die Gerichte aus Gründen der Billigkeit und Humanität, soweit die Umstände es gestatteten, und es mit den sonstigen Verhältnissen sich vertrage, die Termine nicht gerade auf die Sabbathe und jüdischen Festtage anberaumten, und die ans diese Tage anberanmtcn Termine, ans Antrag verlegten, sofern durch ein solches Verlegungsgesnch die Neckte einer anderen Partei nicht verletzt würden. Hiernach haben wir das königl. Kreisgerichl zu Samter mit Anweisung versehen. Posen, den!!». August 1373. Königliches Appetlalionsgericht Graf Schweinitz." Lünen, lU. August. Von hier schreibt man dem „Westphälisch.'u Anzeiger": Tie hiesige israelitische Gemeinte hat ihren waikern betagten Lehrer, der im vorigen Jahre unter großer Betheiligung der ganzen Stadt sein -10 jähriges Lehrerjubiläum beging, kürzlich mit halbem Gehalte (Co Thlr. nicht ganz f» Sgr. per Tag > pensionirt. Ter tüchtige Mann hat sich für die Gemeinde aufgeopfert, und erhält jetzt vermuthlich als Dank dafür ein solches Spottgeld. Da hat sich die katholische Gemeinde in Dortmund schon nobler gezeigt, indem sie ihren allgemein beliebten Lehrer Lobte nach 33jähriger Wirksamkeit mit vollem Gehalte <ün<« Thlr.i pensionirt hat. Memel, 23. August. Eine kleine Seelenfischereigeschichte giebt das „Memler Dampfboot" in Folgendem, und verbürgt sich sür die Wahrheit Wort für Wort'. In einem kleinen Dorfe, nahe bei dem russischen Grenzstättchen Schillelen, wohnte auch ein Jude, mit Namen Elkan Michelsohn. Um in einer Krankheit Heilung zu suchen, war er nach Neustadt «Szugiud, gegangen, woselbst auch ein Bruder von ihm wohnt, und blieb daselbst mit seiner zur Pflege mitgenommenen Frau etwa 312 Monate. Sein Haus glaubte er in den Händen seiner drei Töchter, Marke, Naschte und Cheike, 18, 11 und 12 Jahre alt, gut versorgt. Eines Tages, er war fast wieder hergestellt, er durfte schon kleine Spaziergänge machen, trifft er einen Bauer seines Ortes, fragt ihn, wie eS zu Hause gehe, und erfährt, daß seine vierzehnjährige Naschte ihm durchgegaugep sei. Noch gar Glicht ganz wieder hergestellt, eilt er sofort nach Hause, und weint und fleht «vor seinem Bojaren, von dem er wußte, daß er die Hand mit im Spiele gehabt: „Schaffe mir mein Kind wieder!" „Beruhige dich", sagte der Bojar. dem doch das Geschrei des Vaters zu Herzen gegangen war, „komm morgen, dann sollst du deine Tochter wieder haben." Anderen Morgens kam Vater, Mutter und Geschwister, um sie in Empfang zu nehmen; allein der Bojar zuckte mitleidig die Achseln: „Es ist zu spät, ich kann dir dein Kind nicht mehr zurückgeben.". Ein paar polnische Bauern, denen das Mädchen anvertraut war, halten, als sie die Ankunft des Vaters erfahren, dieselbe drei Meilen weiter zu einem anderen Bojaren fortgeschasst. DaS Mädchen weinte und bat, zu den Ettern zurückgebracht zu werden: selbst die Frau und Tochter des Bojaren unterstützte mitleidsvoll die Bitte, jedoch vergeblich: man hielt sie fest und bedrohte, wenn auch zum Schein, sie erstechen zu wollen, wenn sie sich nicht beruhigen würde. Mittlerweile scheint das Mädchen in der That sich wieder zufrieden gegeben, allein vergebens scheint man sich bemüht zu haben, in Rußland, wo zum Mindesten den Katholiken solche Scelensischcrci auf das Strengste verboten ist, einen Geistlichen anfzusinden, welcher die Taufe, — denn darum handelte es sich bei der ganzen Sache. — zu vollziehen sich getraute. Was war zu thun? In einer Nacht machten ein Paar dieser Polen sich ans, stahlen mit dein Mädchen sich über die Grenze nach Preußen, und rer katholische Pfarrer Lang in Szibben bei Heyrekrug, — in Preußen ist ja Gewerbefreiheit, — machte sich kein Gewissen daraus, das Mädchen ohne Weiteres zu taufen. Wie sie herüber gekommen, so gingen sie wieder hinüber, und am Hose des Fürsten Oginsky in Salanten wurde das Mädchen versteckt gehalten. In Salanten wohnen sehr viele Juden. Es konnte nicht verhindert werden, daß das Mädchen bald einen zu Gesicht bekam, und ihm zurief: „Saget Vater und Mutter, man will mich schmadden (taufen), sie sollen mich holen." In aller Stille kam die Mutter an, und mit Hilfe der Polizei erhielt sie ihr Kind, und brachte es auch mit Polizeibegleitung glücklich nach der Heimath. Die Eltern waren der Meinung, damit sei die Sache abgethan, und verhielten sich ganz ruhig: um so rühriger dagegen benahmen sich die katholischen Bojaren und Geistlichen, welche es mit Hilfe des Taufscheins in der That tahin brachten, daß ihnen das Mädchen zugesprochen wurde. Ter. Mann wurde mit dem Mädchen vor Gericht citirl, das Märchen von bereitstehendcn Männern ergriffen und nach Croß in's Nonnenkloster gebracht. Hinter den Mauern dieses Klosters schien es denn, aus ewig begraben zu sein, doch schon am andern Morgen, als Alles in der Kirche war, stahl sich daö Mädchen auö dem Kloster, gelangte alsbald zu den croßer Glaubensgenossen, und jetzt befindet sich dasselbe vorläufig hier in Memel. (Es ist Dies also einfach eine Räubergeschichte, und man begreift nicht, es ist wahrhaft ein psychologisches Närhsel, wie selbst vom Standpunkte einer. Kirche, wie die römische ist, Leute sich bestimmen können, solchen Unfug und Frevel um ein armes Jurenmärcken gegen den Willen und zum Entsetzen des Vaters zu treiben, — und Dies zu einer Zeir, wo dieselbe Kirche so viel zu thun hat, mn die schweren Schläge abzuwehren, die auf sie fallen, und wahrlich die öffentliche Meinung nicht noch mehr herausfordern sollte! Redaktion.) Coburg, im August. Ein Act der Toleranz wird aus Coburg gemeldet. Die dort vor Kurzem gebildete israelitische Cnltusgemeiude hat von der Stadt die St. Rieolaikirche, welche