Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-09 · Heft 37 (9.9.1873) · p. Seite 602

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 37 (9.9.1873)
Date
1873-09-09
Page
Seite 602 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226944--31947-3254893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

602 unserer dortigen Glaubensgenossen zu imponiren vermochte. — Es ist ein Mißgeschick für einen Kritiker, wenn er von der einen Leite eine lebhafte Einbildungskraft besitzt, welche ihm sofort von einer vorgefaßten Meinung, oft nur von einem Einfall aus ein farbiges Bild entwirft, das er nun feschält, und durch einen geschickten sprachlichen Griffel in schöner Form hinzcichnet und auSschnüickt, während er von der anderen Leite die Neigung hat, zu rubriciren, in Fächer zu theilen und zu bringen, Antithesen aufzustellen, und nun zu glauben, die Begriffe festgestellt, das Wesen ergriffen, und den Beweis geführt zu haben. Diese beiden 'Neigungen, in der Natur der menschlichen Seele viel mehr und öfter mit einander verbunden, als man glauben möchte, verleiten den Kritiker jeden Augenblick, einen Irrweg einzufchlagen, und denselben als den Pfad der und zur Wahrheit zu verfolgen. Beide Neigungen sind Herrn Renan in hohem Maße eigen, und drücken seinen Werken den cigcnlhümlichen Stempel auf; sie verleihen ihnen einen großen Reiz, und machen anfänglich und bei oberflächlicheren Naturen einen überwindenden Eindruck, besonders bei den Franzosen, zu deren nationalem Eharakter jene beiden Eigenschaften gehören. Wir erinnern nur an RenanS Auffassung des Semiüsmus, an dessen Eharakterisirung der Raren, welche sich so zahlreiche Anhänger erwarb, bis sie jetzt erst allmälig in ihren, aus obigen Eigenschaften erfloffenen Schwächen erkannt wird. An tiefen Mängeln leiden besonders die Schriften Renans über den Ursprung des Christenthums, und auch die Stelle, welche wir hier anführen wollen. Sie findet sich p. 222 ff. „Der Brief an die Hebräer bezeichnet entschieden, in der Geschichte der religiösen Entwickelung des Menschengeschlechts, das Verschwinden des Opfers, das heißt Dessen, was bis dahin das Wesen der Religion ausgemacht hat. Für den primitiven Menschen ist Gott ein sehr mächtiges Wesen, welches man beschwichtigen oder bestechen muß. Das Opfer kam von der Furcht oder dem Interesse. Um Gott zu gewinnen, bot man ihm ein Geschenk dar, fähig, ihn zu rühren, ein schönes Stück Fleisch, ein gutes Fettstück, einen Becher Soma oder. Weines. Die Plagen, die Krankheiten wurden als die Schläge eines erzürnten Gottes angesehen, und man bildere sich ein, daß, wenn man für die bedrohten Personen eine andere Person unterschiebe, der Zorn des höchsten Wesens abgewendet werde; vielleicht selbst, sagte man, wird sich Gott mit einem Thiere begnügen, wenn das Bich gut, nützlich und urischultig ist. Man dachte sich Gott als den Patron des Menschen, und wie jetzt noch in gewissen Gegenden des Orients und Afrikas der Eingeborene die Gunst eines Fremden;u gewinnen glaubt, wenn er zu seinen Füßen ein Schaf tödtel, desien Blut über seine Stiefeln fließt, und' dessen Fleisch nachher zu seiner Nahrung dient, ebenso fetzte man voraus, daß daS übernatürliche Wesen von der Darbringung eines Gegenstandes gerührt werden müsse, besonders wenn der Urheber des Opfers sich durch diese Gabe einer Sache beraube. Bis zur großen Umwandlung des Prophetismus im achten Jahrhundert vor der chr. Zeitr., war die Idee der Opfer bei den Israeliten nicht viel erhabener, als bei den anderen Völkern. Eine neue Aera beginnt mit Jesaias, der im Namen Iehovahs ausruft: „Eure Opfer widern mich an; was liegt mir an Euren Lämmern und Böcken!" (Cap. 1). An dem Tage, wo Jesaias Ties schrieb (gegen 74 V), war Jesaias der wahre Gründer des ChristenthumS. Es wurde an diesem Tage entschieden, daß von den beiden übernatürlichen Functionen, die um die Ehrfurcht der alten Stämme stritten, dem erblichen Opferer und dem Zauberer (sorcier) mit freier Inspiration, welchen man für den Träger der göttlichen Geheimnisse hielt, der Letztere es fei, der über die Zukunft der Religion entscheide. Der Zauberer der semitischen Stamme, der Nabi wurre der „Prophet", ein geheiligter Tribun, ergeben dem Fortschritt de.r socialen Gerechtigkeit, und, während der Opferer (der Priester) fortfuhr, die Wirksamkeit der blutigen Opfer zn rühmen, aus denen er Vortheil zog, wagte der Prophet zu verkünden, daß der wahre Gott sich mehr um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit kümmere, als um alle Stiere der Welt. Vorgeschrieben jedoch durch alte Ritualien, von denen sich frei zn machen, schwer war, und aufrechterhalten durch das Interesse der Priester, blieben die Opfer ein Gesetz res alten Israel. Indeß selbst vor der Zerstörung des Tempels sank die Wichtigkeit dieser Riten. Tie Zerstreuung eer Inden führte dahin, Functionen, die nur in Jerusalem erfüllt werden konnten, als nebensächlich anzusehen. Philo hatte ausgesprochen, daß der Gottesdienst besonders in frommen Hymnen bestehe, die man mehr mit dem Herzen, als mit dem Munde singen müsse; er -wagte, zu sagen, daß solche Gebete, mehr Werth hätten, als die Opfer. Die Essäer bekannten dieselbe Meinung n. s. w." — Wir haben diese Stelle ausführlich mitgetheilt, um sie ganz nach dem Sinne Renans, und der Form, die er seinem Gedanken giebt, vorzuführen. Wir erkennen nun gern die Gerechtigkeit an, mit welcher Renan den Ursprung und die Entwickelung erhabenerer Anschauung bis in das Alterthum des Judemhums zurucksührt, und nicht, wie die. große Mehrzahl christlicher Theologen und Schriftsteller thut, die Umwanrelnng der Ideen rem Ehristenihume allein znfchreibt, und aus diesem wie einen Deus ex mm-Imm entspringen läßt. Tenutngeachtet müssen wir in der obigen Auseinandersetzung zwei schwerwiegende Irrthümer Renans bestreiten. Der erste ist, daß er den Nabi, den „Propheten" (mit Jesaias) auö dem „Zauberer der semitischen Stämme" hervorgehen läßt. Der Nabi der Israeliten war niemals ein „Zauberer", und der Begriff dcS Propheten als Verkünders der göttlichen Wahrheit war stets bei den Israeliten vorhanden. Nur um eine glänzende Antithese aufzustellen, und mit einer erstaunlichen Oberflächlichkeit konnte Renan zu einer solchen Behauptung kommen. An einer Stelle (1. Sam. 0, 0, wird uns mitgetheilt: „Ten Propheten heutzutage nannte man vormals Seher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.