Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1873)
- Date
- 1873-09-09
- Page
- Seite 601 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226906-3226944--31946-3254892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
601 sich diesen in jeder bürgerlichen und staatsbürgerlichen Beziehung zu amalgamiren, dem bürgerlichen Wesen wie dem Staate Kops , und Herz, Geist und Hand zu widmen, wie anders ist Dies geschehen, als dadurch, das; man die Ausnahmegesetze beseitigte, und besonders auch unbeschränkte Freizügigkeit ihnen gewährte? Warum nun sollte Dies in Rußland anders sein? Es liegt ja offenbar, das: das Elend in den westrussischen Provinzen, und Alles, worin-sie hinter der Eultur zurückgeblieben, nur darin seine Ursache fand und findet, daß sie in großen Massen innerhalb verhällnißmäßig sehr enger Landstriche festgehalten und aufeinaudergehäuft wurden, und mau selbst in diesen engen geographischen Grenzen ihnen, die Entfaltung ihrer Kräfte durch Ausnahmegesetze abfchnitt und verkümmerte. In der That schreibt sich rer geistige und bürgerliche Aufschwung der westeuropäischen Juden nur aus dem Grunde, daß diese in kleineren Massen durch die Länder zerstreut wohnten, und aus der Zeit her, wo mau ihnen nicht allein die Ghetli öffnete, sondern auch die provinziellen Barrieren für sie nieterwarf-. Uni nur ein, und zwar den russischen Juden nahegelegenes Beispiel anzuführen: wie schnell und ausgezeichnet haben sich die Zustände bei den Inden der Provinz Posen verändert, seitdem denselben die Freizügigkeit nach den übrigen Provinzen des preußischen Staates <1848) gewährt worden? Und nun das weite russische Reich, das ein so unermeßliches Gebiet umfaßt, und noch an so vielen Orten einer betriebsamen Bevölkerung, besonders auch einer hankelstreibenden, entbehrt? Kann hier die Verpflanzung und Zerslreuung der Juten durch das ganze Reich irgend eine nachtheiliche Wirkung haben? Und doch hat man sic hier, selbst von Sibirien, ausschließen gewollt. Man klagt immer wieder über die Zähigkeit, mit welcher die Inden in den ehemaligen polnischen Provinzen ihre mittelalterlichen Sitten festhaltcn, und der modernen Eultur den Eingang verschließen, — aber liegt die Ursache nicht darin, daß man sie selbst eiuschließt und dichte Massen znfammeuhält? Wir geben gerne zu, daß auch in der Freizügigkeit bereits einige Schritte geschehen sind. Aber Dies hilft der großen Masse wenig, so lauge sie nur für einige kleinere Schichten gegeben, und an sehr erschwerende Bedingungen gebunden ist. Hier hilft nur die freie Bewegung und die Gewißheit, darin nicht bald durch diesen, bald durch jenen Polizeimeister wieder entfernt und znrückgeschickt zu werden. Und hier stehen wir bei rer größten Schwierigkeit überhaupt. Es ist in diesem Blatte jüngst wiederholt die Klage laut geworden, daß zwar die kaiserliche Staatsregierung nach den Intentionen des erleuchteten Herrschers die wohlwollendste Tendenz habe, aber die unteren Beamten der verschiedenen Grade stets wieder die drückendsten Härten gegen die Juden ausüben. Wodurch ist ihnen Dies möglich? Rnr durch die Ausnahmegesetze, die denselben die leichte Handhabe bieten, sie oft in'S gerade Gegcntheil des Gesetzes überhaupt ausznlegen, und eine kleine Bedingung, die das Gesetz aufstellt, zum gesetzlichen Berwande der ärgsten Verfolgung zu lache». Sind diese Ausnahmen beseitigt, so wird es auchden unteren Beamten nicht ermöglicht, der Tendenz des Gesetzes uwider zu handeln, und die Absichten der StaatSregierung zu vereiteln. Wir können also auch heute nur den AnSrus wiederholen: „Hinweg mit Kromi« Kwrecw"! Wenn der Gebrauch aufhört, bei jedem wohlthätigen Gesetze hinzuzusügen: ausgenommen die Hebräer, bei denen es so und so gehalten werden soll, — - so werden die Uebelstände nach kurzer Zeit aushören, und dem Staate bald drittchalb Millionen nützlicher Bürger gewonnen sein! Run, wir haben einen ähnlichen Proeeß in vielen Staaten diesseits der Weichsel gesehen und durchgemacht. Auch hier konnten sich die Staatsmänner lange nicht entschließen, jetein Gesetze nicht eine Klausel gegen die Juden hinzuzusügen. Die Zeit strich bald langsamer, bald schneller jede dieser Klauseln weg, und jetzt fällt es Riemandem mehr ein, dergleichen nur vorzu schlagen. Auch nicht eine einzige begründete -Klage hat sich deshalb erhoben. So hoffen wir, daß. es auch in- Rußland^ geschehen werde, und den Grund dieser Hoffnung finden wir im Augenblicke schon darin, daß, wie man uuS mi.ttheilt, in dem neuen Wehrgesetze selbst daS Avancement der jüdischen Soldaten nicht mehr behindert sein soll. Gort segne den Kaiser, unter dessen Regierung so Großes schon geschehen, so viel Gerechtigkeit und Hmnanität bereits vellsührt ist und beabsichtigt wird! Dies rufen wir mit ganzem Herzen aus! Zwei Irrlhiimcr. Abermals drängt sich unS die Gelegenheit auf, wahrzunehmen und zu zeigen, wie leichthin gegenwärtig viele Derer verfahren, welche die Welt glauben machen wellen, daß sie wissenschaftliche Kritik.üben, während sie nur ungewöhnliche Meinungen zu Tage fördern, die der Unkundigen Augen blenden, und den Verfassern allgemeinen Ruhm bringen sollen. Es ist in diesen Blättern bereits res neuesten Werkes des Herrn Ernst Renan (Paris, Michel Lövh, l 873). welches das vierte Buch seiner „Geschichte res Ursprungs des Ehristenthums" bilden soll. Erwähnung geschehen. Die Bedeutung. welche den Schriften Renans in Deutschland beigelegt wird, hat mit jedem Theile dieses, auf fünf Abtheilungen berechneten Werkes abgenommen, und selbst daS größere Publikum hat an den folgenden Theilen durchaus nicht mehr den Geschmack! gesunden, wie an dem ersten Theile „das Leben Jesu." Ties ' darf uns jedoch nicht abhalten, auf einige seiner glänzenden ' Jrrthümer einzugehen, schon um des Ansehens willen, welches : Renan in den romanischen Ländern besitzt, und das manchenl 37*