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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-09 · Heft 37 (9.9.1873) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 37 (9.9.1873)
Date
1873-09-09
Page
Seite 600 (sequence 2)
Language
German
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600 dieser Impuls nicht wieder rückgängig gemacht werden konnte, sondern immer weiter und weiter wirken, immer neue Kräfte und Ausdehnung gewinnen mußte, so gewiß muß auch das Ziel erreicht werden. Wir haben in nuferer, nun fast vierzigjährigen publieistischen Vaufbahn «seit 1S3I) den Gang der Tinge überhaupt. unk besonders betreffs unserer Glaubensgenoffenschaft sorgfältig zu beobachten gehabt, und wir sahen Ziele erreichen, die vor wenigen Jahrzehnten noch unerreichbar schienen; wir sahen Veranlassungen und Motive dazu eintreten, die in ihrer Acußerlichkeit nicht geahnt werden konnten, und die in ihrettl tieferen Grunde roch nur nothwendige Erzeugnisse des Borhergegangenen nach rcnt Gesetze der Entwickelung waren. So in unserem deutschen Baterlanre, in Italien, England und Nordamerika. Ein Blick auf das Damals und ans das Jetzt lehrt Dies hinlänglich. Und ist Dies nicht ebenfalls in Rußland der Fall? Wer vermöchte Dies zu verkennen oder gar zu leugnen, wenn er die großen Reformen in's Auge faßt, die seit der Thronbesteigung Alexanders II. daselbst vor sich gegangen, und die ebenso uothweittig waren, wie sie zu immer Weiterem drängen oder doch führen? Und Dies um so mehr, als sie für reu tiefer Blickenden in den vorangegangeuen Regierungen nur scheinbar einen Gegensatz, in Wahrheit aber ihre Vorbereitungen hatten. Denn oft ist ein scheinbarer Gegensatz Mchts, als eine um so dräitgendere Borbereitnng. Schon in den dreißiger Jahren hatte die kaiserliche Sraaisregierung das Bewußtsein, daß die Verhältnisse der russischen Juden geändert werden müßten, und aucki an dem Willen fehlte cs nicht. Ern erleuchteter Minister der Belksaufklärung, Uwaroff, hegte die Idee, durch ein großartiges Unterrichts- und Schulwesen die Juden Rußland in einen mächtige» Umschwung, zu einer tüchtigen Volksbildung zu bringen, und sic so von innen heraus zur bürgerlichen Gleichstellung befähigt zu machen. Er hegte die Absicht, hierzu eine große Anzahl jüdischer Lehrer, besonders aus Deutschland nach Rußland zu ziehen, und durch sie ihre Glaubensgertoffen culrurmäßig zu Heben. Er traf mit Hülfe einiger Eapaciläten in Deutschland Vorbereitungen, um diese Maßregeln ansznsnhren. Es ist hier nicht rer Ort, auseinander zu setzen, woran diese Absicht scheiterte. Der Schwierigkeiten waren zu viele, und der Erfolg zweifelhaft. An Lehrern, die hingehen wollten, fehlte es nicht. T-ennoch ging ein gewisses System für das jüdische Schulwesen daraus hervor: Kronschnlen und sogenannte Rabbinerschulett, die jedoch Nichts, als gewöhnliche höhere Lehranstalten waren, wurden gegründet. Dabei hatte sich aber aits Gründen, die wir hier nicht verfolgen wollen, eine entgegengesetzte Strömung in der kaiserlichen Staatsregierung Raum gemacht. Man wollte, um es einfach auszudrücken, gewissermaßen durch den Schrecken, durch die äußerste Schärfe der Behandlung, die Inden zn eitler völligen Umänderung zwingen. Tie Inden glichen einer bis dahin nur blokirten Festung, die nunmehr auf's Engste eiugeschleffea und belagert werden sollten. Den bereits bestehenden drückenden Ausnahmegesetzen wurden neue, der einschneidendsten Art, hinzugesügt. Wir wollen hier nicht in's Einzelne gehen; wir erinnern nur an die Entfernung der Inden von allen Grenzstrichen rer wenigen Provinzen, in denen sie furchtbar zusammengedräugt wohnen dursten, und auch da nur in den Städten, und an die Behandlung in Sachen des Militärwesens. Hätte man gehofft, die Juden hierdurch mit der Zeit auszurotten, so hätte man sich, so viele Individuen man dadurch auch von ihrer Religion abdrängle, dennoch getäuscht. Aber man versetzte dadurch die jüdische Masse in den Zustand einer Aruutth, eines unbeschreiblichen Elends, das noch heute in großem Maße stattsinret, und von dün sich das Acußerste erst vor einigen Jahren auch nach außen offenbarte. Stimmen, drängende Stimmen, die sich dagegen erhoben, wurden damals nicht gehört, wo cs anging, auch im Altslanke verfolgt. Auch wir haben Ties erfahren. Mit der Thronbesteigung Alexanders ll. änderte sich Ties gänzlich. Ein Fürst voll Gerechtigkeitsgefühls und Einsicht, — die THatsachen haben Dies erwiesen, — ergriff das Zepter. Es galt damals, vor diesem Herrscher die Vage der Dinge klarzulegen. Die Gelegenheit wurde nicht versäumt. Wir dürfen, ohne unbescheiden zu sein, an das Memoire erinnern, welches hernach in allen großen europäischen Blättern, in der Jndöpendauce, den Times, der Augsburger Allgemeinen, der Nationalzeitung, Kölnischen Zeitung :c. veröffentlicht ward, und das die Mißstande und die drückendsten Ausnahmegesetze mit ihren mdu blos der jüdischen Masse, sondern auch dem Staatswohle feindlichen Wirkungen einfach und thalsächlich darstellte. Der Kaiser stellte die drückendsten Ausnahmegesetze ab, erleichterte dadurch seine jüdischen Unterthanen von dein schwersten Joche, das auf ihrem niedergedrückten Nacken lag, und wir erkennen es freudig und dankbar an, der Fortschritt blieb seitdem nicht ganz zurück, und-die Verhältnisse besserten utrd bessern sich sichtlich, wenn auch an die Wurzel des Hebels die Axt noch nicht gelegt ward. Welches ist diese Wurzel des. Nebels? Ätif diese Frage haben wir nur dieselbe Antwort, welche wir karairs schon im Anfang der vierziger Jahre immer und immer wieder gaben. Sie lautet: Aufhebung der Ausnahmegesetze, und insbesondere unbeschränkte Freizügigkeit! „Hinweg mit Krönne Kwreew „ausgenommen die Hebräer" aus den russischen Gesetzbüchern!" riefen wir auch 1801 ts. Nr. 22 > aus, und wenn wir die Fortschritte, welche gemacht worden sind, betrachte» und gewiß sind, daß das Uuterrichtswesen in immer erfreulicherer Weise sich entwickeln und wirken werde, können wir jene Forderung als die wesentlichste, als den unbedingt nvlhwendigen Hebel wirklich eingreifender Verbesserung stets nur wiederholen. Wenn die Juden in den Ländern dielseitö rer Weichsel, von der Südspitze Italiens bis zum Nordcap, einen so glücklich veränderten Zustand zeigen; wenn sie erwiesen haben, daß sie durchaus fähig waren, den Bildungsgrad der Nationen zu erreichen,

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