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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-02 · Heft 36 (2.9.1873) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 36 (2.9.1873)
Date
1873-09-02
Page
Seite 592 (sequence 12)
Language
German
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592 Stuhle auf und redete die Ettern Julietten's an. Ich gab ihnen Ausschluß über meine Person und schilderte ihnen meine Verhältnisse der Wahrheit gemäß. Ich sei der einzige Sohn wohlhabender Eltern in dem Städtchen R. in der Pfalz; unser Waarengeschäft habe eine sichere Kundschaft; wir besitzen ein schönes HauS, Feld und Wiese, einen guten Weinberg, ja ein prächtiges Stück Forst, Alles völlig schuldenfrei, und dabei noch manchen schönen Gulden im Kasten. Meine Eltern wollten mir Alles übergeben, sich nur ein festes Fahrgeld vcrbehaltend. Mein Her; hinge an Julielten seit jener Schreckenönacht, wo sie sich so mutyig bewiesen, und mir und meinen Leuten die Rettung möglich gemacht. Ich hätte sie auf meinem Arm aus dem brennenden Hause getragen, und wolle sie zeitlebens im Herzen und ans Händen tragen. Da der Krieg ihnen so großen Schaden gebracht, würde ich aus jede Mitgift verzichten, vielmehr bereit sein, als ihr Sohn ihnen mit.Rath und That pflichtmäßig zur Seite zu stehen. Ich bat sie, mir mein Glück nicht vorzuenthalten, zugleich überreichte ich ihnen ärmliche Beweise, daß Alles so wahr sei, wie ich es ausgesprochen. Als ich geendet, und Eltern und Bruder wie verlegen schwiegen, sprang der kleine Cousin wüthend auf. Er schlug nüt geballten Fäusten auf den Tisch, und ließ einen Strom von Worten aus die Eltern und Juliettcn los. Es würde, meinte er, unverantwortlich sein und eine Schmach aus die ganze Familie breiten, wenn sie nicht sofort mein unverschämtes Verlangen zurückwiesen, und mich nicht geraden Weges auS rem Haufe würfen. In dieser Zeit einen Deutschen zum Schwiegersohn zu nehmen, und seine einzige Tochter nach 'dem räuberischen barbarischen Deutschland zu senden, wäre Etwas, was ein Franzose gar nicht zu fassen vermöchte, und schon der Antrag wäre eine löttliche Beleidigung. Sie sollten sich doch erinnern, daß ich es gewesen, der ihr Haus niedergebrannt und ihnen den Verlust des besten Theiles ihrer Habe verursacht, — ich hätte den Befehl dazu gegeben, und auf mich siele das Blut, das in jener Rächt so reichlich geflossen. So sprach er lange, und jedes seiner Worte war Schimpf und Fluch. Man ließ ihn ruhig zu Ende kommen, bis ihm von der eigenen Heftigkeit der Athem ausgegangen. Mir floß es eiskalt über den Rücken in der Erwartung, welchen Eindruck diese Slurmreee auf Diejenigen machen werde, von welchen ich die Entscheidung zu erwarten hatte. Sonst blieb ich ruhig und hielt an mich, selbst als ich Julietten erbleichen und zittern sah. Ich fühlte trotz meiner Bewegung, daß das Männchen über das Ziel hinansgelausen, und die Unwahrheiten, die er gegen mich anhäufte, den Eindruck seiner sonstigen Gründe, die nicht ganz wegzulengnen waren, abschwächen mußten. Dies zeigte sich denn auch, als er geendet, und nach einigem Stillschweigen der Bater zu reden begann. „Du hast ganz Unrecht, Henry," sagte er, „diesen jungen Manu so zu beschimpfen, und ihm so Schreckliches nachzusagen. Daß er mit seinen Leuten nach unserem Dorfe kam, hing nicht von ihm ab; es war der Befehl seiner Vorgesetzten, und er that in Allem nur seine Pflicht. Dagegen hat er keine Anstrengung gespart, die Uebel so viel wie möglich zu verhindern, und seine Leute von Brand und Mord zurückzuhalten. Was uns betrisst, so sind wir ihm dreimal unser Leben schuldig, und das eine Mal mit Gefahr seines eigenen Lebens. Hätte er Juliette nicht aus dem Hause getragen, sie und wir wären von den brennenden Balken*des Hauses im nächsten Augenblicke getötlet worden. Auch sehe ich die Dinge anders an; wie Tu. Die Franzosen und die Deutschen haben Krieg geführt; da waren wir Feinde, und auch ich hätte mein Vaterland mit meinem Herzblutc gerettet. Jetzt ist wieder Friede, und wir sindkeine Feinde mehr; was später noch geschehen wird, das liegt in Gottes Hand. Jetzt kann ich wieder Jude sein, und Ter mir da gegenübersteht, ist auch Jude, ein wackerer Jute, rer selbst unter den Schrecken des Krieges nicht ganz vergaß, daß er auch Jude sei. Sein Antrag kann mich nicht beleidigen, denn Der meint es ehrlich, und geht den Weg des Gerechten. Was nun die Sache selbst betrisst, sehet; was ich Euch zu sagen habe." Der Greis slauv aus. ging nach einem kleinen Bücherbrette in einer Ecke res Zimmers, und nahm einen starken Qnartband herunter. Er legte ihn aus den Tisch und schlug eine Stelle darin auf. Dann hob er wieder an: „In der Sekra, die am vorigen Schabbes Ehaje Soro gelesen worden, wird erzählt, wie Eliesar bei Bethuel und Laban um die Hand Rivkahs für Isaak, den Sohn seines Herrn, warb. Und da antworteten sie.- vom Ewigen ist die Sache ausgegangen, wir können nicht reden zu Dir Gutes oder Böses. Und sie riefen Rivkah, und sprachen zu ihr: Willst Du gehen mit diesem Manne? Und sie sprach: ich will gehen. Wohlan, auch hier ist die Sache vom Ewigen ausgegangen, der riesen jungen Mann in jener furchtbaren 'Rächt zu uns gesandt, um uns zu retten. Ich und meine gute Frau können dazu weder Gutes noch Böses reden, sondern wir fragen unsere Tochter, die vor uns steht: Willst Tu gehen mit diesem Manne?" Bei diesen Worten blickte rer Vater scharf und durchdringend Julietten an. Diese aber eilte zu ihrem Vater, siel ihm weinend um den Hals, und sprach leise: „Vater, ich will gehen" . . . So ist denn Juliette seit einem halben Jahre mein Weib. Wie im Sturme hat sie das ganze Herz meiner Eltern gewonnen, sie ist die Seele des Geschäftes geworden, wie Sic ja selbst erfahren haben. Ties ist meine Geschichte. Ich fühlte mich wirklich im Herzen tief ergriffen, schenkte unsere Gläser bis zum Räude voll, und stieß mit dem jungen Manne aus die Schreckensnacht in Lothringen und ihre glücklichen Folgen für inunerdar an. Jetzt war es aber Zeit, das schöne Plätzchen zu verlassen; denn schon mußte der Wagen meiner harren, um mich zu meinen Freunden zu bringen.

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