Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1873)
- Date
- 1873-09-02
- Page
- Seite 591 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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591 tafe die meisten zu ihrem Heerd zurückgekehrt feien. Unterdeß hatte mau die Etappenstraße stärker besetzt, und auch die Belagerung von Metz neigte sich ihrem Ende zu. Unser Detachement wurde nach dem Standquartiere zurückbeordert. Auf dem Rückmarsch, als wir in die Rähc jenes Fleckens kamen, erbat ich mir einen Urlaub auf einen Tag, und ging nach S. Ich hatte bald das Haus des Bruders jenes Mädchens, das mir nicht aus dem Sinne kam, gefunden, und trat ohne Weiteres ein. Ich fand auch glücklich, was ich gesucht: die ganze Familie war zusammen. Ich will nun nicht sagen, daß mein unerwarteter Eintritt eine gar freudige Aufregung hervorbrachte; erinnerte ich doch just nicht an einen angenehmen Vorfall, und meine Uniform war auch nicht angelhan, zu Freundschaft und Wohlwollen anzufeuern. Ich sah wohl, daß die Eltern und der Bruder mich lieber nicht gesehen Härten. Dafür wurde ich durch die.unverhohlene Freude entschädigt, welche aus dem Antlitz und den Augen Jnlietlen's blitzte, als sie mich erkannte. Sie eilte mir so herzlich entgegen, drückte mir die Hand, sprach mit so beredten Worten Alles aus, was ich für sie gelhan, und wofür sie mir einen ewigen Tank schuldeten, daß die Anderen nicht umhin konnten, sich ihr zuzugesellen, und, wenn auch frostiger, ihrer Dankbarkeit Worte zu leihen. Ich blieb zum Mittagsessen. Es war eine einfache, biedere Familie von der strengsten religiösen Sitte und Gesinnung, der sie unter den besonderen Umständen, die sich eingestellt, auch ihre Rettung zuverdanken glaubten. Ties gab zu mannigfachen Erörterungen Anlaß, welche wieder dazu beitrugen, in mir den nationalen Feind zu vergessen, und an den Glaubensgenossen allein zu denken. Rach Tische folgte ich dein Mädchen in-den Garten, wo uns ein brettcrnes Gartenhänschen vor den Unbilden rer Jahreszeit schützte. Wir verständigten uns hier bald. Ich erzählte ihr von meiner Hcimalh, meiner Familie und meinen Verhältnissen, und ehe wir in das Haus zurückkehrlen, war ein Ring, ein Geschenk meiner Mutter, von meinem Finger auf reu ihrigen geschlüpft. Sie zog die Hand dabei nicht zurück, und gab mir den Ring nicht wieder. Dennoch mußte die Sache Geheimniß bleiben, bis der Frieden zwischen den beiden Völkern zurückgekehrt sei. Run, ich hatte noch Schweres zu ertragen. In reu Kämpfen an der Loire wurde ich schwer verwundet, und ein Wunder war es, daß ich unter den schrecklichen Umständen, unter welchen ich genesen mußte, mit dem Leben. ja, mit heiler Haut davonkam. Allerdings durste ich, um mtd> auszuheilen, einige Wochen früher nach Hause zurückkehrcn. Endlich kam der Friede, und ich wurde aus dem Militär entlassen. Es versteht sich, daß ich noch einige Monate verfließen ließ, bis sich die Verhältnisse geordnet, und die Geister in etwas beruhigt hatten, bevor ich an die Reise nach Lothringen dachte. Als ich sie antrat, verwandelte ich ein wenig meine Außenseite; ich wollte Denen leine Ungelegenheiten schassen, von denen ich so Großes zu erbitten hatte. Mein Vollbarl siel zum Opfer, nur einen kleinen Streifen des SchnauzbarteS ließ ich übrig; mein Haupthaar konnte wieder in jener Fülle wachsen, welche die Militärscheere so grausam verfolgt. Die seine Civilkleidung verwischte vollends die Kennzeichen des ehemaligen deutschen Unterofsi.iers oder vielmehr Feldwebels, denn mit dieser Würde war ich entlassen worden. Ich kam nach S. ")hix Inliette hatte ich brieflich von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzt, und es ihr überlassen, ob sie ihre Eltern von dem eigentlichen Zwecke meiner Reise vorher in Kenntniß setzen wolle. Ich beabsichtigte, mich zuvörderst als auf einer Geschäftsreise begriffen auszngeben, um Landesprodncte einznkanfen, soweit der Krieg solche übrig gelassen, und, so eingeführl, meine Bewerbung im rechten Augenblicke anznbringen. Ich glaube nicht, daß mein Her; stärker pochte, als ich die Franktireurs auf jenen Hügel losstürmen sah, den ich mit meinen wenigen Leuten, gegen die Uebermacht des blutdürstigen Feindes behaupten mußte, als, da ich in das kleine Hans eintrat, in welchem sich mein Schicksal entscheiden sollte. Aber eine nicht geringere Befangenheit schien aus den Bewohnern desselben zu lasten. Meine Inliette erschien bleich und ängstlich, bis im nächsten Augenblicke eine Rothe ihr Gesicht überzog. Durste sie mich doch nur wie einen Fremden begrüßen, .und genau genommen, war ich ihr fast noch fremd. Ich betonte den Eltern und rem Bruder gegenüber die Dringlichkeit meiner Geschäftsreise, ans der ich dennoch nicht an ihnen vorübergehen gewollt, und für welche sie mir vielleicht einige vortheilhaste Winke geben könnten. Sie nahmen Dies mit einigen zögernden Worten aus, während ein Eonsin, der sich auch da befand, mit einem Schwall von Worten mir davon abrieth, weil die Bewohner gegen jeden Deutschen einen unversöhnlichen Haß hegten, und RichtS mit einem solchen zu schaffen haben wollten, wenn sie auch durch die deutschen OccupationStruppen verhindert wären, ihre Feindschaft gewaltsam zu bethätigen. Dieser Cousin war mir sehr zuwider. Er war ein junger Mensch, aber klein, mager, und sein gelbes Gesicht in pechschwarze» Bart- und Haarwuchs wie versenkt, dabei beweglich wie ein Aal, und geschwätzig wie eine Elster. Attch machte er sich beständig um Inliette zu schassen, als ob er sich nur deren Gunst bewerbe. Ich erwiderte ihm, daß ich mich gar nickt als Deutscher geriren wolle; mein schlechtes Französisch, ras einen elsässischen Mund verriethe, ließe mich als einen Selchen erscheinen, rer riese Provinz ans französischem Patriotismus verlassen habe. Ich wäre durchaus nicht gewillt, mich für diesen auozugeben; Das vermöchte ich nicht, über meine Lippen zu bringen. Wäre aber Jemand geneigt, so etwas vorauszusetzen, und alle Franzosen sind dazu geneigt, weil sie sich gar nicht denken können, daß ein j Mensch etwas Anderes lieben und vergöttern könne, als Frant-! reich, — Frankreich aber sind sie selbst in ihrer werthen Person,! — so wurde ich cs nicht bestreiten und ihn ruhig dabei lassen.! Rach kurzer Zeit gewahrte ich denn doch, daß die Dinge so nicht haltbar waren, und, mich ermannend, stand ich vorn 30*