Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1873)
- Date
- 1873-09-02
- Page
- Seite 584 (sequence 4)
- Language
- German
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584 so weil sie jetzt verwirklicht ist. Die faciischen politischen Verhältnisse, die Unverträglichkeit der preußischen und rer österreichischen Ansprüche im deutschen Bundestage, der daraus entsprungene Wassenkampf, und schließlich die alle Deutschen bedrohende Gefahr Seitens Frankreichs, und der glänzende Wafsensteg über dieses, brachten die deutsche Nationaleinheit mit zwingender Gewalt zu Stande. Ohne diese Momente, von innen heraus, hätte sic sich niemals verwirklicht. Die englischen Reformen und riesigen Unternehmungen bieten eben ein ganz anderes Bild. Was wir bis hierher gesagt, soll daS hohe Interesse andenten, welches wir, gewiß mit zahlreichen Gesinnungsgenossen, für jene englische Motion hegen. Tie Idee eines, durch internationales Schiedsgericht herbeigeführten Völkerfriedens ist alt, ist der erhabene Gedanke, der die Propheten Israels beseelte, mid von ihnen den ersten Ausdruck echielt. Ist sie somit eine echt israelitische, dem Indenthume einwehnende, und in Gestalt der MefsiaShossnnng, fasse man riese als auf eine Persönlichkeit oder auf eine Entwickelung des Menschengeschlechtes gerichtete ans, zu jeder Zeit in ihm lebendige: so kommt hinzu, daß ihre Verwirklichung auch ein ganz besonderes Interesse des Indenlhnms ist. Des Letzteren Bekenner, Söhne eines Stammes, jetzt aber Glieder der verschiedenen Völker, haben vorkommenren Falles die Pflicht, für il)r Barerland als Kampfer einzulreten, und sich so gegenseitig mit den Waffen zu bestreiten. Durch den Bölkersrieden werden sie Testen enthoben, ihre Glaubens- und Stammesbrüder in blutiger Wastensehte zu bekämpfen. Diese Idee des allgemeinen Völkerfriedens taucht nicht jetzt erst wieder aus dein Dunkel auf, das lange Zeiten über sie gebreitet hatten. Mit der steigenden Entwickelung der Humanitätsiteen mußte und muß sie irnmer wieder zum Borschein und zum Ansdruck kommen. Mit dem wachsenden Selbsibewußtsein der Völker, mit dem Emporblühen der Freihcitsgedanken in den Völkern, konnte und kann jener Friedensgedanke nur an Stärke und Dringlichkeit gewinnen. Als in den vierziger Jahren der Drang nach Befreiung vom Absolutismus und von der Bnreaukratie alle europäischen Völker ergriffen harre, gewann die Idee des Völkerfriedens eine solche allgemeine Henstchaft, daß man schon von der Unmöglichkeit des Krieges zwischen sreigewordenen Völkern träumte. Genau genommen, war Dieses auch kein Traum, — der Traum war nur, raß die Völker schon frei geworren. Sie waren cs eben nicht, und zwischen den absoluten Herrschern Frankreichs, Rußlands und Oesterreichs begann das Kriegsspiel von Renem. Ter wieder losgelastene Dämon fand bald wieder andere Objecte, die Erve mir Blickfeldern zu bedecken. Darum ist es selbstverständlich, daß rer in sich vernunftgemäße und sittliche Gedanke immer wieder an's Licht tritt. Von der faclischen Seite ist seine Verwirklichung nicht ohne Anknüpfungspunkte uns Präjuvize; Eougreste, Eonserenzen, internationale Schiedsgerichte haben innerhalb dieses Jahrhunderts und auch in der letzten Zeit schon mehrfach stattgefnnden. Mögen ihre Resultate auch immerhin von keiner Dauer geblieben, oder, der Bedeutung ihrer Gegenstände nach, von geringerer Wichtigkeit gewesen sein: sie fanden doch statt, sie haben sich innerhalb der Gewohnheiten der Diplomatie eine Stelle erworben, und sie sind schon immer der erste Gedanke, wenn sich eine Schwierigkeit zwischen den Mächten erhebt. Somit sind wir auch hierin auf die allmälige Entwickelung angewiesen, und haben immerhin bereits einigen festen Boten unter den Füßen, wenn wir, die Verwirklichung des Vötkersriedens als nachdrücklich zu erstreben, als ein sicheres Ziel des Menschengeschlechtes ansehen. Viag daher jene englische Motion zur Zeit kaum sichtbare Folgen haben: wir begrüßen sie als eine neue Manifestation des alten, erhabenen Gedankens, als eine Erweckung des reinen Menschenbewußtseins, und müssen dafür der Majorität des englischen Unterhauses Dank anssprechen. Sollte, wie berichtet worden, sich ein Eoinitö bilden, das alle Friedensfreunde Enropa's nach dieser Tendenz hin zu vereinigen suchen möchte, so wird es eine Pflicht aller Gleichgesinnten sein, sobald jenes sich auf gesunden Unterlagen eonstitnirt, sich ihm anzuschließen. Voraussichtlich wird dieses Streben, noch in weiter Zukunft, keinen a l l g em e i ne n Erfolg erringen. Aber es würde schon genug sein, wenn dadurch die Idee im Herzen der eivilisirten Völker immer mehr Wurzel schlüge, und bald dieser, bald jener blutige Zusammenstoß vermieten würde. Aus Rußland. Die „Köln. Zeit." enthält folgende Eorrespondenz: Petersburg, l:>. August. Ein seit sechs Jahren hier lebender Deutscher, Jure, aus Ostpreußen gebürtig, rem .Kaufmannsstande angehörig, dem bis vor Kurzem seiner Religion halber keine Schwierigkeiten bereitet wurden, verlangte vor einigen Wochen einen neuen Aufenthaltspast, und ans demselben auch seine vor Jahresfrist geheiralhete Frau verzeichnet zu haben. Von dem Paßbureau erhielt er eine zusagende Antwort und die Aufforderung, sich in einigen Tagen Behufs Abholung des Passes wieder einznsinden. Rach Ablauf dieser Zeit wurde ihm der Bescheid, rer Paß sei auf der Polizei. Tort erösfnete man ihm, daß, da er als Jude nicht das Recht habe, in Rußland zu wohnen, er das Reich binnen 24 Stunden zu verlassen habe. Umsonst berief er sich ans seine deutsche Rationalität, und daß er mit einem deutschen Paste hier wohne. Durch den Stadthaupt mann ward ihm schließlich nur gestattet, einige Zeit noch hierzu verweilen, um durch Vermittelung des deutschen Botschafters sich ras Recht des diesigen Aufenthaltes bei dem Herrn Minister res Innern zu erbitten. Ter deutsche Botschafter, Prinz Reuß, der sich der Sache, wie er selbst bemerkte, höchst ungern annahm,