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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-09-02 · Heft 36 (2.9.1873) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 36 (2.9.1873)
Date
1873-09-02
Page
Seite 583 (sequence 3)
Language
German
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583 Organisation her O rtsgeme i n d en zu ihrem Ziele haben, und, riefe als rie Basis res ganzen kirchlichen Wesens ansehen und erhalten wellen. Was aber erstreben unsere Gegner? Die Gemeinde in die fusl zu setzen, ihr jede Fähigkeit zum Bestände zu nehmen, sie zu spalten und zu zersplittern. Wie anders kann man fiel, renn einen Zustand verstellen, wo jeder Einzelne zu jeier Zeit aus der Gemeinde scheiden und ihr seinen Aniheil für ihre Epstelizmitlel versagen, we ein Bruchtheil derselben sich zu aller Zeit von ihr toslosen und als eigene Gemeinde sich eeusliruiren, we dann Streit .und Hader, Nebenbuhlerei und Bekämpfung, sowie eine Menge von Rechtsstreiligkeiteu nicht ausbleiben kann? Zu rer Thal, ven einem selchen Bilde wendet sich jeder wahrhast religiöse und sittliche Meirsck mit Ekel ab, — und teer sonst keinen Autheil an den Gemeindeangelegenbeiten nähme, müßte sich scheu ven dem Gedanken an die Möglichkeit solcher Zustände aus's Tiefste abgestoßcn fühlen.' Zu der Thal würde der Anblick solcher Vorgänge auf die auswachsende. Generation empörend wirken, und jene Mißachtung des Zndenlhnms zurücksühren, welche in den ersten Zahrzehnteu dieses Jahrhunderts so sehr überhand genommen hatte. Der VölKerfrieLe. Bor Kurzem brachte ein Mitglied des englischen Unterhauses eine Motion ein, welche die Königin ausserderte, durch ihre Regierlmg dahin zu streben, daß die Rationen sich vereinigten, ihre Streitigkeiten durch ein in bestimmter Weise eonstituirtes Schiedsgericht aus friedlichem Wege entscheiden zu lassen. Sb schon das Ministerium sich dieser Motion als einem nicht zu verwirklichenden Ideal wie ersetzte, erlangte sie die Mehrheit des Hauses. Das Ministerium machte keine Cabiuetssrage daraus; die Motion ging an die Königin, und diese ließ dem Unterhause erklären. daß sie ihre Regierung beauftragt habe, im Sinne der Motion zu wirken, und aus diplomatischem Wege diesen Gedanken bei den anderen Mächten anzuregen. Allerdings liegen die politischen Berhälinisse in der Gegenwart nicht sehr günstig für die Verwirklichung dieser Motion. Kur; nach einem so furchtbaren Kriege, wie der französisch-deutsche ven 1S70 nnd 1S71, in rem Augenblicke, wo die deutsche Ocenpalionsarmee aus Frankreich znrückkehrte, wo in den Herzen der Franzosen das Verlangen nach Revanche nnd nach Wiedererlangung der verlorenen Provinzen noch glüht, wo zugleich von den Uliramontanen aller Länder der Plan, das Königreich Italien wieder zu zertrümmern und den Kirchenstaat in seinem ganzen Umsange wieder herzustellen, leidenschaftlich betrieben wird, wo ferner der ganze Orient in einer bedrohlichen Krise sich befindet: zu einer solchen Zeit, wo alle Rationen mit dem Auswande ihrer höchsten Kräfte sich! militärisch rüsten, und die Blnthe ihrer Jugend unter den Waffen halten, hat die Idee eines internationalen Schiedsgerichtes zur Ausgleichung aller Streitigkeiten zwischen den Staaten und Völkern wenig Aussicht, ihrer Verwirklichung nahe zu sein. Fügt man hinzu, daß in rem einen Staate die Parteien sich feindseliger als je gegenüber stehen, in dem anderen mit Waffen gegen einander wüihen, in dem dritten die Rationalitäten, aus denen er zusammengesetzt ist, jeden Augenblick zu einem wilden Ausbruche geneigt sind, der Kampf also mehr oder weniger unter der Oberfläche liegt, und hierbei auch andere Staaten leicht in Mitleidenschaft gezogen werden kennen: so rückt sich uns jene Idee in noch weitere Ferne hinaus. Richts ist aber leichter, als dein Hervonreteu einer solchen Idee ein spöttisches fächeln, ein kaltes Bedenken und Znrückweisen entgegenzusetzeu. Die englischen Männer, welche jene Motion stellten und unterstützten, kannten die obwaltenden politischen Berbältnisse so gut, wie jeder Ankere, und wußten deren Schwere wohl z„ würdigen. Aber rer Arzt, der eine Operation oder ein Heilverfahren als nochwendig erkennt, wird sich nicht abhalten lassen, sie vorznschlagen, wenn er auch weiß, daß der Patient und dessen Umgebungen sich in diesem Augenblicke nicht entschließen werden, jene vornehmen zck lassen. Es ist seine Pflicht, sie vorzuschlagen, weil er nichts Besseres weiß, die furchtbare Krise beschworen zu können, und weil die Zeit kommen kennte, wo man sich doch dazu geneigt fühlen möchte. Dient doch sein Vorschlag jedenfalls, diese Zeit vorzubereiten, und es ist daher ein Verdienst, den Gedanken, wach zu erhallen. Die englischen Männer wissen am Besten, daß es zur Verwirklichung eines' großen Gedankens der Zeit bedarf, aber eben darum der höchsten Ausdauer und Zähigkeit, der immer erneneten Anstrengung. Gerade rie Geschichte ihres fanres bringt zahllose Beweise, wie von kleinem Ansange her sich oft durch unablässige Bemühung eine mächtige, schließlich unwiderstehliche und siegreiche Strömung erwirken läßt. Sie lassen sich daher durch Belachen und Verhöhnen nicht abschrecken; auch wenn sie ihr Streben immer wieder scheitern sehen, geben sie es darum nicht ans, werfen sich weder gewaltthätiger Opposition. noch Verzweiflung in die Arme, sondern fangen immer wieder von Reuem an, oder benutzen den gewonnenen kleinen Schritt zu weiteren, größeren. Ans diesem Gesichtspunkte muß jene Motion ansgefaßt nnd von allen aufrichtigen Friedenösrcnnten begrüßt werten. Zn ankeren Völkern,;. B. in Deutschland, pflegt man anders vorzngehen. Man saßt eine Idee mit großem Feuer aus; sie wird wie im Rn zu einer allgemeinen Ansicht, zur össentlichen Meinung. Aber sie stoßt aus entschiedeuen 'Widerstand bei den Machthabern; eine ungünstige Katastrophe tritt ein, — man läßt die Idee fallen, und die bisherigen Träger derselben belächeln sie selbst als phantastisch. Man wende uns nicht ein, daß die Geschichte der deutschen Ratienaleinhcit; das Gegentheil erweise. Man kann nicht sagen, das; eS die! Zähigkeit der deutschen Männer gewesen, welche jene verwirklichte, 3 «7*

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