Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1873)
- Date
- 1873-09-02
- Page
- Seite 582 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mnstoßen, zum Wanken und Schwanken bringen, in ihrem Dasein und ihrer Wirksamkeit abschwächen! Und wer will Dies vorzugsweise? Diejenigen, welche sich nachdrücklich Orthodoxe nennen, sich als Zionswächter geriren, sich allein, und mit welchem Unrechte! als die wahren Träger res JutenthumS bezeichnen! Es ist fürwahr nur die Wiederholung jenes Bildes, das Jerusalem vor seinem Falle zeigte, als die römischen Legionen bereis um seine Mauern lagerten, so das; nur der Mangel an weltlicher Macht jene mörderischen Scenen des Bruderkampses verhindert! WaS wollen w i r? Nichts als die Erhaltung der Gemeinte, jener kostbaren und unentbehrlichen Erbschast unserer Väter, jenes einzigen Erhaltungsmittels seit mehr als zwei Jahrtausenden. Wir wollen keinen Gewissenszwang; wir predigen die unbedingte Gewissensfreiheit des Individuums; ein Jeder soll aus religiösem Gebiete frei thnn und unterlassen können, wozu sein Herz ihn treibt, seine Ueberzeugung ihn drängt; wir wollen Luchts weiter, als das; Derjenige, welcher nicht aus dem Judenlhume ausgetreten, sich als Glied desselben dadurch bethälige, das; er die Gemeinde erhalten helfe. Eö gilt also 'Nichts, als eine kleine Steuer nach Maßgabe seines Vermögens. Was er Weiteres dafür thun wolle, ist seinem Herzen überlassen. Diese Forderung als einen Gewissenszwang darstellen, und durch deren Bei Weigerung die Gemeinde zerstören wollen, ist einerseits Heuchelei, andererseits wahre Feindseligkeit gegen das Jndenthnm. Sehen wir uns um, was in anderen Confessionen geschieht, und ob diese etwa den Juden in solchem Bestreben voraugehen? Wir wollen hierbei nicht aus die katholische Kirche blicken, nicht auf die Energie ihrer Hierarchie, auf die felsenfeste Anhänglichkeit ihrer Masse, — man wird ihr den liberalen Sinn absprechen. Sehen wir auf die Protestanten, denen doch das Streben nach Gewissensfreiheit sicher, nicht abgcsprochen werden kann. Ja, es giebt zu einem interessanten Vergleich Anlaß, wenn wir die von dem Protestantenvereinc, der soeben in Leipzig tagte, angenommenen Thesen, deren Verwirklichung man anstreben will, mit Dem zusammenstellen, was bei uns Inden längstens Rechtens ist. Diese Thesen betreffen „die protestantische Kirchcnversassung." Bekanntlich umfaßt der Protestantenverein den liberalsten Theil der deutschen Protestanten, soweit dieser die positive Religion und Kirche erhalten will. Wir erfahren also aus riefen Thesen, was der Protestantismus für seine kirchliche Verfassung heute noch erstrebt. Die erste dieser Thesen lautet: „Die Gemeinde bildet die Grundlage der evangelisch-protestantischen Kirchenversassung." Einen solchen Ausspruch zu thnn, wäre bei den Juden sehr überflüssig, und was also die Protestanten in dieser Grundlage zu erstreben haben, ist bei uns stets vollständig vorhanden gewesen. Auch die zweite These bringt für uns nur Altgewohntes: .Die freie Repräsentativversassung ist für die Kirche nicht weniger, als für den Staat ein unabweisbares Bedürfniß." Dagegen bleibt die dritte These weit hinter den Gewohnheiten der Juten zurück. Sie sagt: „Der deutsche Protestantenvercin erstrebt keineswegs eine willkürliche Masieuherrschaft, sondern eine geordnete Bethäliguug der Gemeinte in wohlorganisirter Verbindung frei gewählter weltlicher Geineiiideglieder mit wissenschastlich gebildeten und bernfstüchtigen Geistlichen." Die Protestanten wollen also die Gemeinde von freigewählten weltlichen Gemcinkegliekern mit wissenschaftlich gebildeten und berusstüchtigeu Geistlichen gemeinsam geleitet haben. 29er bei den Juden nur die Forderung stellte, daß ihr Geistlicher im Vorstande oder in der Repräsentanz stimmberechligt milsitze, Ter würde ein großes Geschrei über hierarchische Gelüste Hervorrufen! Arrch den wissenschastlich gebildetsten und bernfstüchtigsten Geistlichen scheuen Vorstand und Repräsentanten, zu ihren Beralhungen heranzuziehen. Die vierte These will eine Organisation in Kreis-, Provinzial- und Landesshnodcn, sowie eine Vertretung der Gemeinde in den Presbyterien, Eonsiftorien und dem Kirchenregiment. Wir brauchen nicht zu bemerken, das; unsere Glaubensgenossen von einer solchen Organisation Nichts wissen wollen, sondern stets verlangen, das; jede Gemeinde, und sei es -die kleinste, autonom sei und bleibe. Wo Eonsiftorien oder eine jüdische Oberbehörde bestehen, befindet sich nur ein Geistlicher darin, während alle anderen Mitglieder Laien sind. *)• Endlich heben wir die siebente These noch hervor: „Ter Gemeinde steht bei Besetzung der Pfarreien, die entscheidende Stimme zu." Es wirr nach lange dauern, bis diese These bei den Protestanten verwirklicht wird; bei reu Katholiken ist dazu gar keine Aussicht, während bei den Inden die Anstellung und Wahl aller ihrer Beamten der Gemeinde ganz allein znsteht. Man kann in diesen Beschlüssen des Proteftanienvereins klar erkennen, daß es deren Zweck ist, der Gemeinde, dem Kirchenregimeme und den Geistlichen gegenüber, zu ihrem Rechte zu verhelfen, und ihr den Einfluß, in der Leitung und Verwaltung der kirchlichen 'Angelegenheiten zu verschaffen, rer ihr gewiß zukoinim, bis jetzt aber vorenthalien wurde. Aber ebenso deutlich erkennbar ist cs, daß sie den Geistlichen Stellung und Einfluß durchaus nicht zu entziehen beabsichtigen, vor Allem aber eine angemessene und feste Organistrung der Gemeinde erzielen, ja die einzelnen Gemeinden zu Kreis-, Provinzial- und Landesverbänden, ja sogar womöglich zu einem deutschen Raüonalverbande vereinigen wollen, innerhalb welcher Verbände die Laienwelt überall ihren berechtigten Antheil gesichert haben soll. Sehen wir also davon ab, daß eine solche, Provinzen, Staaten, ja das ganze deutsche Reich umfassende Organisation zu erstreben, bei uns Inden gar keine Tendenz vorliegt, so bleibt doch übrig, daß auch die Protestanten und zwar ihre liberalsten Männer, die feste *> Wir l'vnuvfcn, das; wir lücv um der kürze und dcü Verstandnist'es wegen uns der Ausdrücke „Geistliche und Laien" bedienen, ohne dieselben dem Judeulhunie insimürcn;u wollen.