Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1873)
- Date
- 1873-08-26
- Page
- Seite 575 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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575 verpufft hatten, ergriff sie ein panischer Schrecken; sie wankten, drängten zurück, und da immer wieder etliche unter ihnen niederstürzten, so wandten sie sich und wichen. Jetzt nahm ich meine erste Abtheilung und eilte mit ihr auf die Feinde los, um sie niit Bajonett und Kolben anzugreifen, während die andere den Hügel besetzt hielt, um, wenn wir zurückgeschlagen würden, uns wieder aufzunehmen, hätten wir Erfolg, geschlossen nachzurücken. Aber unser muthiges Draufgehen und unser donnerndes Hurrah! erschreckte die des Kampfes ungewohnten Franctireurs dermaßen, daß sie sich zur Flucht wandten, undSrruvo tpü peilt! über die Ebene nach der Brücke eilten. Wir hinterdrein, was wir erreichten, schlugen wir nieder; standen wir einen Augenblick, so schossen wir in die Masse, die sich an der Brücke zusammendrängte. Um so weniger war noch an ein Halten bei den Franzosen zu denken. Sie relirirten in den Flecken jenseits des Flusses, wohin ihnen zu folgen, für uns bei unserer geringen Zahl unmöglich war. Bald war von dem ganzen Gesindel Niemand mehr zu sehen, außer den Todten und Verwundeten auf dem Blachfelde. Ich beschloß, einen starken Posten an der Brücke auszustellen, um jeden etwigen abermaligen Uebergang des Feindes zu verhindern. Jetzt erst blickte ich mich um, wo meine übrigen Leute geblieben. Welch' ein Schrecken! die Gruppe der Häuser, in denen wir uns einquarlirt gehabt, stand in hellen Flammen! Meine Leute, welche deren Bewohner, wie ich schon aus ihren Gesprächen gehört hatte, und nicht mit Unrecht, für unsere Berräther hielten, hatten die Häuser an mehreren Stellen in Brand gesteckt, und da diese aus hölzernem Fachwerk bestanden und meist mit Stroh gedeckt waren, schlugen die Flammen sofort heraus und bedrohten Alles mit Vernichtung. Ich lies alsbald aus allen Kräften nach der furchtbaren Brandstätte hin, wo bei der Wuth meiner Soldaten nicht wenige Menschenleben in Gefahr standen. Wie von selbst trugen mich meine Füße zuerst nach jenem größeren Hause, wo ich selbst einquarlirt gewesen. Hier mochte das Feuer zuerst angelegt worden sein,. denn Dachstuhl und oberes Stockwerk waren von den Flammen bereits verzehrt, und drohten jeden Augenblick, einzustürzen. Dennoch als ich ankam, sah ich die beiden Alten und das Mädchen noch im unteren Stock beschäftigt, Geräthe und allerlei Habseligkeilen zusammenzubündeln, um sie zu retten. Ohne mich zu besinnen, stürzte ich in daS brennende Haus, ergriff das Mädchen, hob es auf meine Arme und rannte wieder hinaus. Als die Eltern dies sahen, schrieen sie: „Gerechter Gott, unsere Juliette, Juliette!" ließen Alles, was sie zusammengerasst, stehen und liegen, und liefen uns nach. Hinter ihnen brach das Hans in Trümmern zusammen.. Ich ließ meine kostbare Last noch nicht auf den Boden nieder. Das Mädchen hatte, um mir die Bürde zu erleichtern, ihre Arme um meinen Nacken geschlungen. und so trug ich sie nach einergroßen Scheune, welche in einiger Entfernung von den Häusern stand. Hier aus rer trockenen Tenne ließ ich sie nieder, und ihre Eltern gesellten sich sofort zu ihr. Ich flüsterte ihr nur noch in's Ohr, daß, wenn sie mich nach einiger Zeit wieder am Schennenthore erscheinen sähe, sie möglichst unbeachtet herauSschlüpfen und mir folgen sollte. Ich eilte wieder zurück, brachte meine Leute in Ordnung, und ließ sämmtliche Bewohner der Häuser mit dem Wenigen, was sie gerettet hatten, nach der Scheune bringen, vor der ich einen Posten ausstellte. Meine Leute mußten bivouakiren; sie hatten sich ja ihre Zufluchtsstätte selbst niedergebrannt., Auch halte sich das Wetter gemildert; Regen floß nicht mehr, der Wind hatte sich gelegt, nachdem er den feuchten Nebel zerstreut. Auch war über alle kiese Vorgänge die Nacht schon weit vorgerückt. Ich ging wieder nach der Scheune, zeigte mich einige Augenblicke in deren Eingang, schickte den Wachtposten als Patrouille nach einem etwas fernen Platze, und erwartete Juliette. Sie kam, und ehe sie noch ihre Dankesworte aussprechen konnte, sagte ich: „Das Geschick hat uns, Demoiselle, in dieser SchreckenSnacht zu gegenseitigen Rettern bestimmt; aber es fehlt noch ein Glied an der Kette. Ich bin geuöthigr, Ihre Landsleute da drinnen niorgen früh meinem Chef als Gefangene zu übergeben, da sie uns dem Feinde verrathen haben, nachdem wir das Dörfchen besetzt hatten. Es ist möglich, daß meine Vorgesetzten die Sache milde ansehen; es können aber auch schwere Strafen dieser Leute harren. Sie. Demoiselle, und Ihre Ellern'.haben keinen Theil daran, vielmehr haben Sie uns vor den» Ueberfatt gerettet. Würde Dies öffentlich ausgesprochen, so würden Sie und ihre Familie zwar straflos ausgehen, aber von Ihren Landsleuten gehaßt und verfolgt werten. Entweichen Sie daher mit Ihren Eltern unbemerkt in der Dunkelheit der Nacht. Es muß aber gleich geschehen, bevor mein Wachtposten zurück kehrt. Haben Sie in der Nähe irgend einen Zufluchtsort, und kennen Sie den Weg dahin?" Das Mädchen zitterte an allen Gliedern und kennte kauul die Worte herausbringen.' „Mein Bruder wohnt in S., dort, wo Sie hergekonnuen sein müssen; dahin wellen wellen wir fliehen. Ten Weg kenne ich wie unser Haus." „Gut, so eilen Sie! Wir sind heute durch S. gekonnuen. Sie haben dort Nichts mehr zu befürchten. Darf ich Sie aber Wiedersehen? gestalten Sie mir. Sie dort aufzusuchen?" Ich halte Ihre Hand ergriffen, und ich fühlte einen leisen Truck zum Zeichen der Bejahung. Schnell war das Mädchen verschwunden, und nach wenigen Minuten kam sie leise mir ihren Eltern wieder heraus; sie schlüpften um die Ecke der Scheune, und waren bald im Dunkel der Nacht aus der Sehweite meiner Leute. Ich blieb am Eingang der Scheune, bis die Wache zurückkehrte und den Posten wieder einahm. Aber meine Gedanken blieben lange Zeit am Eingänge dieser Scheune hasten. Die Frage, die ich an das Mädchen gerichtet, uno dessen Antwort im leisen Druck ihrer Hand, gaben mir viel zu denken. Ohne