Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-08-26 · Heft 35 (26.8.1873) · p. Seite 571

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 35 (26.8.1873)
Date
1873-08-26
Page
Seite 571 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226942--31914-3254858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

leiht. Gleiches bereitet man ja, wie bekannt, in Preußen vor. In ganz gleicher Weise spricht sich Dr. Falk über die jütische Schule aus. Tie jüdische Schule soll Privatschule bleiben, weil er, der Minister, kein Freund der confessionellen Schulen sei. Nun wird aber mit geringer Ausnahme in ganz Preußen die Volksschule consessionell bleiben, und weder der' Minister noch das Abgeordnetenhaus wird Dies zu ändern^ im Stande sein. So lange aber die Volksschule consessionell bleibt, muß auch die jüdische Schule bestehen bleiben, und sie hat so lange das vollkommene Recht, zu fordern, daß sie ihrer christlichen Schwester gleichgestellt werde. Der Herr Minister aber will den Privatcharakter confessioneller Schulen wenigstens für die Juden durchführen, während ihm Dies bei den Christen doch nicht gelingen wird. Wir wollen sehen, ob er in seinem Unterrichtsgesetze den Grundsatz, daß jede confessionelle Schule nur Privatschule sei, aussprechen und durchführen werde. Wir glauben cs nicht. Ist überhaupt jeee principielle Consequenzmacherei stets mit mehr Unrecht als Recht, mit mehr Zwang als Freiheit verbunden, so ist DieS noch mehr der Fall, wenn die Conseguenz nur gegen einen und zwar den kleineren Theil gerichtet ist, während man sich hütet oder nicht' im Stande ist, sie auch auf den größeren Theil anzuwenten. Glücklicherweise gilt es bei der jüdischen Schule doch nur, das bestehende Verhältniß aufrechtzuerhalten, während bei der beabsichtigten Befreiung von der Gemeindeangehörigkeit die Zersetzung und Auflösung geradezu in die Gemeinden hineingeworfen wird. Freilich trenn man die Absicht hat, die jüdische Schule zu beseitigen, so giebt es kein besseres Mittel, Ties zu erreichen, als die Zersplitterung der jüdischen Gemeinden durch een völlig freien Austritt aus der Ortsgemeinde. — Jüngst gewann die hiesige Gemeinde einen durch alle Instanzen geführten Proceß gegen ein früheres Mitglied, das durch den Austritt aus der Gemeinde und Uebertritt zur freireligiösen Gemeinte sich berechtigt glaubte, die Zahlung der Gemeindesteuer zu verweigern. Der leichter erster Instanz gab ihm Recht, die Appelkammer und das Obertribunal entschieden zu Gunsten der Gemeinde. Durch das Gesetz vom I I. Mai e. ist aber die Lage der Gesetzgebtmg eine andere geworden, — jener Proceß entspann sich vor zwei Jahren, — und so sind die Eulscheidnngsgründe der zweiten und dritten Instanz jetzt nicht mehr anwendbar, und verdienen daher eine ausführliche Mittheilung an diesem Platze nicht mehr. Berlin, l"». August. (Privalmitlh.! In diesen Tagen hat die „Hochschule für die Wissenschaft des JudenthumS" zum ersten Male einen ihrer eifrigsten und begabtesten Schüler durch den Tod verloren, Edward Rofenfeld aus Newyork. 9f«,, Sarge sprach Dr. Adler ans Newyork, ebenfalls Hörer der Hochschule, und entwarf mit warmen Worten ein Lebensbild des Verblichenen, der in seinem Wisiensdrange hierhergekommen, um sich' zum jüdischen Goltesgelehrten auszubilden; in unserer Zeit darum schon ein seltenes Vorbild, weil er der Sohn einer sehr begüterten Familie war. Gott tröste die trauernden Eltern! — Wenn gegenwärtig die Frage über den Austritt aus der Gemeinde so vielfach in Erregung versetzt, und schließlich die Veranlassung doch nur von einigen kleinen Schaaren auSgeht, die sich als die Vertreter der Orthodoxeu geriren: so fallt dabei die Undankbarkeit auf, welche in diesem Gebühren enthalten ist. Sie gestatten mir wohl, einige Worte hierüber zu sagen, nicht etwa, um diese vorlauten Wortführer zu besserer Einsicht zu bringen, vor welcher sie sich doch absichtlich verschließen, sondern um die wirklichen Orthodoxen, die Dies aufrichtig sind, mögen sie die Mehrheit oder die Minderheit in den verschiedenen Gemeittden ausmachen, zu warnen. Wer gegenwärtig schon ein höheres Lebensalter erreicht hat, und deshalb die Erinnerung an die frühere Zeit, etwa bis in die Mitte der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts, noch lebendig in sich trägt, Der weiß, in welche Mißachtung die jüdischen Gemeinden in ihrem eigenen Schooße gerathen waren. 'Wie in ihnen alles Leben stockte, die Synagoge verfallen, der religiöse Unterricht nicht vorhanden war, so waren sie und ihre Angelegenheiten aus aller Beachtung gekomnren; Niemand kümmerte sich um sie, und sie vegetirten nur in dem alten Schlendrian. In der That waren die Aussichten für die jüdischen Gemeinten die schlimmsten; denn bei Fortdauer dieses Zustandes konnten sie nur ihrem gänzlichen Verfall, und zwar binnen kurzer Zeit, entgegengehen. Da war es die Reihe junger, von neuem Geiste belebter Männer, welche' erstand, das religiöse Bewußtsein durch Wort und Schrift nnd That in ihren Glaubensgenossen begeisternd weckte, die Fahne des Judenthums vor ihren jüdischen und christlichen Zeitgenossen mit starker Hand wieder erhob, vorn Staube reinigte und vor jedem Angriff vertheidigte, die Mission des Judenthums mit Enthusiasmus predigte, Mißbräuche nnd Abgeschmacktheiten zu beseitigen suchte, zeigte, daß — wie man schon allgemein meinte, — das.Judenthum nicht in diesen, sondern erst recht ohne tiefe bestehe, und so das Blut in den Adern wieder rollen und das Her; wieder pnlsiren machte. Ter Anstoß war gegeben; die Entwickelung begann, und jetzt sehen wir die jütischen Gemeinden überall als geachtete Eorporativnen, die intelligentesten Männer an ihrer Spitze, wohlorganisirt in Vorstand und Repräsentanz, mit ausblühenden Institutionen, voll Lebens und bester Aussicht. Wie sich in den verschiedenen Gemeinden Reform oder Orthodoxie, geltend mache, darauf kommt es gar nicht an, — genug, daß die Gemeinten kräftig und wirksam bestehen, und die Kräfte aller Einzelnen, so weit sie in Anspruch zu nehmen sind, concentriren. Dieses Alles will man zerstören, die Adern unterbinden, Hand und Fuß lähmen! Was wird die Folge sein? Tie besten Kräfte werden, müde des erfolglosen Streites, sich zurückziehen und die Gemeinden ihrem Schicksale überlassen; nicht blos die Streithammel, und Die ihre Stenern im Sack behalten wollen, sondern auch Die werden sich von der Gemeinte entfernen, welche sehen, daß alle Opfer vergebens gebracht, und durch den Unverstand der Parteisucht alle 35

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.