Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1873)
- Date
- 1873-08-26
- Page
- Seite 570 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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570 Dann konnte er seine eigenthümliche Stellung berühren und rechtfertigen; der Geist aufrichtiger Menschenliebe hätte ihn und sein Missive durchdringen sollen, daß er mit Ernst und Würde die Pfade klar lege, ans welchen wir zu ihr und zu ihrem Heiligthume gelangen können. Statt Dessen füllt er den größten Raum seines Briefes mit der einschneidendsten Polemik gegen das Papstthum und die römische Kirche, läßt seinem Hasse und seiner Verachtung gegen diese freien Lauf, schlägt dabei auch auf 'die „jüdischen Priester" los, die er — ob aus Unkenntnis;? — mit den Pharisäern verwechselt, für welche freilich die neutestamentlichen Autoren und alle deren Nachfolger kein Verständnis; hatten; meint, daß die katholische Kirche dem jüdischen Priesterthume das heidnische beigemischt habe, während doch außer einigen unwesentlichen Aeußerlichkeiien das katholische Priesterthum mit dem jüdischen durchaus keine Aehnlichkeit hatte, was der neue Bischof wiederum nicht zu wissen scheint, und fügt dann erst einigen sentimentalen Salm von jener „Liebe" hinzu, die er, wie sein Schriftstück beweist, ebensowenig zu bethätigen und zu verwirklichen gesonnen ist, wie Dies in den bisherigen Phasen der Kirche geschehen ist. Solche neugebackene Herren glauben inuner Großes gethan zu haben, wenn sie voll Gift und Galle auf die mächtigen historischen Erscheinungen lesstürmen, die doch jedenfalls Dauerndes für viele Jahrhunderte geschaffen hatten, während es sehr zweifelhaft ist, welchen Boden ihre eigenen Schöpfungen gewinnen werden. Nichts ist aber leichter, als auf die Auswüchse hinzuzeigen, welche im Laufe langer Zeiten sich aus jeder geschichtlichen Erscheinung entwickeln, ohne ihren eigentlichen geschichtlichen Werth und ihre großartige Wirksamkeit zu würdigen. Ist cs doch wenigstens eine Frage, ob es ein Glück für die europäische Menschheit gewesen wäre, wenn die 'Waffen der deutschen Kaiser, denen gegenüber das Papstthum die einzige mögliche Opposition war, dieses niederzuschlagen vermocht hätten? Doch Dies zu untersuchen, würde uns zu weit führen. Dabei tritt der neue Bischof die alte Erbschaft mit all' dem äußeren Pomp, mit all' dem Schmuck von Seide, Gold, Silber und Edelstein an, statt daß Luther sich mit dem einfachen schwarzen Rocke begnügte. Man kann nicht sagen, daß dieser Hirtenbrief angcthan ist, die Herzen anzuziehen und die Geister aufzuklären. Berlin, 8. August. (Privatmitth.) Die hiesigen Zeitungen haben den größten Theil des Leitartikels in Nr. 31 dieser Zeitung über die Audienz des Lehrers Blumenau bei dem Minister Dr. Falk wiedergegeben, freilich ohne die Quelle zu nennen, wie Dies sehr häufig zu geschehen pflegt. Ich will hiermit die Rcdactionen der hiesigen Zeitungen nicht anklagen, wohl aber deren Mitarbeiter, welche die A. Z. d. I. lesen und aus ihr, was ihnen interessant erscheint, ziehen, ohne die Quellen anzugeben. Gleicher Weise verfahren ja die jüdischen Blätter selbst in zahllosen Fällen. — Es fiel uns dieser Tage auf, daß die Kreuzzeitung sich höchst wohlwollend über die Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums ausgesprochen hat. Sie scheint also auf diesem Gebiete Fortschritte gemacht zu haben. Nicht allein, daß sie das Wachsthum der Hochschule anerkannte, sondern sie theilte auch mit, daß jetzt ein Licentiat der Theologie den Vorlesungen eifrig beigewohnt habe, und meint, daß Ties, wie es zu wünschen wäre, häufiger von christlichen Theologen geschehen würde, wenn nicht die Aussprache des Hebräischen Dem entgegenstände. Hierin hat sie Recht; denn auf den Gymnasien wird die sg. portugiesische Aussprache gelehrt, während aus der Hochschule die bei den deutschen Israeliten übliche Aussprache beibehalten ist. Sic kann jedoch Dies wohl nicht ändern, denn ihre Schüler sind daran gewöhnt und, was schwerer wiegt, sie müssen diese Anssprache in ihren späteren amtlichen Functionen dem deutschen wie dem ganzen osteuropäischen Publikum gegenüber beibehalten. Es ist bekannt, wie oft schon der Wunsch ausgesprochen worden, daß die richtigere Aussprache in Deutschland eingeführt werde; allein es kann Dies nicht turchaesührt werden. Eine solche Veränderung in der eingewurzelten Gewohnheit findet bei der großen Masse keinen Raum, und schließlich sind Gebete, Vorlesung aus der Thora, Text und Anführung von Stellen in der Predigt u. s. w. für die Masse, nicht für den Vorbeter und Prediger' da, und müssen jener verständlich sein. Im Hamburger Tempel wurde die sg. portugiesische Aussprache von der Gründung desselben an eingeführt, und hat sich daselbst Geltung behalten. Jndcß hatte man es dort mit einem besonderen Kreise Gebildeter zu thun, und war man durch die dortige portugiesische Gemeinde schon etwas daran gewöhnt. In den Gemeinden Deutschlands u. s. w. wäre es rein unmöglich. — Was jene Audienz bei dem Minister Dr. Falk betrifft, so siel uns dabei der Gedanke ein, dem Sie bereits mehrere Male Ausdruck geliehen, daß nämlich jetzt in vielen europäischen Staaten die Juden zum Probirfeld und gelegentlich zum Opfer der sg. freisinnigen Ideen gemacht werden. Bis zur Gegenwart waren die Juden der Probirstein für die Stufe der Gewissensfreiheit,.auf welcher der betr. Staat stand. Je weiter der Staat das Recht der Gewissensfreiheit anerkannte, desto näher gelangten die Juden zur Gleichstellung. Dies war aber ein positiver Äct. Jetzt will man auch daö negative Moment an ihnen probiren, und sie müssen dazu still halten. Der Grund ist leicht zu erkennen: die Juden können sich nicht wehren, sind niemals geneigt, dem Staate Opposition zu machen, und ob das Judenthum und die Judenheit Verlust erleiden, und ihnen ein Unrecht geschieht, darum kümmern sich die Machthaber und die Wortführer wenig. Man hat da den Vortheil, höchst liberal zu erscheinen, indem man sich wohl hütet, der christlichen Bevölkerung gegenüber in ein Wespennest zu stechen. In Italien und Ungarn z. B. hat man den gesetzlichen Bestand der jüdischen Gemeinden beseitigt, während man die christliche Gemeinde in keinerlei Weise anzutasten wagt. Für die Juden soll demnach das Princip völliger Freiwilligkeit durchgeführt werden, während man der christlichen Gemeinde vor wie > nach zu ihrem Bestände den Arm und die Mittel des Staates