Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1873)
- Date
- 1873-08-26
- Page
- Seite 569 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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569 Das Herz des Kaisers hatte Gnade genug, um Rebellen unv Feinden Rußlands zu verzeihen, — sollte es für uns nicht das Gefühl des Mitleidens haben? — O nein, der Kaiser meint es gut mit uns, der Kaiser Alexander, der Stolz des russischen Volkes und der russischen Geschichte, er weiß die Treue seiner Unterlhanen zu lohnen; aber gewisse Beamte, die die Toleranz und Humanität verdammen, geben ihm schwarze Vorstellungen von uns, welche in der Presse ein Echo finden. Wer könnte aber wirksamer dagegen auftretcn als die Petersburger Gemeinde mit einem gebildeten und geachteten Rabbiner an der Spitze? Wo sind Eure Ginzburgs, Poljakows, Warschawskis, SeiberlingS, Lewins, Rosenthals, wo der Rabbiner? Wenn ein unwissender Melamed eine stümperhafte hebräische Uebersetzung herauSgiebt, wenn ein verschmitzter Possenreißer die Iargonliteratnr mit einigen geist- und sinnlosen Mährchen bereichert, da rührt Ihr Euch, lauft zu hohen Beamten, zu den Ministern, um den Verfassern Unterstützungen zufließen zu lassen. Aber wenn cs die Ehre des Iudenthums und Eurer eigenen Gemeinden gilt, da habt Ihr nicht den Mnth, einen ehrlosen Feuilletoniften öffentlich der Unwahrheit zu zeihen! Denn ehrlos ist Derjenige, welcher von einer Bevölkerung von drei Millionen falsche, verleumderische Gerüchte verbreitet, ehrlos — wer von uns sagt, wir geben uns mit Kuppelei und mit dem Handel falscher Banknoten ab.*) Wie steht es aber mit der Ehre Dessen, welcher solche Beleidigungen so ohne Weiteres hinniunnt! — Fürwahr, hierin liegt Eure wahre Pflicht und Aufgabe, dem Kaiser unser i'eid zu klagen, und ihn zu bitten, mit seiner gnädigen Hand auch uns zu beschützen, auf daß man uns nicht verleumden und im russischen Volke nicht einen unbegründeten Haß gegen uns Hervorrufen solle. Der Kaiser, der die Eintracht unter seinem Volke wünscht; der Kaiser, der selbst ein Beispiel der Gnade uiit1. Gerechtigkeit ist; der Kaiser, der in die niedrigste Bauernhütte Friede, Glück und Segen brachte, — der Kaiser wird uns in Schutz nehinen und uns Das geben, was er keinem seiner Unterlhanen vorenthält — Gerechtigkeit. Q. L. Harah. *) In einer der letzten Nummern des „Volks" war solches de Hauptei worden. Eorresp. Wir fügen hier noch folgenden Bericht über die traurige Begebenheit in Kiew hinzu: j Kiew, im Juli. Der „Kiewer Telegraph" meldet: Der unlängst ergangene Befehl, daß die Juden in dem podolskischen Viertel nicht mehr wohnen dürfen, hatte die natürliche Folge, daß die Miethspreise in den anderen Stadttheilen stark in die Höhe gingen, während sie im podolskischen Quartier bedeutend sanken. Während dort die christl. Besitzer, da sie die Eoncurrenz der Juden nicht mehr zu fürchten haben, eine fabelhafte Miethe verlangen, sehen sich die Hauseigenthünter im podolskischen Viertel von feingroßem Schaden bedroht. Wie wir hören, wollen dieselben Schritte thun, um die Regierung zur Zurücknahme der Maßregel zu veranlassen." Diese Maßregel, die übrigens auf einen direeten Befehl des Ministers des Innern ztirückgeführt wird, ist um so nnbegreiflicher, als die Regierung allem Anscheine nach den Angelegenheiten der Juden gegenwärtig die nachdrücklichste Aufmerksamkeit mit Gerechtigkeit und Wohlwollen zu Theil werden läßt. Wer vielleicht meint, daß die kiewer Juden in der Bildung und Eultur noch sehr zurück sind, und daß vielleicht dieser Umstand mit jenem Befehl in irgend welchem Eausalncxu's steht, der irrt gar sehr. Im Gegentheil; Kiew, mit seinen etwa 2»,ooo jüdischen Einwohnern, unter denen viele Ehrenbürger, Kaufleute 1. Gilde, Studenten, zahlreiche tüchtige Handwerker, hat sich der israelitischen Bevölkerung durchaus nicht zu schämen. Es herrscht bis in die untersten Elasten ein reges Streben nach nationaler und allgemeiner Zeitbildnng; die Wohlhabenden schicken ihre Kinder in die höheren-, die Aermeren in die Volksschulen; selbst die Ehassidim machen hiervon keine Ausnahme. Freilich versteht der judenfeiudliche und nicht einflußlose „Kiewlanin" das Geschäft des Hetzens gegen die israelitische Bevölkerung gar prächtig. Auf seine schmachvolle Anregung und giftigen Verleumdungen hin soll das Verbot des Wehnens der Juten in .Kiew Wiederaus der Rumpelkannucr hervorgeholt worden sein. Hoffen wir, daß die Staatsregierung den Generalgouverneur von Kiew baldigst desavouiren wird! Wie wir übrigens nachträglich hören, war bereits eine Deputation von hervorragenden Glaubensgenossen, Beschwerde führend, beim Minister in St. Petersburg, welcher sie auf .das zu gewärtigende Freizügigkeitögesetz vertröstete. ^cLtuiiciiiiacßu-cIstciu Deutschland. Bonn, 15. August. (Privatmitth.t In diesen Tagen erschien der Hirtenbrief des in Deventer jüngst eonsecrirten altkatholischen Bischofs Reinkens. Derselbe ginge uns an dieser Stelle "Nichts an, wenn er nicht durch seine eigene Art zu einigen Bemerkungen nöthigte. Wir hätten unS das erste ofsicielle Schriftstück res ersten Bischofs einer neuen.Kirchengenossenschaft, — denn eine solche ist die sg. altkatholische jedenfalls, da sie sich von dem bisherigeil kirchlichen Körper absontert, — doch ganz anders gedacht. Wir meinen, daß der Autor in einem solchen Augenblicke sich vor Allem aus die Höhen wahrhafter Religiosität erheben, und seinen Anhängern die echten Ziele derselben bezeichnen, und sic für deren Erstrebung begeistern soll.