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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-08-26 · Heft 35 (26.8.1873) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 35 (26.8.1873)
Date
1873-08-26
Page
Seite 568 (sequence 6)
Language
German
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die Lehre von der göttlichen Vorsehung bis auf den heutigen Tag Veranlassung gab, und wie sie noch heute im Munde sogenannter Frommen auf die verkehrteste und sinnloseste Weise verwendet wird. So ging es auch, wenn auch in unschuldigerer Weise, der Lehre vom Zweck, und die Bekämpfung derselben durch Spinoza und seine Nachfolger hatte nur die besten Folgen, um jene Lehre in freierer und wissenschaftlicher Weise aufzufassen.*) _ Aus Rußland. Offener Brief an den Herrn Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu St. Petersburg. Berlin, den ü. August 15 7 3. Hochgeehrter Herr Rabbiner! Seit einiger Zeit erscheinen in der russischen „St. Petersburger Zeitung" Briefe, deren Verfasser, angeblick» um die glückliche Lösung der jüdischen Frage zu beschleunigen, sich die Ausgabe gestellt hat, die Schattenseiten des russisch-jüdischen Lebens zu schildern, wobei er ausser wirklich begründeten Vorwürfen den Juden auch solche macht, die nicht nur jeder Begründung entbehren, sondern die Frechheit und Sebamlosigkeit anstaunen lassen, mit welcher man in einem russischen Blatte lügen kann. So wird in der letzten -Correspondenz erzählt, „die jüdische Gemeinde entschädige ihre Mitglieder für die Verluste, die diese beim Handel mir Contrebande erleiden." Ich war fast überzeugt, dass Sie, hochgeehrter Rabbiner, als Repräsentant der jüdischen Gemeinde zu St. Petersburg, Protest gegen die Verbreitung derartiger Verleumdungen ein legen werden, was aber leider nicht geschah. Ich kenne wohl die Gleichgültigkeit und Kaltblütigkeit, mit welcher die sogenannte gebildete jüdische Claffe den Leiden ihrer Glaubensgenossen zusieht; dass aber die Vorsteher einer jüdischen Gemeinde, resp. ihr Rabbiner, durch ihr unverzeihliches Stillschweigen den beleidigenden und überaus schädlichen, ja gefährlichen Aeussenmgen der Presse gleichsant zustimmen. Das macht der Genieindc nichts weniger als Ehre. Wenn es gilt. Jemandem zu schmeicheln oder *) Auch die jetzt Mode geworden« Darwm'schc Eimvickelnngsliypolhese, welche vor, vielen wirtlicken Naturforschern in ihrer Allgemein- Iieii und Wirtlichkeit bcjtrittcn wird, and) in England, v B. in einem der letzten Hejre der Edinburgh Review, widerspricin im Erunde der d'el,rc vom Zweck nicht. Wenn sic die ganze animalische Welt ans ein cnisawes Nrgcjchöps zurücksi'chreu will, ans dem sich die unendlich mannichsaltigeu Formen und Organisationen der TlnerweU entwickelt haben sotten, so mnss sie dieses Urgeick'öp,' mit der Desähignng, mit den ilci men für alte diese Formen und Ergeunsationen. zu denen sich die Thier- Welt entwickelt hat und entwickeln wird, ausgestattcl annehmen, so dag sic dennoch eine Plcmrriässigtcit, einen ^Zweck und Zn-eckinässigleil in der Anlage dieses Urgeschepses ancrtemreu mutz. Fand nach ihr die Entwickelung dann nach dom Vetürfursic statt, sc liegt bei jede,» ent wickelten Tl'ierc die Frage um so näher, wie weit dessen Bcschasscichcil dem Bedürsniss, also der Zweck dcni Begehren, entspreche. Sie wird sich hier erst ans dem Zwecke, der in der jetzigen Einrichtung sich derwirlticht hat und erlennbar ist, eine Borstetluug von dem Bedürsniss als ursächlichem Moment machen tonnen. In dieser Operation besteht ja auch der grösste Theil ibrer vermeinckichc« BeweisMnn'.g. die zweifelhaften Verdienste eines jüdischen CrösuS auszupofaunen, da finden sich Leute, die den Mund vollnehmen und bogenlange Berichte nach allen Zeitungen abschicken; aber keine Stimme wird laut, wenn die Heiligkeit des gesummten Judenthums freventlich angetastet wird. Als neulich ein russischer Jude geadelt wurde, da regnete es förmlich von Lobgesängen, aber Niemand mahnte den neuen Herrn Baron an seine nun vergrößerte Pflicht, rastlos für die gute Sache seiner Brüder einzustchen. Ein jüdischer Baron, dessen Glaubensgenossen per Etappe von einer Stadt nach der anderen geschleppt werden können, ein jüdischer Ritter, der für seine Glaubensgenossen kein gutes Wort einlegt, ein jüdischer Adliger, dessen Vater, Brüder, Oheime und andere Verwandten von rohen Beamten wie Thierc behandelt werden können, — der kann eher Bedauern, als Freude erregen. Aber das ist auch Alles, worauf sich das Urtheil der Nebenmenschen beschränken muss: man hat nicht das Recht, von einer Privatperson zu fordern, dass er sich für seine Brüder aufopfere. Sie aber, Herr Rabbiner, der Sie das Wort Gottes predigen, Sie dürfen nicht schweigen, wenn Angesichts Ihrer Gemeinde diese selbst und die Inden überhaupt beschimpft werden. Gehen Sie zum Kaiser und sagen Sic ihm: Es war eine Zeit, wo geborene Russen sich gegen den kaiserlichen Thron auslehnten, Polen haben wiederholt revolmionirt, die Juden sind aber immer dem Throne, dem Volke und dem Lande treu geblieben. Was ist unser Lohn? — Harte Verfolgung, schwarze Verleumdung, Schutz- und Rechtlosigkeit! In gewissen christlichen Kirchen hat man Verderben deü russischen Volkes gepredigt, — in den jüdischen Synagogen betet man nur für das Wohl des Kaisers und des russischen Volkes. Wer war die Schaar von Beamten, die die Bestechlichkeit in Russland zum Sprüchworte machten — Juden oder Christen? — Wer ist Retschajew — ein Jude oder Christ? — Wer hat auf das Herz des Kaisers gezielt — ein Jude oder Christ? — Mit wem sind die zahlreichen russischen Festungen und Gefängnisse angefüllt — mit Juden oder Christen? — Unter wem herrscht in Russland Trunksucht und Faulheit — unter den Juden oder Christen? — Welche Namen sind in die Listen der öffentlichen Dirnen eingetragen — jüdische oder christliche? — Was haben wir nun verbrochen, dass dennoch der unversöhnlichste Feind des russischen Volkes, ja das verworfenste Snbjeet des menschlichen Geschlechts in Russland mehr Schutz hat als der Jude! Schutz — um mehr bitten wir nicht — Schutz vor den gewissenlosen Scribeuten, die unseren Nanren beflecken, unsere Ehre mit Füssen treten! — Schutz vor der Unmenschlichleit, mit welcher uns ein Ackerman'scher JSprawnik draeonische Gesetze dietirt; Schutz vor den Ausschreitungen der wilden Masse, die uns in Odessa auf offener Strasse mordet, unsere Häuser plündert, unsere Habe raubt, Schutz vor der Willkür einer kiew'schen Behörde, die uns in Kiew einziehen läßt, um uns dann gleich Verbrechern per Etappe aus der ^tadt zu treiben! .

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