Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1873)
- Date
- 1873-08-26
- Page
- Seite 565 (sequence 3)
- Language
- German
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564 Ursachen erwirkt wird. Hierbei können wir nur dem Spinoza denselben Vorwurf machen, den er gegen seine Zeitgenossen verbringt, daß sie nämlich Gott ganz nach Analogie des Menschen bettachten, und überhaupt für echte Nattirforschnng kein Auge haben. Zu sagen, daß ein Ding, je unmittelbarer es von Gott ausgeht, desto vollkommener sein muß, und Dies ans die Reihe der natürlichen Tinge anzuwenden, zeigt, daß Spinoza noch in denselben naturwissenschaftlichen Kinderschuhen stand, wie seine Zeitgenoffen. Alles, was in der Natur ist, ist ein unmittelbares Erzengniß Gottes, die früheren Ursachen, die Mittclursachen, die Bereinigung von Ursachen, um eine Wirkung hervorzubringen, und es ist daher Alles in der Natur nach seiner Art, Beschaffenheit und Bestimmung vollkommen; es besteht so, wie, und bewirkt, was es soll. Der Saure ist gerade ebenso unmittelbar von'Gott, wie fruchtbarer Boden, Regen, Sonnenschein u. s. w., und wie die Bliithe und die Frucht, toelche letztere ja selbst wieder Sauren enthält. Nichts ist näher zu, und ferner von Gott, als das Andere. -Ja, wenn man die größere Vollkommenheit eines natürlichen Tinges iu seiner mannichsaltigeren Organisation finden wollte, so daß mau allerdings eine ansteigende Reihe von Vollkommenheiten unter den Wesen aufstellen könnte, so würde das Spätere, das durch mehrfache Mitlelnrsachen, durch mannickfaltigere Zusammensetzung und Jneinanderfügung entsteht, das Vollkommenere sein. Es fällt demnach dieses ganze Argument Spinoza's in Nichts zusammen, und kann uns nur als ein dialektischer Versuch aus der damaligen, noch überaus unentwickelten Naluranschauung erscheinen. Das zweite Argument Spinoza's ist, daß die Vehre vom Zweck die Vollkommenheit Gottes aufhebe. Er sagt: „Tenn, wenn Gott wegen irgend eines Zweckes handelt, so begehrt er nothwenriger Weise Etwas, dessen er entbehrt. Und wenn auch die Theologen und Metaphysiker zwischen dem Zwecke des Bedürfnisses und dem der Verähnlichung unterscheiden, so gestehen sie doch, daß Gott Alles seinetwegen, nicht aber wegen der zu schassenden Tinge gethan habe, weil sie Nichts außer Gott vorder Schöpfung bezeichnen können, um deswillen Gott handle, und so werden sie nothwendiger Weise dazu geführt, einzugestehen, daß Gott Das, um deswillen er Mittel hat bereiten wollen, entbehrt, und darum begehrt habe." Er sagt ferner an einer anderen Stelle: „Diejenigen irren noch weiter von der Wahrheit ab, welche behaupten, daß Gott Alles unter der Rücksickt auf das Gute lhne. Denn Diese scheinen Etwas außer Gott zu setzen, was von Gott nicht abhängt, wonach sich Gott wie nach einem Mnsterbilde in seinem Wirken richte, oder wohin er, wie nach einem bestimmten Ziele, trachte. Und Dies heißt in der That nichts Anderes, als Gott einem Fatum unterwerfen u. s. w." — Bei Erwägung dieser Sätze sehen wir von der polemischen Einkleidung gegen zeitgenössische Ansichten und Auslaffunge.n ab. Es bleibt dann übrig, daß nach Spinoza die Annahme eines Zweckes in der Schöpfung und in den natürlichen Dingen vor. aussetze, Gott habe ein Begehren gehabt. Etwas zu erreichen, wozu Mittel nolhwendig wären, welches Begehren ein vorhergehendes Ermangeln, also eine Unvollkommenheit Gottes enthalte; ebenso wenn, man die Verwirklichung deS Guten al« Zweck Gottes bei der Schöpfung annehme, weil man daun das Gute als außerhalb Gottes bestehend setze. Das letztere ist nur willkürlich. Tenn die Verwirklichung des Guten in der Schöpfung setzt vielmehr das Gute im Geiste Gottes selbst voraus, da dieser nur Daö zu verwirklichen gedrungen sein könnte, was in ihm selbst vorhanden ist und lebt. Selbst der Mensch thul nur Das, wovon er eine Vorstellung, oder wozu er einen Trieb in sich trägt. Das Argument von der Unvollkommenheit Gottes, wenn er irgend ein Begehren habe, ist schon alt, und wird noch heute vergetragen. Es beruht aber gerade aus Den«, was Spinoza Denen vorwirst, die er bekämpft, daß sie nämlich Gott nur nach Analogie des Menschen lvtrachten. Wir vermögen uns bei dem Menschen keine Handlung vorznstellen, welche nicht auf einem Begehren beruhe, also aus dem Verlangen nach Etwas, was wir noch nicht haben, oder, noch nicht zu haben glauben. Dies berechtigt uns aber nicht, dasselbe bei Gott vorausznsetzen. Verflögen wir uns nicht eine Vorstellung von der Unbegrenztheit der Materie zu machen, wie wollen wir uns anmaßen, unS eine Vorstellung von der . Unendlichkeit des göttlichen Geistes zu bilden? Wenn wir schon immerwährend irren, indem wir unserem Geiste verschiedene Vermögen oder Kräfte zuschreiben, diese desiniren und abgrenzen, während doch unser Geist eine Einheit ist, — Zeugen dieser Irrungen sind die verschiedenartige Ausstellung der Seelenkräfte iu den verschiedenen philosophischen Systemen *) — wie wollen wir uns vermessen, dieselbe Eintheilung und Abgrenzung auf den Geist Gottes zu übertragen? ... Die einfache Gedankenreihe ist hier diese.. Die Welt ist da, ihre Existenz, ihr dauernder Bestand, die hierdurch bedingte und für uns überall erkennbare Planmäßigkeit setzt das Dasein Gottes als deö die Schöpfung verursachenden Wesens voraus, und diese in der Gesammlordnung der Wesen und in der Einrichtung jedes einzelnen Wesens unverkennbare Planmäßigkeit setzt wiederum einen Zweck voraus. Dieser Zweck kann nur in dem Bestände der Welt und der Wesen enthalten sein, so daß jedes Wesen den Selbst- *) Wir erinnern hier nur daran, daß Aristoteles der inenschlichen Seele fünf Kräfte znschreibl: dt-mitug ,K' thofttr DuiJU r/.uv, tuaü uoi/.t r/.nr, y.uiu utuuv, «Vmroy/xor (dt; anima II, 3). Man sieht, daß Aristoteles die Ernährung und örtliche Bewegung als Vermögen der Seele angesehen hat. Maimonides nimmt diese fünf Vermögen ebenfalls an, statt der „ernährenden, empfindenden, begehrenden, örtlich bewegenden und denkenden" Kraft, stellt er aber die „ernährende, empfindende, vorstellende, begehrende und denkende" ans, so daß er die „örtlich bewegende" in die „begehrende" einbegreift, dafür aber die „vorstellende" d. i. die Einbiltungskrast annimml: ^rr:'r8i V'rr CNr-.Vio. Schein. Perak. I eil. Wolfs. S. 3. 35*