Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-08-26 · Heft 35 (26.8.1873) · p. Seite 564

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 35 (26.8.1873)
Date
1873-08-26
Page
Seite 564 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226942--31907-3254851
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

564 für die Erkenntnis der Wahrheit ansehen ließ. An zahlreichen Stellen spricht er sich hierüber aus, und so wird uns fein Streben, den Zweck zu leugnen, als auch seine Argumeiitirung gegen den Zweckbegrisf verständlich. Jetzt, wo die Naturwissenschaften eine so großartige Entwickelung gewonnen, wo die Forschung bei ihren Objecten, seien diese groß oder klein, gar nicht nach einem Zwecke fragt, sondern nur nach der Beschaffenheit. Einrichtung, Zusammensetzung und Wirkung, — worin schließlich auch der Zweck enthalten ist, — und zugleich von aller metaphysischen Betrachtung sich fern hält, diese der Philosophie überlastend: hat dieses Verfahren Spinoza's keinen Grund mehr; um so mehr müsten wir aber ras Resultat seiner Dialektik verdächtig finden. Wir sahen, daß Spinoza den Zweck im menschlicken Handeln leugnete, intern er.statt des Zweckes nur daS Begehren oder den Willen als Ursache in Betracht genommen wissen wollte. Auch hier sicht er deshalb gegen daS Zngeständniß eines Zweckes, weil die Menschen sich mit der Ausstellung eines Zweckes begnügten, und nun nach den weiteren und tieferen Ursachen der Handlung zu forschen unterließen. Es wäre daher eonsequent gewesen, daß Spinoza auch in den natürlichen Dingen zwar den Zweck leugnete, aber statt res Zweckes auf den Willen Gottes als erste^Ursache recurrirte. Wie er sagte, daß das menschliche Handeln keinen Zweck, sondern nur das Begehren oder den Willen des Menschen 'Beides ist ihm gleichbedeutend> als Ursache habe: so hätte er sagen müssen, daß alle natürlichen Tinge keinen Zweck, sondern den Willen Gottes als erste Ursache haben. Dies paßte ihm aber weder in seine philosophische Anschauung, noch., zur Beseitigung jenes Hindernisses der Natursorschnng, sich bei jedem natürlichen Dinge damit zu beruhigen, daß der Wille Gottes in einem bestimmten Gedanken das Ding so geschaffen habe, wie es erscheint. Er kämpft daher für die natürlichen Dinge nicht allein gegen das Borhaudensein eines Zweckes, sondern auch des Willens Gottes in deren Hervorbringung, und schöpft daraus um so mehr die Leugnung eines Zweckes. Gehen wir hieraus etwas näher ein. Die Polemik Spinoza's gegen den Zweck der Dinge um des Menschen willen übergehen wir; sie ist richtig, für uns jedoch überflüssig. Gegen die Annahme eines Zweckes überhaupt führt er zwei Argumente auf. Das erste ist in den Worten enthalten: „Denn Das, was in Wahrheit die Ursache ist, betrachtet sie als Wirkung und umgekehrt; sodann »nicht sie Das, was in Wahrheit das Frühere ist, zu dem Späteren, und macht sie Das, was daS Höchste und Vollkommenste ist, zu dem Unvollkommensten." Man sieht leicht, daß dieses Argument wieder Zweifaches enthält. Zuerst meint Spinoza, daß, wenn ein Ding als Zweck des ankeren angegeben wird, es als Ursache desselben, somit als das Frühere angesehen wird, während es doch in Wahrheit die Wirkung desselben ist, also das Spätere, somit die Natur geradezu umgekehrt wird. Es ist dies rein sophistisch. ' Wenn wir von dem Zweck eines natürlichen Dinges reden, so fassen wir Zwiefaches in's Auge: das Verhalten des Dinges an sich, um so zu bestehen, wie cS ist, also den Selbstzweck des Dinges, wie cs als Wirkung aus vorangegangenen Ursachen entstanden und eingerichtet ist; dann das Verhalten des Dinges zu anderen, insofern es Ursache zu späteren Wirkungen ist. Es stellt sich hierbei stets heraus, daß auch in der Natur jede Wirkung aus der Bereinigung mehrfacher Ursachen entspringt, und daß also ein Ding sowohl mehrfache Ursachen hat, als auch wiederum nicht allein Ursache einer zukünftigen Wirkung sein kann, sondern zu deren Herstellung außer ihm noch mehrere Ursachen nothwentig sein werden. Wir wollen Dies durch ein Beispiel verdeutlichen. Der Same ist die Ursache einer Blüthe und Frucht. Wir werden zunächst den Samen in seiner eigenen Existenz betrachten, seine Beschaffenheit, seine Einrichtung, seine Zusammensetzung aus Elementen u. s. w. Wir betrachten ihn so, als ein an sich bestehendes Ding, das aus mehrfachen Ursachen hervorgegangen. Dann betrachten wir ihn als Ursache der später» Blüthe und Frucht, suchen Das auf, was in ihm Keim für diese ist, wie dieser beschaffen, und wie er sich weiter entwickelt, um Blüthe und Frucht zu werden. Bei letzterer Betrachtung setzen wir schon voraus, das; dieser Same für' sich allein niemals zu cmee Blüthe und Frucht werden kann, sondern daß es noch mehrfacher Ursachen bedarf, die sich ihn: zugesellen müssen, um die Blüthe zu erwirken: er muß in fruchtbaren Boden gelegt werden, Sonnenschein, Regen und Luft empfangen u. s. w. Hieraus crgiebt sich, daß die Erkenntniß des Zweckes das Ding stets nur als Wirkung betrachtet, also als Späteres, und gerade ans die Erforschung der Ursachen, also des Früheren hinführt, weil eben die Wirkung uöthigt, die Ursachen zu erforschen und diese als mehrfache anffindet. Dies ist der Fall, mögen wir den Selbstzweck des Dinges betrachten, d. h. seine Beschaffenheit, Einrichtung und Zusammensetzung als Wirkung früherer Ursachen, oder uns ein Ding vorstellen, — hier die Blüthe und die Frucht — zu welchem das Ding als eine der Ursachen wirken werde; auch dann haben wir uns das Spätere als solches vorgestellt, und gehen von ihm auf das Frühere als Ursache zurück — hier den Samen. — Das Argument Spinoza's trifft also weder theoretisch noch factifch zu. Wenn wir vom Zweck des Samens, eine Blüthe hervorzubringen, sprechen, so stellen wir uns keineswegs den Samen später als die Blüthe vor. Wir stellen uns nur die Blüthe als schon vorhanden vor,- unv gehen von ihr aus den Samen als Ursache zurück. Ebenso theoretisch, denn der Zweck betrachtet nur die dereinstige Wirkung, also das Spätere. Das Zweite, was in den oben angeführten Worten Spinoza's liegt, ist, daß, wenn Gott um eines Zweckes willen die Dinge hervorgebracht hätte, das Spätere vollkonnnener sein müßte, nämlich das Bezweckte, als daS Frühere, das Verursachende, während doch Dasjenige, was von Gott unmittelbar hervorgcht, vollkommener sein muß, als was erst durch Mittel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.