Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1873)
- Date
- 1873-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 viS 2'/2 Bogen. Preis Viertellährig l Thlr. Inserate werden mit 2 2tgr. für die Petitzeite oder deren rikau», berechnet. Alle Buchhandlungen. Postämter und ZeitungS- Expeditionen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippsvn in Bonn. Verlag von Banmgärtner's Buchhaudlung in Leipzig. In rcdactioncllcn Angelegenheiten wende man sich .rn l»r. f. Pliilippso« in Beim; hinslchllich dcS Bezug» und der ttn'eratcan üaumiiiillnkr's Luchlinudlang inl'cipzig. ZnNrate, welche bis vonaer»- tag ei.igchcn. finden inderdaraufsolgmden lltumiucr Berücksichligung. 37. Jahrgang. Leipzig, dm 26. August >873. \? 35. Inhalt. Leitende Artikel: Die Lehre vom Zweck. IV. — Aus Rußland. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin. Leer, Bad Ems, Münster, Aus der Provinz Posen. — Ocstreichisch-ungarische Monarchie: Laxenburg, Lemberg. — 'Großbritannien: London. — Italien: Rom. — R eu - 2 ecland: Aus Ncn-Lccland. — Feuilleton: Eine KricgSscene und ihre Folgen. Ul. (Fortsetzung). — Vermischtes. Siedende Öl th lief. Bon ll, 20. August. Nie Lehre vom Zweck. IV. Nichts ist wahrer, als daß wir, um eine große Persönlichkeit, ihre Thaten und Werke richtig zu verstehen, eine genauere Kenntniß von den Zuständen und dem Geiste der Zeit, in welcher sie sich bildete und wirkte, haben müssen. Es ist Ties auch bei dem geistreichsten und selbstständigsten Denker der Fall. Erst eine treue und unisassende Vorstellung des Eultnrstandes, der vorherrschenden Allstchten und Geistcsrichtumzen wird uns den Schlüssel znill Berständuiß der Eigenthümlichkeiten auch an dem Manne der Wissenschaft und Philosophie geben. Dies ist der Werth, welchen eine gute Biographie hat, die, um gut zu sein, nicht unterläßt, uns auch ein Bild der Zeitgenossenschaft zu entwrtsrn. Wir gewahren Dies auch bei Spinoza und bei dessen Leugnung des Zweckbegrisses. So sehr diese auch eitle Wesenheit seines Systems ward, so stndet sie doch ihr rechtes Berständniß erst ans den damals herrschenden Ansichten und Borurcheilen. Wir bemerkten Dies bereits, als wir ansührten, daß Spinoza, indem er das Vorhandensein deö Zweckes in der Natur hauptsächlich bekänrpste, im Grunde das damalige Boruriheil, daß das Universum und Alles in ihm nur um des Menschen willen da sei, bestritt, waS in der Gegenwart daher von keiner Bedeutung tnchr ist, und als ein philosophisches Argument nicht mehr gelten kann. Nicht minder muß man sich vergegenwärtigen, in welcher Kitidheit die Naturwissenschaften zur Zeit Spinoza'S noch standen. Denn wenn auch KoperniknS, Galilei und Kepler ihm vorangegangen, so trat doch Newton erst gegen Ende von Spinoza'S Leben auf; fast ein Jahrhundert später ordnete Linnö das ungeheure Material der Naturhistorie, und öffnete Lavoisier die eigentlichen Pforten der Physik und Chemie. Es kann uns daher nicht überraschen, daß die Zeitgenossen Spinoza'S nicht sowohl in naturwissenschaftlicher, als noch in naturgeschichtlichcr Beziehung höchst unwiffend waren, und sich bei Betrachtung der natürlichen Dinge damit begnügten, im Einzelnen nach irgend einem sichtbaren Zweck zum Nutzen oder Schaden des Dinges selbst und deö Menschen zu fragen, und dann als Ursache den Willen Gottes, der es so geschaffen, hinznstellen. Auf das Erkennen eines solchen mehr oder weniger unwesentlichen Zweckes, und den Gedanken, daß der Wille Gottes es so geschaffen, beschränkte man sich. Der tiefblickende Geist Spinoza'S, der bereits selbst von den Erfolgen der damaligen Naturforschung durchdrungen war, erkannte, welch' ein Hindernis; für alle Naturerkenntniß durch diese Betrachtungsweise geschaffen werde; wie man auf diesem Wege das Wesen der Naturerscheinungen und die Ursachen derselben, die Art der Naturprccesse, wie sie vor sich gehen und wodurch sie herbeigcsührt werden, nicht zu erkennen vermöge, vielmebr darüber in zahllose Jrrthüiner verfalle. Dies ist es, waS seinen Zorn erregte, und waö ihm jede Art von Zweckbegriff als ein wahres Unglück für die Wissenschaft und