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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-08-19 · Heft 34 (19.8.1873) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 34 (19.8.1873)
Date
1873-08-19
Page
Seite 555 (sequence 9)
Language
German
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555 Laden hinausschiebt. Hier stürzt er mit dem Geschrei: „Der Jude hat mich todtgeschlagen!" zu Boden und heuchelt eine Ohnmacht. Sogleich sammelt sich ein Trupp Menschen, dringt in den Laden, mißhandelt den Besitzer und zerschlagt Alles. Vergebens beschwört sie der herbeigerusene Arzt, abzulassen, und versichert, der Verwundete sei nur ganz unerheblich verletzt. „Schlagt den Juden todt!" währt das Geschrei fort, und im Keller wird das ganze Lager demolirt, indem man die Fässer zerschlägt. Inzwischen sandte der Arzt einen Boten an den Bezirkshauptmaun nach Horovice,.und es erscheint ein Commissar mit vier Gensdarmcn noch eben zu rechter Zeit, als man des Kaufmanns Frau, nachdem sie aller Kleider beraubt worden, auf's Aergste mißhandelte, und der Ruf laut ward, sie aufzuhängen. Erst als Alles vorüber, kam der im Orte anwesende Ralhmaun aus seinem Hause hervor, die andern waren bei der Iungmannfeicr in Prag. Nun ist die Untersuchung eingeleitet. Allerdings haben die unaufhörlichen Hetzereien der Czechenführer viele Schuld an diesen Zuständen, am meisten aber muß man die Ursache dieser Rohheit in der Vernachlässigung der Volksbildung und in der Entsittlichung der Beamten finden, welche die Achtung und die Furcht vor dem Gesetze durch nachlässige Führung ihres Amtes, wenn nicht durch Verletzung desselben im Volke immer mehr schwinden lassen. Aus Ostgalizien, 3. August. Um die Lage der Juden in Galizien und ihr Benehmen in der jetzigen Wahlbewegung richtig zu verstehen, darf man nicht aus einem einseitigen Gesichtspunkte sie beurtheilen. Es geht dies aus folgender Zuschrift an die N. fr. Pr. hervor: „Man würde mit Recht den Juden Feigheit vorwerfen können, wenn sie sich auch jetzt „demüthig vor den Polen verkriechen und der Schlachta das Feld überlassen sollten"; aber feig ist nur derjenige, der, mit gleichen Waffen versehen, einem gleichen Gegner das Feld räumt und sich zurückzieht. Dies ist hier aber durchaus nicht, der Fall; die .Juden wurden nie in Galizien durch die von dem polnischen Pöbel angewendeten Mittel, wie Fenstereinschlagen, zurückgeschreckt; aber außer diesem Pöbel fanden die Juden stets im gegnerischen Lager einen viel mächtigeren Feind: die k. k. Beamten, die mit ganz anderen Waffen versehen sind, als mit Steinen und Knütteln, nämlich mit dem Rechte der Steuerbemessung, Sequestration und Pfändung, mit dem Anslegen der Vorschriften über Militärbefreiungen, mit der Ertheilung oder Verweigerung von Reisepässen, Erwerbsbefugnissen u. dgl. Kann man es nun beispielsweise einem Juden, der an der Spitze seiner Eultusgemcinde steht, verargen, wenn er dem direct oder indirect vou seinem k. k. Bezirkshauplmanne geäußerten Wunsche sich fügt, und der Aufforderung des jüdischen Centralwahlcomitvs, ein Subcomitö zu bilden, keine Folge giebt? Wer die Verhältnisse und die Vorgänge in Galizien mit unparteiischen Augen beobachtet, muß dem Mulh derjenigen Juden in Galizien, welche offen zur verfas-i sungstreuen Fahne halten und gegen so mächtige Feinde aufzutreten wagen, alle Anerkennung zollen. Daß die Juden am Ende ermüden und unterliegen müssen^ wenn die Negierung es nicht wenigstens dahin bringt, daß sich die k. k. Beamten den bevorstehenden Wahlen gegenüber passiv und neutral verhalten, das sieht Jeder voraus, der im Lande lebt und die Vorgänge aus eigener Anschauung kennt. Beinahe dasselbe Verhältniß und, wenn man es so nennen will, dieselbe Feigheit epistirt in den meisten Gemeinden mit überwiegend ruthenischer Bevölkerung. Auch diesen sind schon die k. k. Bezirkshauptleute vorgefetzt, welche jeder anti-national-pvlnischen Bewegung sofort mit ihrem ganzen Macht- und Unterdrück« ngsapparate entgegentreten. Die Mittel, welche dazu angewcnder werden, aufzuzählen, würde jedenfalls zu viel Raum.Ihres Blattes in Anspruch nehmen; aber hoffentlich wird doch mehr als ein verfassungstreuer Vertreter, aus Galizien in den künftigen Reichsrath gewählt werden und den Muth haben, das in Wien bis jetzt ganz ungekaunte Bild dieses Kronlanocs aufzurollen. Vorläufig ist es aber Pflicht der verfassungstreuen Presse, nicht nur. den Juden und Ruthenen in Galizien Muth einzuslößen und sie zu ermahnen, im Kampfe auszuhalten, sondern auch die Negierung unausgesetzt auf ihre Obliegenheit und Pflicht aufmerksam zu machen, die beiden reichstreuen Volksstämme Galiziens in Schutz zu nehmen, und . den k. k. Beamten die Befolgung der bestehenden Gesetze und Vorschriften nachdrücklichst zu empfehlen. Was bis jetzt in dieser Beziehung geschehen ist, läßt ein solches Vorgehen leider nicht erwarten." Dieselbe'Klage also aus Galizien, wie aus Böhmen und aus Rußland! Die unteren Beamten als die Quäler und Bedrücker der Juden — sicherlich noch ein Stück Mittelalter! Lemberg, 5. August. Was den Wunsch der Vertreter des Landescomites, der Herren Kabat und Madejski, anbelangt, dem Comitv positive Vorschläge zum Zwecke des Abschlusses eines Compromisses zu machen, beschloß das Eomitö der Juden nach längerer heftiger Debatte Folgendes: „DaS Eentralwahlcomite der Juden in Galizien setzt sich unter Wahrung des Rechtes seiner ferneren Wirksamkeit mit dem ostgalizischen Wahlcomite in Verbindung und stellt folgende Verständiguugspropositionen: l. daß in allen Wahlbezirken, wo jüdische Wähler eine namhafte Minorität bilden, nur liberale, gemäßigte und anti-föderalistische Candidaten vorgeschlagen werden; 2. daß wenigstens sechs jüdische Candidaten in Ostgalizien ausgestellt werden, deren Bezeichnung uns zusteht; 3. als Wahlorte werden vorgeschlagen: Lemberg, Brody, Kolomea, Stanislau, Tarnopol, Przemhsl und Sambor; jedoch wird hierüber, sowie über die Personen ein weiteres Einvernehiuen Vorbehalten." Wenn auch die Personenfrage bis jetzt öffentlich nicht angeregt wurde, so ist es doch kein Geheimnis;, daß das jüdische Eomitö folgende Candidaten empfehlen wird: l)r. Hönigsmann in Wien für Kolomea, außerdem die 34

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