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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-08-19 · Heft 34 (19.8.1873) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 34 (19.8.1873)
Date
1873-08-19
Page
Seite 551 (sequence 5)
Language
German
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Lehranstalt, wo man in der IV. Elaste (hiesige Quarta) mens«, declinirt, in der V. (Tertia» — die Addition algebraischer Großen lehrt, in der VII. (Prima) von der Geschichte kaum die historischen Hauptdaten bis auf Ludwig XIV. aufzählt, und mit diesem Monarchen den GymnasialcursuS der neuen und neuesten Geschichte beendet, (ich weiß nicht, ob auch in den anderen Gymnasien der nordwestlichen Gouvernements der Unterricht so schlaff und matt vor sich geht, wie in K., wir wollen aber hoffen, daß es nicht der Fall ist,. Gelingt es dem Juden, jene Hemmungen, die man ihm in den Weg legte, zu überwinden, d. h., wenn er wirklich sich im Besitz jenes ganzen AetcnarchivS befindet, so meldet er sich zum „Aufnahmeexamen". Daß er es meistentheils nicht besieht, braucht kaum gesagt zu werden; eS kommen sogar Fälle vor, und zwar sehr zahlreiche, daß gut unterrichtete und vorbereitete jüdische Knaben vom dortigen Jnspeetor den Bescheid erhalten, sie seien zumal zur I. (5lasse (Sexta» nicht fähig, d. h. znm Erlernen des Lesens und Schreibens. Ist aber der Jude doch mit den größten Anstrengungen in's Gymnasinrn eingedrungen, so beginnt für ihn eine neue Reihe von Schwierigkeiten. Bei dem Examen, sowie beim Rotiren der Prädieate wird zmneist auf die Abkunft gesehen, und wer Jude ist, der bekommt schlecht, obschon die jüdischen Schüler zu den fleißigsten und befähigtesten gehören. Tie meisten jüdischen Schüler des Gymnasiums zu K. vermögen es nicht bis zu den höheren Elasten, geschweige bis zum Ende des CurfuS zu bringen, da man sich ihrer von vornherein entledigt, sei es durch Relegation für nicht regelmäßige Entrichtung der Lehrgebühr, oder aber indem man sie nicht durch die verschiedene Examina hindurchkouunen läßt. Bor etwa Jahren befanden sich in einer höheren,?.<> Schüler enthaltenden Elaste kl Juden (welche Proportion gar nicht aussatten sollte, da die Stadt K. unter ihren 30,oim Einwohnern, 2„,0">» Inden zählt, mithin das Verhältnis; der jüdischen Be^ völkerung zur nichljüdischen wie 2 : X ist). Als aber der Bezirks curator Dieses in Erfahrung brachte, tnachte er dem Direktor des Gymnasiums seinen Unwillen ans das Stärkste bemerklich. Im nächsten Jahre waren jene 11 jüdischen Schüler auf 2 zusammengeschmolzen, die übrigen waren „freiwillig" ausgetreten.*) Bonden 120 jüdischen Schillern, welche das Gymnasium besuchen, beendet jährlich seit Ende der secksziger Jahren den EursuS durchschnittlich einer, was ausmacht, von den 8«) russischen Schülern aber beenden das Gymnasium durchschnittlich jährlich gegen f», was doch mehr als 7",„ beträgt. In einem der letzten Jahre reichten in K. etwa 1!', Juten Bittschriften wegen Aufnahme in's Gymnasium ein <die Meisten wollten damit nur das Erlernen der russischen Sprache bezwecken», von diesen wurden gegen 2<> ausgenommen, :» 5;urückgewiesen, meistentheils mit dem Bermerk, es seien keine *) Wir erinnern an daS im Talmud in gewissen Fällen ausgestellte Princip: r-.s-n nr im» ys-iD Bacanzen mehr da. (Daß die K.'sche jüdische Gemeinde eine gewiste Summe dem Gymnasium,'ohne dazu von der Negierung verpflichtet zu sein, zustießen läßt, ja auf ihre Kosten parallele Elasten errichten ließ, um nur ihren Glaubensgenossen mehr Platz zu machen, daß aber jene parallelen Elasten mit Russen und Polen angefüllt werden. — das Alles wollen wir jetzt unberührt lassen). Der Jude muß jährlich 10 Rubel für die Gymnasialkircke zahlen, welche zusammen mit dem Schulgeld entrichtet werden müssen , widrigenfalls die Relegation erfolgt, Rach einer Allerhöchsten Verordnung sind die Juden vom Bcsuck des Gymnasiums an jüdischen Feiertagen, sowie Sonnabenden befreit: die Lehrer wissen es aber so einzurichten, daß die Juden für das Wegbleibeu in jenen Stunden einem Tadel ausgesetzt werken. Unter den Schülern würde vielleicht Friede und Toleranz herrschen, wenn nicht die Behörden und die Lehrer allzu viele Beispiele vvn Intoleranz geben möchten. Ein Lehrer H. erlaubte sich die Frivolität, an einem Sonnabend, angesichts der ganzen Schule und den Inden gegenüber, sich über' jüdische Ritualien und Sonnabendsgebräuche in einer höchst eynnischen Weise lustig zu machen .... Es würde uns zu weit führen, wollten wir hier ein vollständiges Bild der Weise der Russisieirnng der Juden in K. geben. Die Zustände in allen nordwestlichen Gouvernements sind ebenso schlimm, wie wir sie in K. gesehen haben. Genug, die Juden werden beschimpft, gequält, geistig und materiell niedergedrückt, — und das Alles im Rainen des Gesetzes und — das Schlimmste dabei — im Rainen des Kaisers. An Hetzereien und närrischen Jmriguen, die wahrhaft an Kinderstreiche grenzen, lasten es selbstverständlich weder die einen noch eie anderen fehlen, und bemühen sich Freund und Feind, die Zustände womöglich immer dunkler zu machen, und „die Pest der Qesfentlichkeit" fern von sich zu halten; daß dabei die.Inden am Schlimmsten wegkommen, braucht kam» bemerkt zu werden. Wenn man aber „nach oben",-wie eS in der Provinz in Rußland heißt, Bericht abstatten, oder solchen in einem Regierungsblatt veröffentlichen muß, so heißt es kurzweg. die jüdische Bevölkerung benehme sich theilweise ganz apathisch gegen eie weblthnenden Bestrebungen der Regierung, die zu ihrer Ausbildung resp. Russisieiruiig führen sollen, theilweise aber sei daS größte Streben seitens der Inden bemerkbar, in ihrem früheren Zustande zu verharren, und nach wie vor einen statns in statu zu bilden. Mil solchen Redensarten wird jeder abgespeist, der, gleich der Eenlralregiernng von jenen StaatSdieneru Auskünfte über die fiidischen Zustände und deren Stellung im Generalgouvernement Wilna haben »vill. Run ist es gar kein Wunder, »venu die Regierung und zumal der Kaiser, indem sie fick, jene falsche Meinung, Tank der Unwissenheit und Gewistenslosigkeit ihrer Beamten, angeeignet haben, am Besten zu thnn glauben, wenn sie die Sache ohne Weiteres auf sich beruhen lasten. Betrachtet man dieser grausamen Verrückung gegenüber, die

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