Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1873)
- Date
- 1873-08-19
- Page
- Seite 549 (sequence 3)
- Language
- German
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549 einander vollständig bedingen, wo die Wirkung ganz und gar ans einer Ursache hervorgeh!, da ist das Verhältnis; ein nahes nnd vollständiges. Wo aber eine Wirkung durchaus nicht anS einer Ursache hervorgeh!, wo vielmehr die Wirkung durch den Zusammenstoß vieler Ursachen erzielt wird, und ein weiterer Pl'ecest zwischen der ersten Ursache und der Wirkung liegt, da ist daS Verhältnis; zwiscl'en jener Ursache und dieser Wirkung ein sehr entferntes, und der Inhalt der Wirkung kann mit dein Inhalte der ersten Ursache durchaus nicht identificirl werden. TieS sind also die beiden Momente, welckw zwischen dein Begehren und dem Zwecke liegen. Einerseits must auf das Begehren erst die Verstellung folgen, auf welche Weise das Begehren zu verwirklichen sei. Diese Vorstellung ist ein ganz anderer Äct, als das Begehren selbst; cS ist die Dhätigkeit des Verstandes und der Einbildungskraft. um einen Plan zu entwerfen, wie daS Ding oder die Handlung, welche daS Begehren will, beschaffen sein müsse, ltm das Begehren zu erfüllen; ferner die Erwägung der Mittel, die zur Ausführung dieses Planes erforderlich sink, sowie der Herbeischasfnng dieser Mittel. Zu diesem Aete verhält sich daS Begehren als erste Ursache. Wie er aber an sich schon etwas ganz Anderes ist als daS Begehren, so wird er auch meist auf daS Begehren selbst znrückwirken- und eS modifieiren, so daß die nunmehrige Beschaffenheit deS Begehrens zum Theil wieder Wirkung dieses AeteS der Vorstellung sein wird. Andererseits kommt es nun darauf an, ob diese Vorstellung des Planes und der stlr die Ausführung gewählten Mittel einentheilS 'die richtige war, anderentheilS diese letzten! auch beschafft werden können. ES liegt also hier sowohl die Möglichkeit vieler Irrthiüner vor, als auch, das; Plan und Mittel in der AnSführtlng sehr wesentlichen Modisieationcn unterworfen sind. HieratlS entspringt wieder mit Nvrhwendigkeit, daß in den bei weitem meisten Fällen die AuSführlmg dem verursachenden Begehren durchaus nicht, oder mit großen Verschiedenheiten entspricht. Ist nun das Ding oder die Handlung fertig, so fragen wir: wozu dient daß fertige Ding oder die vollendete Handlung? welches ist ihr Verhalten in ihrer Wirksamkeit? welches ist die sich verwirklichende Bestimmung des Dingeö oder der Handlung? mit einem Worte: welches ist der Zweck des vorhandenen Dinges oder der geschehenen Handlung? Jedermann sieht, das; hier nach der Beschaffenheit deS wirklichen (Gegenstandes nnd nach der daraus erfliestenden Wirkung desselben gefragt wird, nicht im (Geringsten aber nach der Bewegung der Seele, welche wir Begehren oder Willen nennen. Dies leuchtet um so mehr ein. und wird uns vollends zur Ueberzengnng, wenn wir bemerken, dast es zwei ganz verschiedene fragen giebt, nämlich: l> entspricht daS Ding oder eie Handlung dem darin verwirklichten Zwecke? und 2) entspricht daS Ding oder die Handlung dem ursächlichen Begehren? Die ersterc Frage will wissen, ob die Einrichtungen des Tinges im Einzelnen dem Zwecke reS Ganzen entsprechen, ob sie zweckmäßig sind, um den Zweck des Ganzen im Einzelnen nicht zu behindern, zu erschweren oder abztischwächen. Die zweite Frage will dagegen wissen, ob daS vollendete Ding, die vollendete Handlung auch dem ursächlichen Begehren, dem zu Grunde liegenden Willen entspticht, ob daS Begehren erfüllt ist oder nicht? Für diese Frage wird die Antwort in den bei weitem nteisten Fällen die größten Berschiedenheiten bieten, und das Ding oder die Handlung kann sehr zweckmäßig, dem Zwecke völlig entsprechend sein, während das ursächliche Begehren, der begründende Wille gar nicht befriedigt, ja völlig verfehlt worden ist. In tausend Fällen wird sich-der Zweck des Dingeö oder der Handlung als etwas ganz Anderes als das Begehren, die endliche Wirkung als die erste Ursache Herausstellen, weil eben zu jener eine Menge ganz anderer Ursachen sich hinzngesellten. Die Erkenntniß des Zweckes ist eine ganz andere, als die Erkenntnis; des Begehrens, der Zweck etwas ganz Anderes als das Begehren; jener belrisst die Wirklichkeit deS Dingeö oder der Handlung, dieses die erste Absicht, die geistige Bewegung, welche den Anstoß gegeben hat. Fragen wir nach dem Begehren als Ursache, so haben wir den Zweck noch durchaus nicht erkannt; fragen wir nach dem Zwecke, so haben wir noch keinen Ausschluß über das Begehren. Die einseitige' Frage nach dem einen oder dem andern läßt die Erkenntnis; deS Ganzen unvollständig. Zweck und Begehren sind also ganz verschiedene Dinge, nnd der Zweck so gesondert vorhanden von dem Begehren, wie das Ding selbst von dem, nrsächlichen Willen. Wir glauben hiernach erwiesen zu haben, daß Zweck und Begehren im menschlichen Handeln durchaus nicht identisch, sondern in ihrem eigensten Wesen ganz verschieden sind, hiermit aber auch der Zweck im menschlichen Handeln vorhanden ist und nicht geleugnet werden kann. Die Verwechselung von-Wirkung und Ursache bei Spinoza ist hier offenbar und um so ausfälliger, als die Wirkung ans eine Ursache znrückgesührt wird, während sie das Product vieler zusamiuenwirkender Ursachen ist. Äns Kufllmib. Berlin, .'t. A n g n st. Die „Aationalzeilnng" vom 23. v. M. brachte einen Artikel über die jüngste Judenverfolgung in Rußland, nämlich über die Vertreibung rer Juden aus si i e w. Derselbe enthält für die sogenannte jütische Frage in Rußland eine ganz neue und sehr richtige Betrachtungsweise, die, dort nur kilrz angedeutet, in dieser Zeitung eine ausführliche.Besprechung verdient. Es herrschte nämlich bis jetzt die Reignng oder vielmehr die Gewohnheit, die ganze Schuld der in letzter Zeit oft auftretenden Iudenverselgnngen in Rußland unmittelbar ans die dortige Regierung, im Allgemeinen zu werfen, worunter nicht selten 34*