Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1873)
- Date
- 1873-08-12
- Page
- Seite 542 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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542 strahlten, Lheils mit Weinreben bepflanzten, theils von prächtigem Laubwalde gekrönten Höhen aufs Freundlichste an, und schauten neugierig auf die reinlichen Straßen und den hübschen Markt hernieder, an welchem das Wirthshaus dem interessanten mittelalterlichen Nathhause gegenüber stand. Dabei wandte sich mein Blick nach Westen weit in ein liebliches Thal, durch. das sich das Silberband eiuev Flüßchens zog, und welches überall mit Baumgruppen, zierlichen Häusern, Feldern und Weinbergen bedeckt war. Ich beschloß, den Vormittag hier zu verweilen, um mir das Städtchen und seine Umgebungen näher anzusehen. Wenn man dem wüsten Treiben und Gewühl einer Großstadt und der in ihr herrschenden erschlaffenden Sommerhitze eben entflohen ist, hat eine solche kleine deutsche Stadt einen unendlichen Nei;, vorausgesetzt, daß sie nicht armselig erscheint, sondern, wie hier, in einer glücklichen Lage, in der Mitte mäßiger Berge, eingebettet von allen Seiten in ein prächtiges Grün, überall von den guten Verhältnisien der fleißigen Bewohner zeugend. Jndeß ich will es nur verrathen, ich hatte noch einen Nebengrund. Zu meinem Verdruß hatte ich Abends beinern, daß ich eine während der Nacht für einen altern Mann unentbehrliche Bedeckung des Hauptes vergessen oder verloren hatte. Es ist.eigenthümlich, daß man so ungern von einer „Nachtmütze" spricht/obschon sie doch ganz unschuldiger Natur ist. Da ich nun eben deshalb, bei meinen Freunden nicht gleich mit diesein Bedürfnisse vorrücken wollte, beschloß ich, dasselbe wo möglich, in diesem Städtchen zu befriedigen. Fürwahr, kleine Ursachen, große Wirkungen. Würde ich diesen Entschluß nicht gefaßt haben, hätte ich den freundlichen Lesern heute nichts zu erzählen. In dieser Absicht durchwanderte ich die Straßen des Städtchens, und stieß hier auf ein Schild, das die Worte lesen ließ: „Waarenhandlung von Moritz Veit". Nasch öffnete ich die Thüre des Ladens und trat hinein. Es war einer jener altmodischen niedrigen, aber geräumigen und sehr sauber gehaltenen Läden, in welchen die Bevölkerung eines Städtchens und des Landes gern verweilt. Sie glauben da mit den Preisen der Maaren nicht zugleich die großen Spiegelscheiben, die Mahagonittfche uno die Goldleisten bezahlen zu müssen. Hinter dem Berkanfstisch stand ein noch junger Mann, von hoher kräftiger Statur, mit dichtem Schnauzbarl, dem man die militärische Art in Haltung und Bewegung leicht absah, die ihm als Kaufmann just nicht sehr zu statten kommen mochte. Er kramte unter einem Haufen Waaren, die er zurecht und wegzulegen schien. Ich redete ihn an, und fragte nach dem oben benannten Gegenstände. „Eine Nachtmütze, mein Herr? Ja, die haben wir. Ich will sie gleich holen/, — Mit diesem „gleich" halte es aber gute Wege. Er sing an zu suchen, hob bald diese, bald jene Waare aus den Fächern, öffnete Schubladen und warf sie verdrießlich zu. Er fand nicht, was er suchte, und schien nicht sehr bewandert zu fein in seinem eigenen.Geschähe. Alsbald wandle er sich nach einer halbossenen Thüre und rief: „ckuliette, Juliette, venez donc, je ne peux pas trouver Ies bonnets de nuit." Ich war überrascht, in dem pfälzischen Landstädtchen einen ehrsamen Kaufmann französisch rufen zu hören, und doch verriethen seine Worte und seine Aussprache, daß er weder ein geborener, noch ein gewandter Franzose sei. Doch mußte die Gerufene von dieser Nation sein, denn, was er in das Hintere Zimmer hineinrief, war kein Gcheimniß; daß er die Nachtmützen nicht finden könne, hatte ich genugsam schon bemerkt. Rasch genug schlüpfte jetzt eine kleine zierliche, sehr hübsche Frau in den Laden. Sie war eine Blondine, und nur die zart gekrümmte Nase und die etwas mandelförmig geschlitzten feurigen Augen verriethen die Race, deren Gepräge der Mann trotz seines ebenmäßigen Gesichtes viel stärker an sich trug. Sie schlug mit einer leichten Handbewegung dem Manne auf die Schulter, und sprach scherzend: „Oh, mon pctit onrs allemand, tu ne sais rien trouver! Eine Nachtmütze wünschen Sie, mein Herr? Eine weiße oder farbige? Sie sollen sie gleich haben!" Diese deutschen Worte wurden völlig mit französischem Accent und jehr verstümmelt ausgesprochen, was aber aus dem niedlichen Munde der Französin überaus anmuthig klang. Ich holte daher sofort mein bestes, gewandtestes Französisch hervor, 'und das Gesicht der jungen Frau, überrascht, ihre Muttersprache zu hören, strahlte vor Vergnügen auf. Ein Strom von Bcredtsamkeit entfloß ihren Lippen, daß ich sie für eine Pariserin hätte halten mögen. Dies hatte sie aber auch nicht gehindert, zu einem fernen Schubfach zu eilen, die gewünschten Nachtmützen hervorzuholen und zierlich vor mir auszubreiten. Ich wählte, fragte nach dem Preise und zahlte. Aber die Unterhaltung war eingeleitet, und das Weibchen sorgte dafür, daß sie eine längere Zeit im Gange blieb. Auch der Mann schien sich daran zu erfreuen und mischte halb französisch, halb deutsch seine Floskeln hinein. Ich sagte unter Andern:: „Ich freue und wundere mich, mitten in unserer guten deutschen Pfalz eine Französin zu finden. Gehören Sie denn dem neucrworbenen Ncichslande an, oder sind Sie, entschuldigen Sie meine Frage, eine Nationalfranzösin? Dann wäre eS mir fraglich, ob Sie als Kriegsgefangene hicrhergeführr, und von diesem grausamen Manne nicht wieder freigegeben worden sind, oder ob Sic sich als siegreicher Vorposten deS zukünftigen Nevancheheeres niedergelassen und dieses Städtchen occnpirt haben? Als guter Deutscher interefsirt mich Dies sehr, wie Sie denken können." Auf diese lächelnd gesprochenen Worte erwiederte die Französin, indem sie ihren Mann freundlich anblickte: „Ich möchte doch wohl eher das letztere behaupten, ohne darum Ihnen, mein Herr, Befergniß für Ihr Deutschland einflößen zu wollen. Und doch wäre es wohl richtiger zu sagen, daß dieser mein braver deutscher Bär in Frankreich so gut wie gefangen war, und ich Mitleid mit ihm hatte und ihm deshalb hierher folgte."