Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1873)
- Date
- 1873-08-12
- Page
- Seite 536 (sequence 6)
- Language
- German
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536 aber behandelt sie deutsche Juden als „Juden", und nicht als Angehörige des deutschen Reiches? Die Päsie, welche den deutschen Reichsangehörigen von der heimathlichen Regierung ausgestellt werden, lauten ganz einfach auf den Inhaber in seiner Eigenschaft als deutscher Unterthan, .'ohne Angabe irgend einer Religion. Auf Grund eines solchen Paffes, der für die russische Regierung als alleinige Legitimation gültig ist, kann zweifellos das Recht hergeleitet werden, daß der Inhaber ohne Rücksicht auf seine Religion, lediglich als Deutscher behandelt wird. Die in Rußland wohnenden deutschen Juten sind ängstlich besorgt, ihre Religion zu verheimlichen, denn wenn sie der Regierung als Juden denuncirt werden, so ergeht sofort ein Ausweiftmgsdecret, welches ihre Ausweisung binnen vierundzwanzig Stunden anordnet. Der kurze Termin raubt auch die Möglichkeit, durch den deutschen Botschafter den Beschwerdeweg cinzuschlagen. Wird das alte Gesetz im Allgemeinen auch.in der Praxis milder gebandhabt, so ist doch daS Bestehen desselben und die Möglichkeit, nach dem Buchstaben behandelt zu-werden, nicht geeignet, in ren davon Betroffenen ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit auskommen zu lassen. Wie ein Damoklesschwert schwebt die Ausweisung über dem Haupte aller deutscher Inden, welche nicht eine besondere Aufenthaltserlaubniß vom russischen Justizminister haben; deren aber-giebt es nur sehr wenige. Für deutsche Reichsangehörige, deren Bewußtsein durch die Macht des Vaterlandes so gehoben worden, ist es fürwahr kein angenehmes Gefühl, sich einer fremden Regierung gegenüber, in einer solchen gedrückten Lage zu befinden, und es wäre wohl zu wünschen, daß die deutsche ReichSrcgierung, welche ja sonst stets bereit ist. die Interessen der Deutschen im Auslaute wahrzunehmen, durch ihren Botschafter in Petersburg dahin wirke, daß das erwähnte Gesetz auf Deutsche keine Anwendung mehr findet. Siegburg (Jtheinprovinz'l, 3. August. (Privatmitth). Was die schwarze Internationale will, das 'ist wohl hinlänglich bekannt. Welche Mittel dieselbe jedoch gebraucht, um die ländliche Bevölkerung in Aufregung zu bringen, und wo möglich eine Judenhetze hervorzurufen, kann man auch aus einem hier unter der Redaction eines kathol. Bicars erscheinenden Schmutzblatte:-„Allg. Volkszeitung" ersehen. Das in diesem Blatte empfohlene, bekannte Büchlein „der Talmudjude" wird in neuester Zeit massenhaft durch katholische Geistliche in Siegburg verbreitet. Judeffen geben alle diese Bemühungen des ultramontanen Clerus unv seiner Anhänger zu Besorgniffen uns nicht die mindeste Beranlaffung, denn Bismarck und Falk sind Gott sei Dank noch kerngesund, und hauptsächlich vertrauen wir dem so oft bewährten z^z" atV nzn. Bürger. (Bekanntlich sind gegen die angeführte Schmähschrift gründliche Widerlegungen, besonders von Dr. Krön er, erschienen, in welchen nachgewiesen ist, daß in jenem Libell mit geringer Ausnahme, nur falsche und verstümmelte Talmudstellen citirt werden. Jnreß ebenso bekannt ist eS, daß die Ultramontanen auf solche Widerlegungen gar nicht achten, sondern mit ihren lügenhaften Behauptungen fortfahren, weil es ihnen nicht nur Wahrheit und religiös-sittliche Besserung des Volkes, sondern nur um Verbreitung von Haß und Verachtung und ihre, auf diese gestützte Herrschaft zu thun ist. Redact.) Aus der Provinz Posen, Ende Juli. Die „P. Ztg." bringt unter der Ueberschrift: „Verwaltung der thorncr jüdischen Gemeinde" Folgendes: Ein erfreuliches Beispiel, wie viel auck bei mäßigen Kräften und Mitteln durch Umsicht und Consequenz in der Gestaltung socialer Verhältnisse geleistet werden kann, bietet die hiesige jüdische. Gemeinde, welche im Jahre lS72 nur 212 beitragzahlende Mitglieder hatte, und trotz dieser nicht erheblichen Zahl doch in ihrer inneren Organisation und Entwickelung weiter fortgeschritten und besser sitnirt ist, als viele zahlreichere und vermögendere Judengemeinden. Den Beweis dieser Behauptung giebt der zwei Druckbogen starke Bericht, welchen der Vorstand der hiesigen Gemeinde über seine Thärigkeit und den Zustand der Gemeinde im Jahre 1572 veröffentlicht hat. Nach diesem Jahresbericht betragen die unter 7 verschiedenen Titeln aufgeführten Einnahmen der Gemeinde in Summa 6006 Thlr., die Ausgaben beliefen sich in 8 einzelnen Posten im Ganzen auf 5-17 0 Thlr, wovon nicht nur, mit Hülfe eines Zuschusses aus der städtischen Armeucasse von 21-1 Thlrn., die Gemeinde alle ihr angehörigen Armen unterstützt, sondern auch ihre Collecteubeamten vollständig honorirt, eine Religionsnud eine Elementarschule unterhält, an welcher 1 Rabbiner und 5 Lehrer unterrichten. Oestreichisch-nllgarischk Monarchie. Alls Galizien, 3. August. (Privatrnitth.) Das meiste Interesse zieht jetzt wohl die Wahlbewegung in Galizien, und der Constict zwischen der polnischen Bevölkerung einerseits und der jüdischen und ruthenischen andererseits auf sich. Wie 'unsere Leser wissen, findet dabei eine Spaltung innerhalb der Juden Galiziens selbst statt; doch zeigt es sich bis jetzt, daß es nur ein geringerer Bruchtheil ist, der mit dem Vorstände der krakauer Judengemeinde, d. h. mit den Polen geht. Bis jetzt haben wir nur aus der Stadt Grodek gehört, daß die dortigen Juden sich den Polen angcschlosien. Dagegen telegraphirt man aus Brzezan: „Heute constituirte sich hier, conform dem Lembcrger israelitischen Centralwahlcomite, ein israelitisches verfassungstreues Localwahlcomitö." Die N. fr. Pr. vom 1. August enthält einen gutgeschriebenen Leitartikel über kiesen Gegenstand. Derselbe führt zuerst aus, auf Daten gestützt, wie die Polen bis jetzt nur auf die Unterdrückung der andern Nationalitäten in Galizien ausgegangen