Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1873)
- Date
- 1873-08-12
- Page
- Seite 535 (sequence 5)
- Language
- German
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unseres Stadtralhes resp. deS daraus hervorgegangenen Theater-. comites diese beiden Opern 'als nicht opportun in heuriger Zeit! von der Regie unserer Bühne verschwinden: ein schöneres Testimonium könnten sich unsere Römlinge gewiß nicht ausstellen." — So weit die „K. Z." Wir müssen hinzufügen, daß es doch wundersam klingt, die Darstellung der Bartholomäusnacht und eines Scheiterhaufens, auf dem Juden verbrannt werden, als Ungerechtigkeiten gegen die Katholiken ausschreien zu hören. Die jetzigen Katholiken sind in ihrer unermeßlichen Mehrheit weit entfernt, dergleichen Gräuel zu üben, und geschichtliche Thatsachen sind nicht angethan, ihnen einen Borwurf zu machen, so wenig, wie man den jetzigen Römern verwerfen wird, daß ihre Borfahren viele Metzeleien und Plünderungen unter den Völkern des Alterthums angerichtel haben. Halevy und Meyerbecr zu beschuldigen, Absichten gegen die Katholiken, die doch (in Paris) die eigentliche Masse ihrer Zuhörer auSmachlen, gehabt zu haben, wenn sie die ihnen von christlichen Librettisten rargebetenen Texte in Musik setzten, ist ein Wahnwitz rer heutigen Ultramontanen, wenn nicht eben auch, einer der Kniffe, um Jedem etwas anzuhängen, der nicht zu ihnen gehört. Berlin, 30. Juli. (Privaunitth.) Tie Mittheilungen Ihrer vorigen Nummer über das in Pest zu errichtende Rabbinerseminar haben hier wenig Befriedigung hervergerufen. Während in Preußen für die Theologen sammtlichcr Confessionen — die jüdischen übergeht man, wahrscheinlich weil sie in keiner Beziehung staatsgefährlich erscheinen, — das Studium auf einer Universitär und eine wissenschaftliche Prüfung vorgeschricben werden, will man in Ungarn aus einer RabbinerbildungSanstalt eine engherzige, einseitige Schule machen, in welcher Alles nach einem rubricirten Schema getrieben wirr; man kann nicht sagen, daß man auf die Erfolge einer solchen Anstalt große Hoffnungen setzt. Die alte jüdische Orthodoxie wußte von solcher paragraphenmäßigcn Einschnürung nichts, und befand sich sehr wohl dabei. Es war dem Schüler frei gestellt, bald zu diesem, bald zu jener» großen Lehrer zu ziehen, und zu dessen Füßen zu sitzen; es war kein so und so vieljähriger EursuS festgeftellt, den er durchzumachen hatte, nicht so und so viele Abschnitte rurchzugehen vorgeschrieben, sondern es hing von den Resultaten seiner Studien ab, die Rabbinerwürde von dieser oder jener, oder mehreren Autoritäten bezeugt zu erhalten, und die freie Entfaltung seines Geistes war nickst durch Schulpedanterie eingeengt. Jetzt nun an die Stelle der alten Einrichtungen, denen die Welt eine Anzahl der tüchtigsten Rabbiner nach den Verhältnissen jener Zeit verdankte, eine einseitige und beschränkende Schule fetzen zu wollen, macht dem Geiste unserer Zeit keine Ehre, oder vielmehr widerspricht diesem gänzlich. Wir wissen sehr wohl, daß die wissenschaftliche Methode allein im Stande ist, den ungeheuren Umfang des heute für einen Rabbiner erforderlichen Wissens zu bewältigen, und die durch die Beschränkung auf das talmudischrabbinische Wissen hervergebrachte Stärke in diesem zu ersetzen. Allein wissenschaftliche Methode und beschränkender Schulzwang sind zwei, sehr verschiedene Dinge, und der Letztere vermag der Erstern alle Wirksamkeit zu nehmen. Mögen daher unsere maßgebenden Glaubensgenossen in Ungarn ernstlich erwägen, welche Gestalt sie der ob er n Abtheilung ihres neuen Rabbinerseminars geben. Denn Sie, Herr Redaeteur, unterscheiden mit Recht in Ihrem Expose zwischen der untern Abtheilnng, welche einem Gymnasium, und der ober«, welche einer theologischen Facultät gleichsteht. Dieser Gedanke muß die desfallsigen Einrichtungen beherrschen, oder es wäre ein neues Nebel statt des bisherigen geschaffen. — Hier ist es jetzt, wie in jedem Sommer im jüdischen Leben still. Einen tiefen Eindruck macht die noch immer wachsende Calamität in den finanziellen Kreisen. Es droht an hiesigem Platze gegenwärtig mehr Einsturz, als im Anfänge der Krise. Es offenbart sich dabei, und möge man sich Dies zur Lehre nehmen, daß die eigentlichen industriellen Anstalten auf guter Basis ruhen, und nur in's Unglück hineingezogen werden, wenn sich ihre Besitzer mit deren Ertrage nicht begnügten, sondern auch unter die Gründer zogen. Selbstverständlich sind die unübersehbaren Verluste sehr zu bedauern, und wie Staat und Stadt, so wird auch der Etat der jüdischen Gemeinde große Nachtheile davon verspüren. Bon moralischer und socialer Seite dagegen darf man das Ereigniß nicht beklagen. Die Geldaristokratie, ihre fast brutale Anmaßung und ihr entsittlichender Geist hatten bereits eine Höhe erreicht, daß die ehrliche Arbeit und noch mehr der Werth der Geistesbildung und der Wissenschaft, das Verdienst der pflichtgetreuen bürgerlichen Thätigkeit darunter litten, und völlig in den Hintergrund gedrängt wurden. Prunk und Genußsucht waren überall vorherrschend, und das gefüllte Portemonnaie machte den Anspruch auf jedweden Vorsitz. Dem ist jetzt noch zur rechten Zeit eie Spitze abgebrochen, :rnd die auswachsende Generation muß sich gewöhnen, wieder in die früheren Bahnen einzulenken, und durch Fleiß, Sparsamkeit, Pflichttreue und Geist sich empor zu arbeiten. Berlin, im Juli. Tie „Weser Zeitung" läßt sich von hier Nachstehendes berichten: Tie wer Kurzem erfolgte Austreibung.der Juden aus Kiew hat deutschen Blättern zu allerlei Betrachtungen Anlaß gegeben, welche, an sich durchaus richtig, doch einen Punkt außer Acht ließen, welcher in deutschem Interesse besonders hervorgehoben zu werden verdient. Das veraltete Gesetz nämlich, welches den Aufenthalt der Juden auf gewisse Theile des russischen Reiches beschränkt, und denselben in den Hauptstädten von besonderer Erlaubniß abhängig macht, wird nicht bloö aus russische Unterthanen angcwendet, sondern auch auf Israeliten, welche Angehörige anderer Staaten sind, und unter diesen genießen namentlich die Deutschen einer unliebsamen Bevorzugung. Wenn die russische Regierung ihren jüdischen Unterthanen nicht dieselben Rechte, wie den übrigen Staatsbürgern einräumen will, so kann ihr Niemand darüber Vorschriften machen; mit welchem Rechte