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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-08-12 · Heft 33 (12.8.1873) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 33 (12.8.1873)
Date
1873-08-12
Page
Seite 537 (sequence 7)
Language
German
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537 sind, und die Vertretung der Juden und der Rulhenen int Reichs-; rache verhindert haben. 'Nicht Len Rechten der Polen wolle und1 dürfe man entgegeiureten, wohl aber dem Streben der Polen,! den" andern Nationalitäten ihre Rechte zu verkümmern. Er^ fährt fort: j „Je befriedigter wir daher über die Acnon der Juden sind, > welche von dem richtigen Versiändniß der Wahlbewegung für de-! ren Rechtssphäre Zeugniß ablegt, desto mehr muß es uns Le-! fremden, wie allerdings nur vereinzelte, aber Loch nicht zu igno-! rirende Fälle Vorkommen, daß Judengemeinden sich der Wahl-, action des Lemberger Centralwahleomitös nicht anfchließcn, ja! mit einer gewissen Scheu derselben aus rem Wege gehen. Tiefe! Erscheinung ist nur eine praktische Wiederholung des Ersahrungs-! satzes, ras; lange Unterdrückung feige macht. Man sieht es die-i die Reformation des sechszehnten Jahrhunderts keinen Beden gefunden, denn auch in Frankreich schmolzen deren Anhänger durch die Hugenottenkriege und die Aufhebung res Ediktes von Nantes zu einer verhälrnißmäßig geringen Anzahl. Gerade in diesen Ländern aber, in Belgien und Frankreich, in Spanien und Italien, ergiebt sich in unserer Zeit die Erscheinung, daß die Bevölkerung derselben sich in religiöser Beziehung in zwei extreme Parteien völlig spaltete, in die der unbedingten Anhänger der alten Kirche mit dem ganzen Apparate von Dogmen und Formen, den riese geschaffen hat, und in die Partei der Religionsfeinde. der maßlosen Gegner aller positiven Religion, aller religiösen Ueberzeugung. 'Während aus dem gegenwärtigen Frankreich täglich die Beispiele der übertriebensten Kirchlichteil kommen, sendet dasselbe Land zugleich die Aeußerungeu das entschiekeusten sen abwehrenten Erklärungen an, daß sie unter der Furcht vor eingeschlagenen Fensterscheiben und Gewaltthatcn abgegeben werden; es zittert ans denselben eie Äugst vor dem 'Nächstkommenden, wenn die fernher winkenden Rechte erstrebt würden; sie tragen den Stempel ängstlicher Scheu, in den Kampf für Rechte cinzntrelen, deren Werth durch die .urnnittelbare Gefahr weit überwogen wird." Dann schließt er: „Ter Polonismus sinder innerhalb berechtigter Grenzen gewiß die ihm gebührende Anerkennung im Centrum des Reiches; sein Uebermuth, seine Mißachtung der beiden anderen 'Nationalitäten des Landes aber muß seine Stellung daselbst nethwendigerweise schwächen. Den Juden Galiziens möchten wir begreiflich machen, daß jetzt der Augenblick gekommen ist,;um Schutze ihrer Rechte und Interessen selbstthätig einzugreifen. Je energischer und concentrirter sie vergehen, um so sicherer werten sie sich vor Täuschung bewahren. Das Gleiche gilt ,,von den Nutheuen. Es sollen nur Vertreter der deutschen Juden und der Rulhenen ans dem Kronlande Galizien in tüchtiger Anzahl im Rcichsraihe eintresfen und sich nachdrücklich zur Verfassung bekennen: sie werden selbst über die praktische Macht staunen, welche einem solchen Auftreten innewohnt. Würden sie aber jetzt feige Zurückbleiben, und der Schlachta ftas Feld überlassen, oder würden sie zu Compromissen ihre Zuflucht nehmen, in welchen sie jedenfalls übervorrheilt werden, da ihnen die aus denr Centrum zu schöpfende Kraft entzogen würde: dann würde nicht so bald wieder . eine Gelegenheit kommen, eine Stellung gegenüber dem Polonismus zu erringen. Nur waS im Neichöralhe kraftvoll erscheinen wird, kann Anspruch auf Geltung machen. Verkriechen sich die Herren jetzt demüthig vor den Polen, dann werden sie gewiß denselben überantwortet bleiben. Sie mögen erwägen, wofür sie sich entscheiden!" Frankreich. Paris, l. August. (Privatmitth.) In allen Staaten der romanischen, oder, wie man auch sagt, der lateinischen Rare, hat antireligiösen Fanatismus hinaus. Ja, Fanatismus ist cs auf beiden Seilen, und jede Stimme vernünftiger tind billiger Betrachtung, gründlicher Forschung und tiefernster Ueberzeugung schweigt. Diesem Treiben zur Hülse kommt nun die vorherrschende Tendenz der französischen 'Nation, glänzet,de Phrasen zu schmieden, und mit diesen die innere Hohlheit zu verdecken, und das Volk zu blenden. Wir glauben, daß der Schlüssel zu dieser in allen den genannten Ländern sich wiederholenden Erscheinung darin liegt, daß cie Reformation keine Wurzel in ihnen schlug, denn durch diese wurde eben rer Geist gründlicher Untersuchung, tief gehender vernünftiger Ueberzeugung und der Abkühlung des Fanatismus getragen und gepflegt. Freilich ist dies nur eine historische Erklärung; denn man wird nun zu der Frage kommen, aus welchen Gründen bei diesen Völkern die Reformation keinen Boden fand? Denn gerade in religiösen Dingen hat die Einwirkung der jeweiligen Machthaber und' der Verfassung des betrefsenden Stabes ihre Grenzen, und mehr als die geschichtlichen Verhältnisse übt der Nanonalcharakter einen entscheidenden Einfluß. Zu einem der bedeutendsten Führer der antireligiösen Partei hat sich bekanntlich Ernst Renan gemacht, der mit jeder Schrift, die.er veröffentlicht, sich mehr zu Haß und Verachtung der bestellenden Religionen hcrckusstachelt. Sicherlich werden Sie auf sein neuestes Werk „l’Aiitecliuist“ näher ei «gehen. Ich hebe nur die Phrase hervor: „Tie Gewissensfreiheit mußte auf die Lange aus dem römischen Rechte hervorgehen, während sie niemals aus dem Judenthnme hervorgegaugen ist. Ans dem Judenthun,e konnte nur die Synagoge oder die Kirche hervorgehen." — Mit dieser Phrase will der romanisirende Kritiker die Sache abgerhan haben. Es würde ihm aber sehr schwer fallen, wenn er daS wirkliche Hervorgehen rer Gewissensfreiheit aus dem römischen Rechte Nachweisen sollte! Alle großen geschichtlichen Erscheinungen stehen unter dem Gesetze der Zeit und der in dieser herrschenden Geistcsrichumg; sie sind Erzeugnisse der Entwickerungsstufe, auf welcher der betreffende Theil der Menschheit stand und steht. So bildete sich das römische Recht, das in

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