Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-07-29 · Heft 31 (29.7.1873) · p. Seite 509

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 31 (29.7.1873)
Date
1873-07-29
Page
Seite 509 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226906-3226938--31848-3254788
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

509 diesen gesehen habe, sah ich sie doch Alle, und es ist sehr gleichgültig, wie viel Tausende Nachfolgen, und das Schlimmste ist, daß in jedem Lande man mir mehr davon zeigen will, als in dem, das ich eben verlaffen habe. Und doch hast Du mir gesagt, daß sie mit all ihren zahllosen Soldaten bis jetzt Nichts ausgerichtet haben. Wie sie da sind, die Russen, die Preußen, die Franzosen, die Oestrcicher, haben alle nach einander gesiegt und sind besiegt worden, weshalb Keiner über den Anderen herrschen kann. Wozu haben sie also ihre großen Heere, und verschwenden daraus alle ihre großen Einnahmen, daß die Völker darunter seufzen und die Herrscher Nichts davon haben, keine Schätze wie wir, sondern nur Schulden, und vermögen auf die Länge doch Nichts wider einander. Was das Curioseste dabei, ist, daß sie mit ihren Soldaten nicht einmal ihr eigenes Volk im Zaume hallen können. Denn wie Du mir erzählt hast, haben diese ruhmredigen Franzosen, deren Herrscher überall das große Wort führen wollen, ihren Königen entweder den Kopf abgeschlagen, oder sie außer Landes getrieben. Ja noch mehr, sie tonnen nicht einmal dem Volke gebieten, was sie wollen, sondern das Volk wählt Nathgeber, ohne deren Zustimmungen sie Nichts thun dürfen. Nun frage ich Dich, wozu kleiden und ernähren sie so zahllose Soldaten?" „Wenn der große Beherrscher der Sonne, mit dem unermeßlichen Scharfblicke seines Geistes Dies nicht aufsindet, so vermag ich, sein untcrthänigster Knecht, auch keine Antwort zu geben." „Ich habe darüber nachgedacht, und sinde, daß ihre Thorheit noch größer ist. Sie haben befohlen, daß das ganze Volk lesen und schreiben lernen soll, was bei uns doch nur Wenige können, und auch die Soldaten sollen es lernen, da dünken sich nun Alle weise genug, um selbst zu herrschen, oder doch wenigstens darein zu reden. Wer sie regiert, den feinden sie an, weil sie selbst an dessen Stelle sein wollen; so wird das Volk widerspenstig und die Soldaten gehorchen nicht. Bei der Sonne, da wollen sie noch, daß wir ihrem Beispiele folgen sotten. Wenn ich zurückgekehrt bin, so soll Jedem in meinem Lande der Kopf abgeschlagen werden, der lesen und schreiben kann, außer den Wenigen, denen ich die Erlaubuiß dazu gebe. Hörst Tu, merke Dir das." „Tein Wille geschehe, König der Könige. Wir, auf unserem Angesichte liegend, werden Deine Befehle ausführen. Aber sieh, weisester der Herrscher, Einige von Deinen Sklaven haben durch diese Kunst Deinem Lande großen Ruhm geschasst, und da ist zum Beispiel rer Mirza Schasst), von dessen Liedern ich Dir vor einigen Tagen vorzulcsen begnadigt worden bin, den preist jedes Volk dieses dunkelen Welttheiles „Ha! fuhr der Monarch auf, Du hast schlecht gesprochen! Dieser Mirza Schasst) ist ein Verräther. Er hat dem dummen Volke hier weis gemacht, daß wir in unserem gesegneten Lande Nichts weiter Ihnen, als mit den Weibern tändeln, und Rosenduft und Sorbet schlürfen — gieb durch den Drath, den sie auSgespannt haben, sofort den Befehl, daß man dem Mirza Schasst) den Kopf vor die Füße leg!" „Ich würde eilen, allmächtiger Herrscher, Deinem Gebote Folge zu leisten, und wäre sehr glücklich es auszusühreu, wenn dieser elende Mirza Schasst), der solche Frevel begangen hat, nicht seit langer Zeit schon todt wäre." „Hat er gewagt zu sterben, der Rebell? Nun, die Völker hier müssen erfahren, daß Alles, was dieser Schuft gesagt hat, falsch ist, daß in meinem Lande das Schwert, nicht die Feder regiert, daß mein Volk ein tapferes, kriegerisches, abgehärtetes ist, das Nichts weiß, als meinen Winken zu gehorchen, und so befehle ich, daß Alle, welche in meinem unermeßlichen Reiche Mirza Schaffy heißen, zusammengetrieben, in das unterste Loch geworfen werden und verhungern sollen. Wehe Dir, wenn ich nach Hause komme und noch Einer athmet, der Mirza Schasst) heißt." Der Großvezir warf sich ans die Erde, das Gesicht zum Boden gewandt, und rief aus: „Dein Wille geschehe!" -- In diesem Augenblicke erschien ein Diener, beugte sich dreimal vor dem Herrscher, die Hände auf daS Knie gelegt und den Oberkörper in wagerechter Haltung. Nach einem Winke, daß er sprechen dürfe, sagte der Diener: „Allmächtiger Beherrscher der Sonne! Draußen weilen einige Männer aus dem Volke dieses Landes, die sich Deine gehorsamen Sklaven nennen, und vor Verlangen vergehen, vor die Sonne Deines Antlitzes treten zu dürfen." „So sage Ihnen, mein Befehl sei, sich zum Eblis zu scheeren!" „Sie sind aber mit einem Schreiben versehen, in welchem ihnen befohlen wird, vor Dir, König aller Könige, zu erscheinen." „Wer sind sie denn?" „Es sind Juden." „All,," crwiedcrte der Herrscher, „ich erinnere mich. Es war sehr dumm von Dir, Vezir, daß Du mich dazu beredet hast. Was will das elende Volk von mir? Ich bin empört. Sie sprechen alle, daß die erbärmlichen Ereature» ihres Volkes in meinem-Reiche verfolgt werden. In meinem Lande wird Niemand verfolgt. Jedem kommt sein stecht zu, jedem geschieht nur, was er verdient. Sie brauchen nicht einmal Soldaten zu werden und sich todtschießen zu lassen. Sie haben es besser als irgendwo. Ich will'Nichts mehr davon hören." Da neigte der (^oßvozir sein Antlitz zu dem Ohre seines Herrschers, und fprack leise zu ihm: „Oh, großer König, Tu hast mir besohlen, während unseres Aufenthaltes allhicr eine große Anleihe zu machen, um Deinem Schatze neue Ströme des Goldes zuzuführen. Du wirst zahllose Säcke Goldes und Silbers in Deinen Schatzkammern sehen, und wenn diese nach Deinem Willen geteert sein werden, so machen wir eine neue Anleihe, und immer so weiter, und zurück zahlen wir Nichts. Unter den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.